An den Ufern des Osthafens blinkt der Aufschwung Ost in Gestalt modernster Büroarchitektur, aus dem glitzernden Wasser ragt die überdimensionale Skulptur „Molecule Man“.

Etwas stört in diesem aufgeräumten Panorama: Ein vor sich hinrostendes Fahrgastschiff, 41 Meter lang, liegt halb versunken in der Nähe des Stegs, der sich durch das riesige Wasserbecken der Spree zieht. Rost bildet braune Streifen auf dem einst weißen Lack des Schiffs, Fenster und Bullaugen im Rumpf fehlen, Türen an Deck stehen offen. Ein Wrack – mitten in einem Showroom von Berlin.

Heute sind es genau 20 Jahre, dass das Schiff an diesem Liegeplatz vor Anker ging, hat Peter Klose, Berliner Softwareentwickler mit Faible für Schiffe, in langen Recherchen herausgefunden. Sein Ziel: die „Dr. Ingrid Wengler“ (benannt nach einer verstorbenen Ärztin) zu heben und irgendwann wieder fahrtüchtig zu machen. Mit einer symbolischen Aktion fiel am Montag der Startschuss für dieses Vorhaben, an dessen Gelingen im Moment bestenfalls der Initiator glaubt. Technisch wäre eine neue Zukunft für das Schiff mit Doktortitel wohl machbar, aber dazu müsste erst dessen jüngere Geschichte bewältigt werden. Die begann Anfang der 90er-Jahre, als sich abzeichnete, dass auf den wieder frei zugänglichen Gewässern im Osten touristische Schifffahrt ein erfolgreiches Geschäftsmodell sein würde.

Alte DDR-Erkenntnisse

Der Berliner Physiker Günther van de Lücht ergriff die Chance, rüstete das 1959 in Holland gebaute Frachtschiff mit viel Mahagoniholz und Messing zum kleinen aber luxuriösen Passagierschiff mit Schlafkabinen aus und begann mit dem Betrieb.

Fotos zeugen von dieser Zeit erster Erfolge: Schiff vor Loreley, Schiff vor Schweriner Schloss, Schiff vor Schleuse Voßwinkel. Doch hier stieß das junge Unternehmen im wahrsten Sinne auf alte DDR-Verhältnisse: kaputte Schleusenkammern ließen die Durchfahrt nicht zu. Nach einigen ähnlichen Vorkommnissen, in deren Folge van de Lücht die Reisekosten erstatten musste, fiel sein Finanzierungskonzept ins Wasser. Die Bank nahm das Schiff in Beschlag, es lag einige Jahre an der Südspitze der Insel Stralau und der Eigner wohnte darauf.

Bis das Wasser- und Schiffahrtsamt (WSA) 1996 die „Dr. Ingrid Wengler“ in den Osthafen schleppen ließ. Weil das Schiff in Stralau eine öffentliche Anlegestelle blockiert habe, sagt das WSA. Alles nicht wahr, erwidert van de Lücht, er vermutet alte DDR-Kader in dem Amt hinter der Aktion. Sein Groll auf das Amt sitzt tief, denn nach dem Zwangsumzug des Schiffs, das keine Strom- und Wasseranschlüsse mehr hatte, platzte in einer Frostnacht ein Schlauch, Wasser zerstörte das Innenleben, das Schiff sackte ab.

Peter Klose würde es gern erstmal an den nahen Steg ziehen und es dort vertäuen, aber dazu will das WSA eine zustimmende Vollmacht des Eigners van de Lücht. „Die kriegt das WSA nicht“, sagt der. Denn das Amt trage Verantwortung für den traurigen Zustand des Schiffs, und daraus wolle er das WSA nicht entlassen. Die Behörde sieht dagegen die alleinige Zuständigkeit bei van de Lücht. Wird die Blockade nicht gelöst, wird die ruhende Angelegenheit namens Dr. Ingrid Wengler also weitere Jahre in bester Lage vor sich hinrosten.

Es könnte eine unbürokratische Lösung geben

Vielleicht hilft nach so viel Pech ein glücklicher Zufall. Denn der „Historische Hafen Berlin“ will mit seinen 16 historischen Schiffen von seinem jetzigen Standort an der Fischerinsel in den Teil des Osthafens umziehen, wo van de Lüchts (zu) frühes Aufschwungprojekt auf dem Bauch liegt. Im Moment gibt es zwei Perspektiven: Entweder findet sich im Rahmen des Museumshafenprojekts eine unbürokratische Lösung für eine Bergung. „Oder wir lassen das Wrack so liegen,“ heißt es beim Museum. „Denn zur Schifffahrtsgeschichte gehört ja auch, dass Schiffe untergehen“.