Vorsicht an der Bahnsteigkante! Taubendreck. Nicht nur auf dem Boden hinterlassen die Vögel Spuren. Viele Scheiben der beiden Kuppeldächer, die sich über die Halle wölben, sind blind von ihren Geschäften.

Bitte Vorsicht bei der Einfahrt des Zuges! Die Regionalbahn nach Frankfurt/ Oder rollt auf Gleis 1 ein. In zwei Minuten fährt sie weiter. Ein paar Reisende, allen voran Pendler, steigen aus, ein paar steigen zu. In den Wagen sind viele Plätze frei.

Frei sind auch die anderen vier Gleise für den Fern- und Regionalbahnverkehr. Nur die S-Bahn, die auf vier Gleisen verkehrt, ist im Minutentakt in Bewegung. Ansonsten ist an diesem späten Freitagvormittag wenig los.

Ostbahnhof wechselte häufig den Namen

Was herrschte einst für ein Verkehr in diesem Bahnhof, der so oft seinen Namen wechselte wie kein anderer in Berlin, zum vorerst letzten Mal vor 20 Jahren, am 24. Mai 1998.

Am Gleis 1 am südöstlichen Ende der Bahnhofshalle gibt eine Tafel schwarz auf messingfarben Auskunft, wie der Bahnhof schon hieß: von 1842 bis 1881 Frankfurter Bahnhof, 1881 bis 1950 Schlesischer Bahnhof, 1950 bis 1987 Ostbahnhof und 1987 bis 1998 Hauptbahnhof, und seit 1998 heißt er wieder Ostbahnhof.

Der Ostbahnhof ist nach Hauptbahnhof und Bahnhof Südkreuz der drittgrößte Berlins. Was aber seine Nutzung angeht, liegt er nur auf Platz zehn; selbst auf den Bahnhöfen Lichtenberg, Ostkreuz und Friedrichstraße ist mehr los. In seiner langen Geschichte hingegen ist reichlich was los.

Als westlicher Endpunkt der Eisenbahn nach Frankfurt (Oder) nimmt der Frankfurter Bahnhof 1842 seinen Betrieb auf. Mit dem Bau der Berliner Stadtbahn wird der Kopf- zum Durchgangsbahnhof umgebaut und 1881 in Schlesischer Bahnhof umbenannt. Daraufhin stellt der 400 Meter nordöstlich gelegene, als Endpunkt der Königlichen Ostbahn 1867 eröffnete Alte Ostbahnhof am Cüstriner Platz (heute: Franz-Mehring-Platz) seinen Personenverkehr ein. Von 1929 bis zu seiner Zerstörung 1944 beherbergte das Bahnhofsgebäude das Varieté Plaza.

Das Tor zum Osten

Der Schlesische Bahnhof ist das Tor zum Osten, Ausgangspunkt für alle Reisen von Berlin nach Ost- und Südosteuropa. Die Züge erreichen 1914 Breslau in vier, Danzig in sechs und Königsberg in acht Stunden; diese Reisezeiten sind noch heute unerreicht.

Es gibt Verbindungen nach Sankt Petersburg, nach Moskau und ab 1927 sogar nach Tokio – die Zugreise über 12000 Kilometer durch sieben Zeitzonen dauert zwölf Tage und kostet 650 Mark (heute rund 2400 Euro).

Der Ostbahnhof von heute kann das Fernweh nur noch selten stillen. Die Deutsche Bahn hat im Mai 2006 die Zahl der täglichen Fernverkehrshalte von 146 auf 98 verringert – und die der Regionalzughalte von 236 auf 198. Nur noch vier Linien führen ins Ausland: in die Schweiz (Basel, Bern, Interlaken Ost), nach Amsterdam, Warschau und Moskau.

Typisches Bahnhofsmilieu mit Absteigen und Bordellen

Der Schlesische Bahnhof ist auch das Tor vom Osten. Hunderttausende Reisende kommen hier an. Und nach der Oktoberrevolution 1917 auch viele Flüchtlinge. „Man fühlte, dass hier eine andere Welt begann. Die Menschen auf den Bahnsteigen, die Gerüche, die ganze Atmosphäre war unverkennbar östlich“, schreibt Hans von Herwarth, der im April 1931 am Schlesischen Bahnhof seine erste Dienstreise als Diplomat nach Moskau antrat. „Unser Militärattaché in Moskau, General Ernst Köstring, behauptete immer: ,Asien beginnt am Schlesischen Bahnhof’.“

Ein typisches Bahnhofsmilieu mit Absteigen, Nachtlokalen und Bordellen wuchert um den Schlesischen Bahnhof. Hans Fallada beschreibt das Viertel in seinem Roman „Wolf unter Wölfen“ so: Zu der „Trostlosigkeit der Fassaden, den üblen Gerüchen, der öden, dürren Steinwüste kam eine wilde, verzweifelte Schamlosigkeit, Geilheit aus der Gier, einmal selbst etwas zu sein in einer Welt, die in sausender, irrer Fahrt jeden mitriß, unbekannten Dunkelheiten zu“.

In diesem Milieu wohnen Menschen, die weit über Berlin bekannt werden sollten: In der Kleinen Andreasstraße lebt Heinrich Zille als Kind; in der Blumenstraße verbringt Alfred Döblin seine Jugend; in der Langen Straße 22 hinter dem Bahnhof haust der Schuster Wilhelm Voigt, der „Hauptmann von Köpenick“, und in der Lange Straße 88 Carl Großmann, der Serienmörder, der vor dem Bahnhof Wurst verkauft und im Wartesaal seine Opfer anspricht.

Im Zweiten Weltkrieg rollen vom Schlesischen Bahnhof aus Truppen und Waffen an die Ostfront. Soldaten auf dem Weg in den Heimaturlaub machen hier Station.

Heutzutage ist der Ostbahnhof vor allem trostlos

Mit Ende des Krieges hört der Bahnhof auf, Drehkreuz Europas zu sein.

Die heutige mittelbare Umgebung des Bahnhofs ist immer noch eines: trostlos. Auf dem nördlichen Bahnhofsvorplatz, am Hinterausgang, bieten Verkaufsstände Backwaren und Obst, Reisgerichte, Döner und Burger sowie Billigklamotten feil. Ein Mann frühstückt eine Flasche Bier.

Es rasselt, röhrt, rattert. Das ehemalige Galeria-Kaufhof-Warenhaus auf dem Platz wird komplett umgebaut; der sechsgeschossige Würfel, dessen Grundfläche 80 mal 80 Meter misst, ist seiner Frontfassade beraubt; das Skelett des Rohbaus gähnt den Betrachter an.

Als Centrum-Warenhaus wird das mit bunten Fassadenplatten versehene Gebäude 1979 eröffnet. Im damals modernsten Warenhaus der DDR gibt es auch Konsumgüter, die anderswo nur unter dem Ladentisch zu haben sind. Davon profitiert auch der Bahnhof, denn viele Kaufhauskunden kommen mit dem Zug.

Der Bahnhof ist da längst nicht mehr ein „Schlesischer“ mehr. Nachdem sie 1950 die Oder-Neiße-Grenze als Grenze zu Polen anerkannt hatte, tilgte die DDR das nicht mehr deutsche Schlesien aus dem Bahnhofsnamen. „Bahnhof der Freundschaft“ war im Gespräch, die Verantwortlichen entschieden sich für Ostbahnhof.

Ostbahnhof spielt keine Hauptrolle mehr

Dieser Name hat 37 Jahre und zwei Wochen Bestand. Nach einer grundlegenden Umgestaltung des Bahnhofs zur 750-Jahr-Feier Berlins – eine neue dreigeschossige Empfangshalle, neue Bahnsteige, neue Hallendächer, Fußgängertunnel und Treppen – wird am 15. Dezember 1987 der Ostbahnhof in Hauptbahnhof umbenannt.

Der Hauptbahnhof spielt keine Hauptverkehrsrolle, der Großteil des Zugverkehrs rollt über Lichtenberg und Schöneweide.

Umbauten im Jahr 1998 – unter anderen Verlängerung der Fernbahnsteige – geben dem Bahnhof, der seitdem wieder Ostbahnhof heißt, einen Schub: Die Zahl der täglichen Zugfahrten, 1987 etwas mehr als 20, steigt auf rund 400. Doch der Verkehr verlagert sich erneut.

Das Kommen und Gehen in der Bahnhofsvorhalle ist an diesem Vormittag überschaubar. Ein paar Reisende verlieren sich darin, drei Sicherheitskräfte der Bahn schlendern vorbei.

Ostbahnhof will von East Side Mall profitieren

Es gibt wenig, das zum Verweilen verführt: ein paar Läden, die etwas zu essen und zu trinken anbieten. Und es gibt dazu einen Zeitungs- und Zeitschriftenverkäufer, einen Apotheker, einen Friseur, einen Floristen, zwei Bekleidungs- und zwei Schuhgeschäfte, drei Mobiltelefon-Läden nebeneinander, einen Sexshop und Leerstand.

Aber es tut sich was am Ostbahnhof: Der Umbau des Warenhauses zu einem Büro- und Geschäftshaus, unter anderem mit Restaurants und einem Supermarkt, Arztpraxen und einer Apotheke, soll im dritten Quartal 2020 abgeschlossen sein; die Eröffnung des Einkaufszentrums East Side Mall an der Mercedes-Benz Arena ist zwei Jahre vorher geplant.

Die Deutsche Bahn hofft, dass der Ostbahnhof davon profitieren wird. Dazu will sie in den kommenden Jahren 70 Millionen Euro in den Bahnhof investieren. Die Sanierung soll 2021 abgeschlossen sein.