Welch merkwürdiger Tag, den die Fotografen Ute und Werner Mahler da abgepasst haben – für dieses Abendmahl in einer Kraterlandschaft, aber nicht am Fuße eines berühmten Vulkans, irgendwo in Europa oder am Ende der Welt, sondern recht nahe, in der Lausitz.

Weniger biblisch gesehen, könnte diese – menschenleere, aber auch offensichtlich Menschen erwartende – Szene freilich auch ein ausgefallenes Picknick sein. Ein krude-romantisches Abschiedsessen unter Braunkohlekumpeln, für die hier, nach langer Zeit der Maloche in der langen, harten Energieschlacht endgültig „Pumpe“ ist.

Gebaut haben die beiden Ostkreuz-Fotokünstler (Jahrgänge 1950/1949) – bei deren beim nunmehr zweiten Gemeinschaftsprojekt eingespielter Zusammenarbeit nie wesentlich ist, wer wann den Auslöser drückte – das Bild gleichsam wie ein Renaissance-Gemälde: Sie wählten den Goldenen Schnitt, die klassische Zentralperspektive.

Es ist wirklich so, wie bei den Alten Meistern: Der bedeutsame Vordergrund, der etwas vage, rätselhafte Mittelgrund, der konturierte, kontrastierend erzählende Hintergrund. Komponiert haben Mahler & Mahler das alles wohlbedacht. Und geduldig haben sie auf das richtige Tageslicht, auf die Wanderung der Schatten gewartet. Die kleinste Verschiebung der Perspektive würde die Botschaft des Zusammenklangs von Landschaft und – letzter flüchtiger menschlicher Gemeinschaft – wieder auslöschen.

Die technischen Parameter für dieses – und neun weitere Fotos der Serie „Die seltsamen Tage“ sind nur karg erklärt: Piment Print auf Baryt, Jahreszahl 2010. Die Mahlers waren für ihre Serie in Brandenburg unterwegs, zudem auch in Landschaften von Thüringen und Niedersachsen, immer, „um Unerwartetes aufzufinden ... Uns ist aufgefallen, dass uns über die Jahre Bilder begegnet sind, die merkwürdig waren, deren Rätsel sich nicht lösen ließ“, so Ute Mahler.

Majestätisch-Melancholisch

Das Panorama dieser irdischen Mondlandschaft hat etwas Majestätisch-Melancholisches. Sie hat für dem modernen Leben der Menschen ihre Schuldigkeit getan, gegeben, was man von ihr verlangte, rabiat von ihr nahm: erst die kleinen Dörfer mit ihren Kirchen, die einst in dieser Gegend standen. Wälder, Felder, Wiesen. Dann die schwarzbraunen Flöze, erst weit oben und dann immer tiefer in den Erdschichten, all die Megatonnen fossiler Brocken, die in den Brikettfabriken, Kraftwerken und Zug-Containern von Jänschwalde bis Schwarze Pumpe landeten: In den Energieversorgungs-Schlachten zu DDR-Zeit und bis heute, wo die Braunkohle wieder, oder noch immer, unverzichtbar ist. Trotz aller Offensiven für alternative Energien.

Der ertaubte Braunkohletagebau, irgendwo nahe Großräschen, wartet nun mit dieser frugalen Festtafel auf etwas Neues, auf das, was anderen Revieren der Gegend längst geschah: Auf die Wiederauferstehung nach dem Martyrium. Noch erstrecken sich kilometerweit nur Sand- und Geröll-Gebirge, karstige Gipfel, wüste Krater und von schwerer Technik glattgewalzte Ebenen.

Es ist still, fast beklemmend schön. Keine Förderbrücke mehr, nirgends mehr Schürf- und Abraumbagger, Kranbühnen und Zuggleise. Die malträtierte Landschaft zeigt ihre Wunden. Aber sie ist bereit zur Genesung, fast scheint sie wie in Erwartung eines Wunders.

Das kommt mit dem Wasser. Stillgelegte Tagebaue wie dieser werden geflutet, in 15, 20 Jahren soll sich da eine Seenlandschaft erstrecken: Strände, klares Badewasser, Sonnenschirme, Holiday. Das zumindest verspricht schon jetzt der hohe blaue Himmel, über den Wolken ziehen, die sich nicht entscheiden können, ob sie sich nun in den nächsten Stunden zu Schönwetter-Haufen oder zu Kälte bringenden Cirrus-Wolken formieren werden.