Zittau - Vielleicht gehören die Bohrer Frank Scholze. Kann ja sein. Man weiß es noch nicht. Scholze ist Geschäftsführer des Tiefbauunternehmens Osteg in Zittau. Zittau hat 27.000 Einwohner, ist eine hübsche alte Stadt, das Firmengrundstück an der Friedensstraße liegt genau an der Neiße, der Grenze zu Polen. Scholze, ein bedächtiger Mann, Chef von 160 Tiefbauern, blickt aus dem Fenster zur Neiße rüber und erzählt eine unglaubliche Geschichte nach der anderen. Wahre Geschichten über Einbrüche und Diebstähle in der Mittagspause. Wahre Geschichten aus den vergangenen drei, vier Jahren, in denen sein Arbeitsalltag absurd geworden ist. Und nahezu unerträglich.´

Über Bohrer steht an diesem Tag etwas im Lokalteil der Zittauer Zeitung. Das Blatt ist voller Polizeimeldungen: Schuppen in der Chopinstraße aufgebrochen. Mountainbike und andere Sachen weg, 9.650 Euro Schaden. Auf derselben Seite eine Statistik über Autodiebstähle, erstes Halbjahr 2012: 96 Autodiebstähle und 87 Versuche in Zittau, 50 Diebstähle und 48 Versuche in Bautzen, 50 Diebstähle, 28 Versuche in Görlitz, 31 und elf in Hoyerswerda.

Auf derselben Seite ein kurzer Bericht: Tschechischer Autodieb bleibt trotz Geständnis in Haft. Nächste Seite: Diebstahl einer Profiliermaschine zur Blechbearbeitung in Neugersdorf, 4.000 Euro Schaden. Übernächste Seite schließlich: Polizei sucht Besitzer von Bohrern und Schrauben, die in der Bahnhofsstraße von Zittau bei einem 34-jährigen Polen sichergestellt wurden, der dort auf einem gestohlenen Fahrrad unterwegs war.

Mit der Geduld am Ende

Ein paar geklaute Bohrer. Wenn es nur die wären. Neben Frank Scholze sitzt Petra Lehmann, die Prokuristin der Baufirma. Ihre Geduld ist am Ende. "Mir reicht es jetzt", sagt sie. Sie wird das Gelände mit rasiermesserscharfem Nato-Draht einzäunen lassen.

Was soll sie auch sonst machen? Die Firma Osteg baut in Zittau und Umland, dem Dreiländereck zwischen Polen, Sachsen und Tschechien. Allein in diesem Jahr wurden 16 Osteg-Baustellen von Dieben abgeräumt. Scholze sagt: "Im Schnitt haben wir 85.000 bis 100.000 Euro Diebstahlschäden pro Jahr. 2012 kommen wir locker drüber."

Ob Rüttelplatten oder Baulaser, Nivelliergeräte, Werkzeug oder einfach Diesel aus den Tanks der Bagger und Laster: "Alles wird geklaut", stöhnt Scholze. "Wir kriegen unsere Baustellen nicht mal mehr versichert." Und was weg ist, ist meistens weg für immer.

Diebstahl mit GPS

Am Donnerstag, 21. Juni, setzt sich abends gegen acht Uhr ein Radlader in Bewegung. Ganz langsam fährt das schwere und 50.000 Euro teure Ungetüm von der Baustelle in Zittau über die Grenze nach Polen. Petra Lehmann schaut dem Diebstahl vom Bürocomputer aus zu: Das Ding hat einen GPS-Sender wie alle wertvollen Baufahrzeuge der Osteg. Auf ein paar Meter genau verfolgt sie am Bildschirm auf einer Karte, wie ihr Radlader langsam durch Polen davontuckert. Sie ruft den Chef, sie ruft die örtliche Polizei, die ruft die polnischen Kollegen.

Erst am Mittag des nächsten Tages, 15 Stunden später, findet man das langsame Gerät 50 Kilometer entfernt in einem Wald. Obwohl Frau Lehmann im Minutentakt durchgegeben hat, wo sich ihr Radlader gerade bewegte. Der Dieb ist weg. Sie sagt: "So etwas ist doch unfassbar."

„Der wäre bis in die Ukraine gefahren“

"Die deutschen Polizisten mussten sich zurückziehen, die polnischen waren nicht da. So kann es doch nicht weitergehen", schimpft ihr Chef. "Hätte der Radlader kein GPS gehabt, der wäre bis in die Ukraine weitergefahren, ohne dass ihn jemand gestoppt hätte."

"So kann es nicht weitergehen", das ist der Satz, den man jetzt überall an der Grenze in Sachsen, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern hört. Im Jahr 2004 traten Polen und Tschechien der EU bei, 2007 wurden die Grenzkontrollen abgeschafft. "Fragen Sie mal hier in der Gegend herum", sagt Petra Lehmann, die Prokuristin."Wir haben nichts gegen Polen. Aber hier sind hundert Prozent dafür, wieder Grenzkontrollen einzuführen."

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Angermünde in der Uckermark, Ortsteil Kerkow, 370 Kilometer von Zittau entfernt, Brandenburger Landtechnik, Filialleiter Michael Branding, 47. Ein großes Gelände, mächtige Claas-Trecker, manche 150.000 Euro und mehr wert, stehen im Hof, Strohpressen, Pflüge, Sämaschinen. Branding, ein athletischer und freundlicher Mann, steht vor dem Eingang seines Büros und zeigt auf den Zaun gegenüber. "40 Rasenmäher auf einen Schlag", sagt er.

Die Diebe kamen im Morgengrauen und raubten seine Verkaufsräume aus. Sie montierten Gelenkwellen aus Traktoren, stahlen Anhängerkupplungen, klauten das teure Innenleben einer Strohpresse. Branding ließ einen 40.000 Euro teuren Zaun bauen, installierte Alarmanlagen, Bewegungsmelder, ließ ein schweres Tor bauen. Nützt nichts.

2,2 Millionen Euro Verlust

An einem Sonntag im November 2011 reicht es ihm. Mit seinem Freund Udo Schellner, einem Waldunternehmer, dem schwere Holzernte-Maschinen gestohlen wurden, sitzt er zu Hause. Beide reden über das Klauen in der Uckermark, beide kommen auf die Idee: Lasst es uns auflisten. Sie fragen die Unternehmer in Angermünde, Joachimsthal, in Althüttendorf, in Felchow und Chorin. 92 Firmen machen mit. Verluste durch Diebstahl und Einbruch in den letzten Jahren: 2,2 Millionen Euro.

Autoservice Löhn in Schmargendorf: 56.000 Euro, Kia-Motors Angermünde: 25.000 Euro, Landwirtschaftsbetrieb Apetz in Angermünde: 110.000 Euro, Autohaus Brosda: 70.000 Euro, DHG Handelsgesellschaft in Casekow: 315.000 Euro.

Casekow sei unglaublich, meint Branding: Die Firma lasse abends schwere Betonquader vor den Eingang hieven, um Diebe abzuschrecken. Dort seien Einbrecher dann durchs Fenster eingestiegen und hätten teure Mais-Spritzmittel in 50-Liter-Tonnen gestohlen, die tags zuvor angeliefert wurden. "Das ist doch organisierte Kriminalität. Das sind doch Auftragstaten nach Bestellung", sagt er. "Die haben Insiderwissen. Da müssen auch Leute von hier mitmachen."

10.000 Euro Schaden pro Nacht

Michael Branding und sein Freund machten aus ihrer Liste eine Petition für den Brandenburger Landtag, ein Lokalredakteur aus Angermünde schrieb, im Wahlkreis von Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) würden jede Nacht Dinge im Wert von 10.000 Euro über die Grenze verschwinden. Tags darauf klingelte bei Branding das Telefon, Potsdam war erwacht. "Jahrelang haben die alles schöngeredet, kamen mit Statistiken, dass die Kriminalität insgesamt abnimmt. Aber was hier vor Ort los ist, wollte keiner sehen. Reine Menschenverdummung, diese Statistiken."

Branding sitzt in seinem Bürostuhl und überlegt. Mindestens zehn Trecker seien in der Gegend gestohlen worden. Einen hätte man wiederbekommen, einen John Deere mit Knicklenker, ein Ungetüm so teuer wie ein Einfamilienhaus. Der Dieb sei damit losgefahren, eine Frau habe es gemerkt, weil es nur zwei solche Riesen-Trecker in der Gegend gebe. Die Polizei kam schnell, aber der Dieb war weg.

Ein Stöpsel in der Uckermark

Auch Branding kann eine Geschichte nach der anderen erzählen. Wenn man ihm zuhört, könnte man glauben, jemand habe in der Uckermark einen Stöpsel gezogen wie in einer Badewanne – und alles verschwindet. In Casekow hätten Diebe einen Baum gefällt, um den Trecker vom Grundstück fahren zu können. Der Lohnunternehmer dort habe einen Einbruch "pro Woche". In Angermünde habe eine Frau ihren Modeladen aufgegeben, nachdem er zweimal komplett ausgeräumt wurde.

"Hier wird fast alles geklaut“", sagt Branding. Er ist ratlos, wütend, fühlt sich schutzlos. "Über Autos reden wir hier nicht mal mehr. Landmaschinen, Baumaschinen, Traktoren, aber auch Rinder, Fahrräder, Buntmetall, Diesel, Kupferdachrinnen, sogar Karpfen aus Teichen."

Früher hätten die Bauern zur Erntezeit ihre Maschinen nachts auf den Feldern gelassen. Heute fahren sie nach der Arbeit zurück auf den Hof und verbarrikadieren alles. "Ein Irrsinn!" Er habe nichts gegen Polen, ein Viertel seiner Kunden kämen von jenseits der Grenze. "Aber es muss endlich etwas passieren."

Stehlen auf Bestellung

Potsdam schickt inzwischen Bereitschaftspolizisten an die Grenze. Es gibt gemeinsame Streifen mit der polnischen Polizei, es gibt gemeinsame Büros, es gibt Hubschrauber, die auf drei Kilometer Entfernung Nummernschilder erkennen können. Es gibt Polizeisondereinheiten in Brandenburg und Sachsen und Staatsanwaltschaften, die sich mit organisierten Banden befassen.

Was es zu wenig gibt, sind erkennbare Erfolge.

Löbau in Ostsachsen, Johanniskirche, abends. Obermeister Uwe Henkel hat eingeladen. Er ist Autohändler, hat eine Skoda-Vertretung. "Zweites Sicherheitsforum Oberlausitz" heißt die Veranstaltung. Etwa hundert Leute aus Löbau und Umgebung sind gekommen. Man nimmt die Dinge in die Hand, lädt sich den sächsischen Polizeipräsidenten ein, einen Chef der Bundespolizei, zwei leitende Oberstaatsanwälte.

Woher kommen die Täter? Oberstaatsanwalt Wolfgang Schwürzer aus Dresden berichtet. Dresden ist längst Deutschlands Hauptstadt des Autodiebstahls geworden. "Wir können das Problem der osteuropäischen Bandenkriminalität nicht lösen", sagt er. "Sie sind das Hauptproblem. Sie kommen und stehlen auf Bestellung." Es seien Banden aus Litauen oder Polen. Sie suchten im Internet auf Autoseiten, dann würden Trupps losgeschickt. Nicht nur ins Grenzgebiet, obwohl das einfacher sei. Mittlerweile würden auch Autos in Portugal gestohlen.

Mühlselige Aufklärung

Schwürzer erzählt, wie mühselig die Aufklärung, wie viel Kleinarbeit nötig ist, um nachzuweisen, dass ein Täter schon mehrfach geklaut hat. Ende 2010 verurteilte das Landgericht Dresden den Kopf einer Baumaschinen-Bande zu sechs Jahren und acht Monaten Haft, im März 2012 wurde Anklage gegen eine Bande erhoben, die sich auf Mercedes-Transporter spezialisiert hatte, im April fasste man eine polnisch-deutsche Autodiebesbande.

Der Autohändler Henkel ist ein schmaler, höflicher Mann mit dunklem Bart. Er ist kein Rechtsradikaler, kein Scharfmacher, kein Hysteriker. Er ist ein Mann mit Problemen, für die er nichts kann. Ihm wurden drei Autos gestohlen. Auch er sagt: "So kann es doch nicht weitergehen!" Er liest aus der Lokalzeitung vor. "Großschönauer drohen mit Selbstjustiz." Berichtet, dass Leute dort eine Bürgerwehr aufbauen möchten, leider fehlen die jungen Männer dafür.

"Wellness-Gefängnisse"

Die Lage sei brisant, warnt er. Es werde geredet und geredet, doch es komme nichts dabei heraus. Dann eröffnet er die Fragerunde für alle in der alten Kirche von Löbau. Es folgt das übliche Geschimpfe: zu lasche Strafen, deutsche "Wellness-Gefängnisse", wie konnte man nur die Grenze so schnell öffnen? Kein Wunder, wenn die Diebe aus Osteuropa kämen bei dem Wohlstandsgefälle. Ruhig mal härter anfassen. Und so weiter. Ein Rentner berichtet, wie sein Wohnwagen kürzlich in Ebersbach gestohlen wurde.

Dann steht ein junger Mann auf. Er habe einen Laden, sagt er. Ein Kunde von ihm wurde zusammengeschlagen, dann das Auto geraubt. "Ich will eine Waffe haben", sagt er. "Ich will Gesetze wie in Amerika und mein Eigentum verteidigen dürfen."
Das ist der Moment. So weit sind einige schon. "Um Gottes willen", sagt Oberstaatsanwalt Martin Uebele aus Görlitz. "In den USA gibt es mehr Schusswaffen als Einwohner und 16.000 Tote dadurch jedes Jahr. So etwas will ich auf keinen Fall."

Polizeipräsident Bernd Merbitz eilt ans Mikrofon: "Macht das nicht. Wir sind hier doch lange nicht Mexiko oder Brasilien."

Nach fast drei Stunden ist Schluss. Man ist so klug wie vorher. Es gibt kein Ergebnis, nur mulmige Gefühle. "Wenn uns die Gesetze nicht helfen, wenn uns die Behörden nicht helfen – was ist denn dann?", fragt der Autohändler Henkel.