Schönwalde - Die zierliche Frau robbt bäuchlings über die feuchte Wiese und versteckt sich hinter einer Bretterwand. Durch ihre schwarze Gesichtsschutzmaske wagt sie einen Blick um die Ecke, zielt dann mit ihrem Gewehr, das die Spieler als Markierer bezeichnen, auf einen Mann.

Langsam drückt sie den Abzug: Klack, klack, klack, klack, klack. Begleitet von einem dumpfen Rattern feuert die Frau kleine grüne Farbkugeln in Richtung Gegner. Mit 200 Kilometern pro Stunde jagt die Munition aus dem Lauf über das Spielfeld. Ihr Gegner tut es ihr gleich. Plötzlich zerplatzt eine Kugel mit Flüssigkeit auf ihrer Schulter und färbt ihre Jacke gelb. Die Frau hebt die Hand, lacht und verlässt das Spielfeld.

Ilona Vogt, 48 Jahre alt, Grundschullehrerin, schiebt die Maske hoch und öffnet mit einem Ratsch den Klettverschluss ihrer Schutzweste: „Ich spiele heute zum ersten Mal Paintball. Ich habe zwar auch immer gedacht, dass das ein sehr zweifelhaftes Vergnügen ist, aber es macht schon Spaß.“ Mit Freunden ist sie von Berlin nach Schönwalde (Havelland) gekommen, um den Funsport selbst zu testen.

Beim Paintball oder Gotcha spielen meist zwei Mannschaften gegeneinander. Es gibt unzählige Spielvarianten. Bei der gängigsten schießen sich Teams mit Farbkugeln ab, die mit Luft- oder Gasdruck aus den Waffen abgefeuert werden. Ist ein Spieler getroffen, muss er das Spielfeld verlassen. Die Mannschaft, die den letzten Paintballer im Feld hat, gewinnt. „Am Anfang haben wir Frauen gegen die Männer gespielt, aber das sah eher wie Moorhuhnschießen aus“, sagt Vogt. Als sie das erste Mal den Lauf ihres Markierers auf einen ihrer Freunde richtete, sei das schon merkwürdig gewesen. „Da kommen dann Gedanken hoch, wie es wohl Menschen geht, die ernsthaft in so einer Situation sind.“

Jedes Spielfeld auf dem Gelände des ehemaligen Fliegerhorstes in Schönwalde hat seinen eigenen Charakter: Es gibt welche mit Gräben, aufgestapelten Autoreifen, Tonnen, Hügeln, Bäumen, Betonresten, Rohren, Luftkissen oder halben Häuserwänden. Sie dienen als Hindernis oder bieten den Paintballern Schutz vor dem „Feind“. „Als wir auf einem Feld eine Art Häuserkampf gespielt haben, habe ich mich nicht wohlgefühlt“, sagt Vogt.

Nach und nach kommen die Freunde bunt verschmiert vom Spielfeld. Nina Kitzing hat einen Kopfschuss auf ihre Maske abbekommen, orange Farbe verklebt ihre Haare. Die 19-jährige Wirtschaftsinformatik-Studentin ist zum dritten Mal da. Ihre Bekannten haben Verständnis für ihr neues Hobby. Nur die Großeltern könnten nicht verstehen, warum jemand „freiwillig Krieg spielen“ will.

Bluterguss nach einem Treffer

„Wer hat mir vorhin auf den Po geschossen“, ruft eine Spielerin – blaue Flecke gehören beim Paintball dazu. „Das zwickt ganz schön, wenn man so eine Kugel abbekommt“, sagt Kitzing. „Besonders auf den Oberschenkeln.“ Genau wie der Bluterguss verschwinden die Flecken auf der Kleidung wieder: In den Gelatinebällen befindet sich Lebensmittelfarbe – auswaschbar und essbar. Wie Smarties liegen die kaputten Kugeln auf der Wiese – grüne, blaue, gelbe, rote. 500 Paintballs kosten etwa zehn Euro, das reicht für drei bis vier Spiele.

Mit so einem Satz Bälle kommt Daniel Hoppe inzwischen ein Jahr aus. „Früher habe ich viel häufiger gespielt“, sagt der Entwicklungsingenieur, der seit 15 Jahren dabei ist. Abgekämpft steht er mit seinen Freunden am Bus, lässt sich das Feierabendbier nach einem langen, actionreichen Sonntag schmecken. Bewegung, frische Luft, Natur – das sind Hoppes Gründe, warum es ihn aufs Spielfeld zieht. „Mit Krieg hat das nichts zu tun, da sitzen die Feinde danach auch nicht so gesellig zusammen wie wir“, sagt er.

Surft man allerdings im Internet auf Paintball-Seiten, stößt man auch auf Homepages, die martialisch gestaltet sind: abstrahierte Adler, altdeutsche Schriften, Eiserne Kreuze, schwarz-rote Designs, kriegerische Profilbilder der Spieler kombiniert mit Kampfslogans.

„Als wir vor neun Jahren den Platz eröffnet haben, haben wir von Anfang an klare Regeln aufgestellt. Tarnkleidung, die farblich ans Dritte Reich erinnert, ist absolut verboten. Wir wollten mit der rechten Szene zum Beispiel aus Oranienburg nichts zu tun haben, meine Frau ist selber Türkin“, sagt Frank Tschen, der den Platz mit seinem Partner Jörg Thurmann betreibt. Paintball sei auf einem guten Weg, ein Breitensport zu werden, glaubt er. Bis zu 200 Spieler schießen sich am Wochenende in Schönwalde die Kugeln um die Ohren, die Spielerzahl wächst. 30 Prozent der Spieler seien Frauen.

„Der Ruf hat sich zum Glück geändert. Auf unserem Platz spielen Banker und Ärzte, wir feiern Junggesellen-Abschiede, bei denen sich die Männer als Hasen und Rentiere verkleiden“, erzählt Tschen. „Manchmal denke ich, ich bin hier im Zoo.“