Ostbrandenburg: Furchtlose Elche in Brandenburg

Zwei wandernde Elche ziehen seit mehr als einer Woche die Aufmerksamkeit in Ostbrandenburg auf sich. Die Tiere wurden zunächst im Oderbruch gesichtet, ein paar Tage später streiften sie schon in Wäldern um Fürstenwalde umher, nur rund vierzig Kilometer östlich der Berliner Stadtgrenze. Die mächtigen Tiere kämen aus Polen, wo es immer mehr Elche gebe, sagt Diplombiologin Ina Martin. „Sie wandern auf uralten Wegen und suchen nach neuen Lebensräumen.“
Martin, die am am Thünen-Institut für Waldökosysteme in Eberswalde arbeitet, erfasst Daten zum Elch. Nach ihrer Einschätzung ist Brandenburg ein Durchzugsland für die Tiere. Sie würden offene Waldlandschaften und Feuchtgebiete bevorzugen und die Ruhe suchen, sagt Martin. „Der Elch ist anpassungsfähig.“

Zweige, Blätter, Hülsenfrüchte

Brandenburg ist vorbereitet. Seit 2013 gibt es einen Elch-Managementplan für das Bundesland. Das Regelwerk soll die Grundlagen schaffen „für ein möglichst konfliktarmes Miteinander von Mensch und Elch in den nächsten Jahren“.
Der Elch mag wie ein Gemütstier wirken, ganz unkompliziert ist das Zusammenleben mit ihm aber nicht. Vor allem Waldbesitzer ärgern sich über den gewaltigen Appetit der Tiere. Gut eine halbe Tonne wiegen die Bullen, auf 400 Kilogramm bringen es die Elchkühe, und dieses Gewicht müssen sie sich erst einmal anfuttern.

Gerade im Frühjahr verzehren sie bis zu fünfzig Kilo Triebe, Zweige, Laub und Rinde. Dabei wissen die Elche ihr Gewicht einzusetzen: Sind die leckeren Zweige an einem Baum zu hoch, dann rennen sie ihn einfach um. Bis zu vier Meter große Bäume bringen sie so zu Fall. Förster nennen diese Art der Nahrungsbeschaffung „Niederreiten“.

Natürlich verschmäht der Elch auch die Früchte der märkischen Äcker nicht: Hafer und Hülsenfrüchte mag er besonders gern. Dass Elche sich an Obst in Gärten labten, wie es in Schweden häufig passiert, sei in Brandenburg aber noch nicht vorgekommen, sagt Ina Martin.

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Wenn der Elch gerade nicht frisst oder schläft, läuft er herum, und auch das ist nicht ganz unproblematisch: Während der Streifzüge könne ein Elch auch schon mal auf der Autobahn haltmachen, berichtet Wissenschaftlerin Martin. „Die Tiere sehen im Straßenverkehr keine Gefahr und bleiben einfach stehen“, sagt sie. So käme es auch zu Unfällen, wie beispielsweise 2012 auf dem Berliner Ring. Dabei wurde das Tier getötet und ein Kraftfahrer verletzt. Weil sie so groß und schwer sind, gelten die Elche als besonders gefährlich für die Insassen eines Autos: Bei einem Aufprall treffen sie meist auf die Windschutzscheibe oder den vorderen Teil des Dachs, gerade ältere Autos halten dieser Belastung oft nicht stand. Im Winter suchen die Tiere die Straßen übrigens besonders häufig auf: Dann lecken sie den Asphalt, um das Salz aufzunehmen.

Und schließlich können die Elche auch Spaziergängern gefährlich werden: Sie sollten Kühen mit Kälbern aus dem Weg gehen, rät Ina Martin. „Sie verteidigen ihr Junges mit den Vorderhufen.“ Während der Paarungszeit im Herbst sei es auch ratsam, einen großen Bogen um die Bullen zu machen.

Außer in Brandenburg kommen Elche vereinzelt auch in Mecklenburg-Vorpommern vor. Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dort 1959/1960 ein Elch gesichtet, heißt es im Elch-Managementplan. In den Folgejahren sei es sporadisch zu Elchbegegnungen gekommen. Das Bundesland liege etwas abseits der polnischen Vorkommen. In Vorpommern sei an der Grenze zu Brandenburg 2012 zweimal ein Elch gemeldet worde

Ein natürlicher Feind

Auch in Bayern sind Elche beobachtet worden. Seit 1992 gibt es Hinweise auf wandernde Elche im Bayerischen Wald. Bis Ende 2011 lagen mehr als 50 Meldungen vor. Die Tiere stammten aus Tschechien. Dort kamen mutmaßlich auch jene Elche her, die in Sachsen gesichtet wurden – beispielsweise in der Region Görlitz und im Erzgebirge.
Manchmal würden Elche ein bis zwei Wochen in Brandenburg gesichtet und verschwänden dann wieder. „Das heißt, sie sind weiter westwärts gezogen oder umgekehrt“, erläutert Ina Martin. Elche zögen sich zurück, wenn ihnen das Siedlungsnetz und die Verkehrswege zu dicht seien. Nur eine sehr kleine Zahl hat sich bislang permanent in Brandenburg niedergelassen: nach Schätzungen im Elch-Managementplan fünf Tiere.

Ihre Belange sollen künftig bei der Planung großer Straßen berücksichtigt werden und auch bei der Suche nach Standorten für Grünbrücken, über die Tiere stark befahrene Straßen überqueren können. Durch das Monitoring soll auch erfasst werden, wie sich die nach Brandenburg einwandernden Elche ausbreiten. Bejagt werden dürfen sie nicht. Nur einen Feind hat der Elch darum in Brandenburg. Es ist ein anderer Zuwanderer aus Polen: der Wolf. (fred/dpa)