In der Debatte um pädophile Netzwerke wird es jetzt auch für den Berliner Senat unangenehm. Am Wochenende kam ein Fall aus den 60er Jahren wieder zur Sprache. Damals hatte die Senatsjugendverwaltung drei obdachlose Jugendliche bei verurteilten Kinderschändern in Obhut gegeben. Dabei hat es sich nicht um ein Versehen gehandelt, sondern um ein regelrechtes Experiment. Schon einmal war dieser Fall vor zwei Jahren öffentlich diskutiert worden. In zahlreichen Tages- und Wochenzeitungen, darunter auch der Berliner Zeitung, war detailliert berichtet worden. Allerdings hat die Senatsjugendverwaltung seitdem wenig zur Aufklärung beigetragen. Das will Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) jetzt nachholen.

Es waren drei Straßenkinder, die der Sexualwissenschaftler Helmut Kentler 1969 für ein pädagogisches Modellprojekt benutzte. Darunter ein 13-Jähriger, geflüchtet aus einem Kinderheim, dann Stricher am Bahnhof Zoo, wie die Tageszeitung „taz“ vor zwei Jahren schrieb. Die Jungen wurden von Kentler bei drei wegen sexuellen Übergriffen auf Minderjährige vorbestraften Hausmeistern in Pflege gegeben. Dass die pädophilen Betreuer mit ihren Zöglingen Sex haben würden, gehörte zum Konzept.

Keineswegs geheim

Das Ganze war keineswegs geheim. Die Pflegestellen waren offiziell eingerichtet worden. Die Männer erhielten Pflegegeld. Ein Einverständnis staatlicher Stellen muss also wohl vorausgesetzt werden. In den 80er-Jahren erteilte die damalige Berliner Jugendsenatorin Cornelia Schmalz-Jacobsen (FDP) eben jenem Helmut Kentler den Auftrag, in einem Gutachten die Eignung Homosexueller als Pflegeeltern zu beurteilen. Ganz konkret ging es darum, das Menschenexperiment zu schildern und auszuwerten, was dabei herausgekommen war. „Mir war klar, dass die drei Männer vor allem darum so viel für ,ihren‘ Jungen taten, weil sie mit ihm ein sexuelles Verhältnis hatten. Sie übten aber keinerlei Zwang auf die Jungen aus, und ich achtete bei meiner Supervision besonders darauf, dass sich die Jungen nicht unter Druck gesetzt fühlten“, schreibt Kentler in dem Senatsgutachten 1988.

Die Berliner Morgenpost hat das alte Gutachten nun im Schwulen Museum in Tiergarten aufgestöbert und in ihrer Wochenendausgabe darüber berichtet. Seitdem gibt es wieder eine Debatte über den Fall. Politiker der Koalitionsfraktionen von SPD und CDU haben eine umfassende Aufklärung der Vorkommnisse gefordert. „Es ist unfassbar, dass staatliche Stellen Missbrauch mindestens begünstigt haben“, sagte der jugendpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Roman Simon. Der Senat müsse schnell Ansprechpartner benennen, an die sich Betroffene wenden können. Und auch die SPD-Abgeordnete Iris Spanger zeigte sich schockiert: „Das ist entsetzlich. Dieser Vorgang ist völlig unvorstellbar.“

Die zuständige Senatorin Scheeres will sich nun um Aufklärung bemühen. „Hier liegen Hinweise auf dem Tisch, die eine ganze Menge Fragen aufwerfen“, sagte sie. „Zum einen ist es nun wichtig, eine angemessene Form zu finden, in der wir zu einer Beantwortung dieser Fragen beitragen können. Zum anderen muss es darum gehen, dass Menschen, die als Kinder oder Jugendliche Opfer sexueller Gewalt geworden sind, mit ihrem Leid nicht alleine dastehen und Unterstützung erhalten“, sagte Scheeres.

Überraschte Reaktion

Diese überraschte Reaktion ist allerdings erstaunlich. Kentler hatte seinen Versuch in den 80er-Jahren gleich mehrfach publik gemacht – in Zeitschriften und auch in einem Buch. Vor zwei Jahren war über den West-Berliner Pilotversuch im Zusammenhang mit den Verstrickungen von Grünen und FDP in das Treiben pädophiler Erwachsener diskutiert worden. Damals blieb eine Frage unbeantwortet: Was tun die Behörden, um aufzuklären, wie es soweit kommen konnte?

Sie haben wohl nichts unternommen. Ilja Koschembar, Sprecher der Senatsjugendverwaltung, bestreitet das zwar. 2013 sei die ganze Behörde bei einer umfassenden Recherche umgekrempelt worden, sagt er. Allerdings ohne Erfolg. „Es ist nach wie vor unklar, wer dieses Projekt befürwortet und bezuschusst hat“, sagt Koschembar. Es soll nun noch einmal, diesmal aber tiefer gehend recherchiert werden. Ein Historiker soll einen entsprechenden Forschungsauftrag bekommen. Die Jugendverwaltung will die Akten im Landesarchiv auswerten lassen und dabei auch herausfinden, ob jemand geschädigt wurde. Und wenn ja, wer?