Päwesin - Die Auswahl ist groß: In der Vitrine werden Pfirsich-Streusel-Landkuchen, New-York-Cheesecake und Apfel-Schmand-Kuchen neben Schwarzwälder Kirschtorte angeboten. Der kleine Backshop in Päwesin (Potsdam-Mittelmark) ist voll, viele Anwohner kaufen dort ihren Kuchen. Der Verkäufer mit dem kurz geschorenen Haar bedient alle freundlich. Sein Name ist ungewöhnlich: Sherab Yarphel. Es ist sein Ordinationsname, denn Sherab Yarphel ist Mönch in der nahe gelegenen buddhistischen Klosterschule Ganden Tashi Choeling, die auch den Backshop gegründet hat.

Auch Sherab Kelsang arbeitet dort. Die 39-Jährige war früher als Rechtsanwältin tätig, heute ist sie im Backshop für die Sahneschnitten zuständig. Ein handwerklicher Job, der ihr Spaß macht. Wie sie sagt, überwiege der Wunsch, anderen zu dienen. „Denn als Buddhistin frage ich mich immer: Was kann ich für die Menschen tun?“ Das Ziel im Buddhismus sei dauerhaftes Glück und dauerhafte Befreiung von Leid.

Geld verdienen statt Spenden

Die Mönche erreichen dies durch Studien und Meditationen sowie durch die Anwendung des Gelernten im Alltag. Die Atmosphäre und die große Auswahl im Sortiment des Backshops würden von den Kunden geschätzt, sagt Sherab Kelsang. Sie verdient mit ihrer Arbeit außerdem Geld. In einem nicht buddhistischen Land wie Deutschland sei das überlebenswichtig. In Asien ist das anders, dort leben die Mönche von den Spenden, die sie jeden Tag von den Gläubigen erhalten.

Solche „Darbringungen“ bekommen die 32 Mönche und Nonnen sowie die etwa 20 Laienbuddhisten in dem 2003 gegründeten Kloster nur selten. Sie sind alle Europäer, die zum Buddhismus gefunden haben. Das Kloster richteten die Gläubigen in einem großen alten Gutshaus mitten im Dorf ein. Jahrzehntelang war dort die Dorfkneipe. Der Backshop ist ein Stück entfernt, schräg gegenüber gibt es einen Friseursalon mit Kosmetikangebot. Um die Kosmetik kümmern sich auch ein Mönch und eine Nonne, der Mönch war früher medizinischer Bademeister, die Nonne Fußpflegerin.

Die Friseurin ist keine Nonne. „Wir selbst brauchen sie nicht“, sagt Losang Kyabchok und zeigt auf seinen kurz geschorenen Kopf. Der 44-jährige Mönch trägt wie alle Ordinierten im Kloster das rot-orange Gewand. Der Wunsch nach einem Friseursalon wurde an das Kloster herangetragen, nachdem der alte Salon im Dorf schließen musste. Die Mönche und Nonnen gingen gern darauf ein. Auch ansonsten wird das Miteinander groß geschrieben: Im Garten des Klosters grasen zwei Ponys. „Wir wurden gebeten, sie vor dem Schlachter zu retten. Wir hatten den Platz“, sagt Losang Kyabchok.

Die Mönche und Nonnen pflegen auch den Kontakt zu anderen Religionen im Ort, etwa zur evangelischen Pfarrerin Johanna-Martina Rief. An ökumenischen Gottesdiensten in Päwesin nehmen die Buddhisten gern teil, mit einer katholischen sozialen Einrichtung tauschen sie Nahrungsmittel, die sie übrig haben. Zudem kommen Schulklassen zum Religions- und Ethikunterricht in die 2002 gegründete Klosterschule. Die Tore des einstigen Gutshauses stehen Interessierten offen, sie können dort sogenannte Arbeitsferien verbringen. Losang Kyabchok nennt das „gelebte Toleranz“. „Wir wollen Gemeinsamkeiten mit den anderen Religionen finden und die Menschen nicht von unserer gefundenen Wahrheit überzeugen.“

Das scheint gut zu funktionieren. Die Reaktionen im Dorf sind positiv. Eine Frau, die im Vorgarten ihre Rosen schneidet, bezeichnet die Mönche und Nonnen als nette Leute. Sie seien klug, gebildet und höflich. „Und der Backshop – ich kann in Päwesin jetzt Croissants kaufen!“ Seit 1966 lebt die Frau im Ort, ihre Kinder betreiben eine Tierarztpraxis. „Durch das Kloster hat der Ort gewonnen.“ Besonders wichtig ist ihr, dass „mit den alten Grundstücken etwas passiert“.

Wartburg im Garten

Zwar waren viele Anwohner anfangs skeptisch, die Buddhisten räumten die Bedenken aber durch ihr Engagement und vor allem durch die Gestaltung des Gartens am Gutshaus aus. „Anfangs war der Garten ein richtiger Urwald. Völlig verwachsen. Wir haben darin sogar einen alten Wartburg gefunden“, sagt Losang Kyabchok. Man habe daraus einen Park mit Blumen, Obstbäumen und buddhistischen Figuren gestaltet. „Ich hab schon Leute sagen hören: Päwesin? Das ist doch das Dorf mit dem tollen Park beim buddhistischen Kloster“, sagt der Mönch.

Bevor Losang Kyabchok mit der Gartenarbeit beginnt, geht er mit Hund Yeshi spazieren. Später wird er mit den anderen Mönchen und Nonnen gemeinsam essen und den Abend mit Studien und Meditation beenden. Mönch sei er geworden, weil er das Gefühl hatte, durch seinen Beruf und die Familie von den buddhistischen Studien abgelenkt zu werden. Zuvor war Losang Kyabchok Schauspieler.

Andere Klosterbewohner waren Krankenschwestern, Handwerker, Tänzer oder Maurer. „Hier leben Menschen zusammen, die sich in ihrem weltlichen Leben nie begegnet wären“, sagt Losang Kyabchok. Auch viele Dorfbewohner treffen sich inzwischen wieder, die in den vergangenen Jahren nur selten miteinander gesprochen haben – im Backshop.