Berlin - Mit der Ruhe ist es schon lange vorbei. Am Ostkreuz erlebt Friedrichshain einen gewaltigen Umbruch. Kneipenmeilen sind entstanden, Touristen drängen sich auf den Straßen. „Bei den Mieten herrscht Wildwest, Mietwohnungen werden zu Ferienwohnungen“, berichtet Carsten Joost, Architekt und Bürgerdeputierter der Piraten, der das Viertel gut kennt.

Nun soll die Sonntagstraße, eine szenige Wohnstraße, auch noch zur überregionalen Verkehrstrasse werden: Der Senat will dort eine Straßenbahnstrecke bauen, um das Ostkreuz zu erschließen. Das stößt bei Anwohnern auf Widerstand. Joost: „Wir wollen keine Bahn in der Sonntagstraße.“

Erste Pläne, in der einst ziemlich ruhigen Gegend Gleise zu verlegen, liegen schon seit 2002 beim Senat in der Schublade. Damals ergab eine Trassen-Untersuchung: Am besten wäre es, wenn die Straßenbahn zum Ostkreuz über die Sonntagstraße verliefe. Dann könnten die Züge unmittelbar vor dem Bahnhof halten.

Zwischen Wühlischplatz und Marktstraße müssten auf anderthalb Kilometern Gleise verlegt werden, sagt Petra Rohland, Sprecherin des Stadtentwicklungssenators Michael Müller (SPD). Geschätzte Kosten: rund 15 Millionen Euro. Spätestens 2014 soll das Genehmigungsverfahren starten. Einen Termin für den Baubeginn gibt es noch nicht.

Von 2016 oder 2017 ist die Rede. Doch der Plan, die Straßenbahn näher an den Bahnhof heran zu verlegen, steht fest. Schließlich wird das Ostkreuz bis 2016 zum wichtigsten Bahnknoten im Osten ausgebaut, was den Umbruch in Friedrichshain noch weiter beschleunigen wird.

Bald werden am Ostkreuz nicht nur S-Bahnen, sondern auch auch Regionalzüge halten. Voraussichtlich Ende 2013 wird man von dort in nur rund 20 Minuten ohne Zwischenstopp nach Schönefeld zum Flughafen Berlin Brandenburg fahren können. Mitte 2016 sollen die ersten beiden Regionalbahnsteige im unteren Teil fertig sein – dort werden die Regionalexpresszüge nach Potsdam und Frankfurt (Oder) Halte einlegen. Später geht in dieser Ebene ein dritter Regionalbahnsteig in Betrieb – für die Züge nach Strausberg und Kostrzyn in Polen.

Praktisch zum Umsteigen

Die neuen schnellen Reisemöglichkeiten werden viele zusätzliche Fahrgäste anlocken, so der Senat. Um die Erreichbarkeit zu verbessern, will er durch die Neue Bahnhofstraße einen Bus zum Ostkreuz fahren lassen – den 240er. Doch im Mittelpunkt seiner Pläne steht die neue Straßenbahnstrecke, die Reisenden aus Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Rummelsburg das Umsteigen erleichtern soll. Dort soll in jeder Richtung alle zehn Minuten eine Bahn verkehren. Heute fährt die Linie 21 noch im 20-Minuten-Takt – und weit am Ostkreuz vorbei.

Rund um die Sonntagstraße wächst jedoch die Skepsis gegen die neue „Tram 21“ – die Bezeichnung erinnert von Kritikern nicht unwillkommen an „Stuttgart 21“. Warum lehnen Bürger das Projekt ab? „Zum einen, weil wir uns um die Atmosphäre und die Aufenthaltsqualität in dieser Wohnstraße sorgen. Die Sonntagstraße braucht nicht mehr, sondern weniger Verkehr“, sagt Joost, der als Aktivist bei „Mediaspree versenken“ einst bereits die Bürgerbewegung gegen die Bebauung des Spreeufers angeführt hat. „Zum anderen, weil es bessere Alternativen gibt.“

Die Variante, die bei einer Umfrage die meisten Stimmen bekam, sieht vor, die jetzige Tramtrasse zu belassen und am Victoria-Center eine Haltestelle einzurichten. Von dort können die Fahrgäste zum 150 bis 200 Meter entfernten Bahnhof laufen. Alternative: eine Stichstrecke von der Marktstraße zum Ostkreuz – mit einem Kopfbahnhof für die Straßenbahn.

Inzwischen hat der Verein Travekiez-Ostkreuz einen Erfolg errungen. Der Senat sagte zu, die Trassen-Untersuchung von 2002 zu aktualisieren, um die neuen Varianten „in einem objektiven Vergleichsverfahren berücksichtigen zu können“, so Rohland. „Ergebnisse werden Ende 2012 erwartet.“ Die Sonntagstraße gelte wegen ihrer Enge als kritischer Abschnitt. Intern hieß es aber, dass die dortige Trasse weiterhin vorn liege. Sie wäre die beste Lösung.

„Das Land hat gepennt“

Joost widerspricht: „Die Trasse stellt einen Umweg dar und enthält mehrere Kurven. Uns geht es auch um die Fahrgäste.“ Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB glaubt ihm nicht. „Hier geht es um Partikularinteressen, die zurückstehen müssen. Das Ostkreuz wird an die Straßenbahn angeschlossen – das musste jedem klar sein, der dorthin zog.“

Wieseke bezeichnet es als Skandal, dass sich der Senat mit dem Projekt bereits so viel Zeit gelassen habe. Wenn das Ostkreuz 2016 fertig ist, werde es die Strecke noch nicht geben. „Schon am Hauptbahnhof hat das Land gepennt“, sagt er. Der bereits 2006 eröffnete Bahnhof soll Ende 2013 Straßenbahnanschluss erhalten. Dem Vernehmen nach ist nun aber bereits von 2014 die Rede. Leitungsarbeiten verzögern sich.