Die Nordhalle des Ostbahnhofs heute: Grüne Netze sollen dafür sorgen, dass nichts herunterfällt. Im Frühjahr wird ein Zwischenboden eingezogen.
Foto: Eric Richard

BerlinBloß keinen Orkan! Und bitte nicht doch noch einen weißen Winter mit Massen von Schnee! Denn dann müsste eine große Berliner Bahnstation für alle Reisenden, alle S-Bahnen und alle Züge gesperrt werden. Folge wäre, dass eine der am stärksten befahrenen Schienenstrecken in der Hauptstadt-Region lahm läge.

„Bei extremen Wettersituationen wie starkem Sturm oder starkem Schneefall würde der Ostbahnhof vorübergehend gesperrt – als Vorsichtsmaßnahme“, sagte ein Bahnsprecher der Berliner Zeitung. Statische Berechnungen hätten ergeben, dass die Hallendachkonstruktion unter bestimmten Bedingungen nicht mehr als tragfähig gelten kann.

Nordhalle des Ostbahnhofs: Der stählerne Patient

Wer auf die S-Bahn Richtung Alexanderplatz wartet und den Bereich jenseits des Gleises genau betrachtet, kann sie sehen. Die Stahlzylinder sind Teil eines Monitoringsystems, das die nördliche Bahnsteighalle des Ostbahnhofs seit einigen Monaten überwacht. Tag und Nacht überprüfen die Sensoren, ob sich die Dachkonstruktion in unzulässiger Weise bewegt. Zu dem aufwändigen Messaufbau gehören auch die grellgrünen Aufkleber, die an einigen der 29 Stahlrahmenbinder kleben – so werden die Dachträger genannt.

Messfühler in anderen Bereichen ermitteln, wie stark der Wind gerade ist. Auffälliger sind die grünen Netze unter den oberen Fensterscheiben, die verhindern sollen, dass vom Dach der Nordhalle etwas hinunterfällt. Keine Frage: Die Hallendachkonstruktion des Ostbahnhofs erinnert an einen Patienten, der rund um die Uhr überwacht werden muss.

Die stählerne Nordhalle von 1924, 209 Meter lang, 54 Meter breit und 18 Meter hoch, ist in die Jahre gekommen. Mehrmals, zum Beispiel im Jahr 2012, entdeckten Bauleute gerissene Zuganker – diese Stahlteile sorgen im unteren Bereich der Konstruktion für Stabilität. Im Frühjahr 2019 wurde damit begonnen, Fensterscheiben zu entfernen, damit das Dach weniger stark belastet wird. Ebenfalls im vergangenen Jahr kamen Statiker in den Friedrichshainer Bahnhof, um sich mit der Halle über den Bahnsteigen zu befassen. Ihr Bilanz: Bei besonderen Wetterbedingungen wie Sturm oder starkem Schneefall ließe sich nicht mehr nachweisen, dass die Konstruktion noch tragfähig ist.

Die Sicherheit geht vor

Darum sei es in solchen Fällen nötig, dass der gesamte Zugbetrieb eingestellt und die Halle umgehend geräumt wird.  „Wir wollen kein Risiko eingehen“, bekräftigte der Bahnsprecher. „Sicherheit geht vor.“ Selbst wenn das dazu führt, dass die Stadtbahn, die das Berliner Stadtzentrum von Ost nach West durchmisst, unterbrochen wird. „Falls es wirklich zu einer vorübergehenden Sperrung kommt, dürfen auch keine Züge mehr den Ostbahnhof passieren,“ hieß es.

Lange Geschichte

Anfangs ein Idyll: Duftende Tulpen- und Hyazinthenfelder, in denen die Berliner Kaffee trinken konnten, erstreckten sich neben den Gleisen, als der Frankfurter Bahnhof 1842 den Betrieb aufnahm.

Thema der Literatur: Im Schlesische Bahnhof, wie die Station ab 1881 heißt, kamen viele Berlin-Neulinge an.

Wieder ein neuer Name: 1950 wurde das Gebäude Ostbahnhof getauft. Er würde „selbst das Aussehen polnischer Provinzbahnhöfe unterbieten“, lästerte die Zeitung Die Welt.  

Ob S-Bahn-Fahrgäste, Regionalzugnutzer, ICE-Reisende: Alle Fahrgäste müssten sich andere Wege suchen. „Klar ist: Der Ostbahnhof ist sicher“, betonte der Mann von der Bahn. Die Dachkonstruktion werde rund um die Uhr überwacht. „Die Bahn ist mit einer Schneeräumeinsatzbereitschaft, die rund um die Uhr für den Ostbahnhof zur Verfügung steht, auf einen möglichen Wintereinbruch vorbereitet. Die Sicherheit der Kunden und Fahrgäste hat für die Bahn absoluten Vorrang.“ Immerhin: „Die Wahrscheinlichkeit, dass das aufgezeigte Szenario eintritt, ist freilich sehr gering.“

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Auch sei absehbar, dass die  strengen Sicherheitsregelung nicht mehr lange gelten werde. „Mit dem Abschluss der aktuell laufenden bauvorbereitenden Maßnahmen im März 2020 kann sie aufgehoben werden“, sagte der Bahnsprecher. Der Einbau von Stützen hat 2019 begonnen. In diesem Frühjahr geht die Sanierung der Hallendachkonstruktion, die vor einem Jahrzehnt begonnen hat, in eine wichtige Phase. Für mehr als 70 Millionen Euro wird das Dach grundlegend erneuert, so die Bahn. „Die Bauarbeiten dauern voraussichtlich bis 2025 und finden, soweit möglich, unter dem rollenden Rad statt – mit wenig Einschränkungen für den Zugverkehr. Dafür wird ein Hängegerüst als Zwischenboden eingebaut“, teilte der Sprecher mit.

1965 im Ostbahnhof: Der „Vindobona“ nach Wien hält neben einem Dampfzug.
Foto: DB/Schulz

Es ist ein umfangreiches Projekt für einen Bahnhof, der an Bedeutung verloren hat. Die jüngsten Zahlen datieren von 2016. Damals stand der Ostbahnhof mit 72 000 Besuchern pro Tag in Berlin auf Platz 10. Während 77 Prozent der Fernverkehrsreisenden in Berlin am Hauptbahnhof ein- und ausstiegen, waren es am Ostbahnhof 4,1 Prozent.     

Serienmörder Karl Grossmann sprach im Wartesaal viele seiner Opfer an 

In den vergangenen Jahren wurde der ICE-Verkehr ausgedünnt, und auch der Regionalexpress nach Cottbus und Wismar hält nicht mehr. In der Station ist es ruhig geworden.  Dabei hat sie eine lange Geschichte. Als der damalige Frankfurter Bahnhof 1842 öffnete, lag er noch inmitten von Blumenfeldern. Als er 1881 der Namen Schlesischer Bahnhof bekam, war er schon von Mietskasernenvierteln umringt. Landarbeiter aus Ostelbien, Handwerker aus Schlesien, denen die Industrialisierung die Arbeit genommen hatte, und junge Frauen, die in einem begüterten Haushalt eine Stellung anstrebten, kamen dort an. Im Wartesaal sprach der Serienmörder Karl Grossmann viele seiner Opfer an.

1950 gab es erneut eine Umbenennung: in Ostbahnhof. Als die Station 1987 Hauptbahnhof getauft wurde, hatte sie ihr Aussehen verändert. Die alte Empfangshalle war gesprengt und durch ein Gebäude ersetzt worden, das der DDR-Hauptstadt zur 750-Jahr-Feier ein repräsentatives Entree verschaffen sollte. Inzwischen wurde wieder umgebaut, und seit 1998 heißt die Anlage wie früher wieder Ostbahnhof.