Die Post ist da - jedoch nicht für einen selbst, sondern für die lieben Nachbarn.
Foto: dpa/zb/Jan Woitas

Berlin - Mach doch mal einen Schreibtag zu Hause – dann hast du Ruhe! Das hat mir ein wohlmeinender Freund empfohlen. Ich hab’s probiert. Es ist keine gute Idee. Ich wohne nämlich im Erdgeschoss, und ein häuslicher Schreibtag sieht so aus:

Ich habe mir einen Kaffee gemacht, setze mich an den Computer und will losschreiben. „Düdelüdelüüt“, macht es an der Tür. Ein Mann steht mit einem Paket davor und fragt: „Können Sie ein Paket für Puffelpaffs annehmen?“ (Name geändert). Ich nehme das Paket an und setze mich wieder hin, um zu schreiben. Wieder macht es „Düdelüdelüüt“, wieder bringt jemand ein Paket, und so geht es den ganzen Vormittag weiter.

Abends geht die Klingeltour von vorne los

Abends stapelt sich dann mitunter ein halbes Dutzend Pakete bei mir – und zwar nicht nur für Nachbarn aus dem eigenen Haus, sondern auch für Leute aus den angrenzenden Aufgängen mit insgesamt vier Hausnummern. Offenbar war dort niemand zu Hause. Oder man hat sich verbarrikadiert und dem Paketdienst nicht aufgemacht. Weil man nämlich weiß, was auch ich weiß: Dass abends die Klingeltour wieder von vorn beginnt, wenn nämlich alle Leute nacheinander ihre Pakete bei einem abholen.

Aber ich kann nun mal nicht anders. Ich bin seit 28 Jahren Erdgeschossler aus Leidenschaft, stehe zur Verfügung, wenn irgendwer in unser Haus will – sei es ein Anzeigenzeitungs-Einwerfer, ein Handwerker, oder ein Einbrecher, dessen Dietrich gerade nicht passt. (Das letzte ist natürlich ein Scherz, liebe Mitbewohner. Aber da ich keine Portiers-Vollmachten habe, weiß ich ja nicht, wer da so alles in unsere Haus drängt.)

Postwurfsendung neu interpretiert

Ich habe ein gutes Herz. Und wenn so ein Paketmann mit gehetztem Blick vor mir steht, lauter grau-braune Monsterpakete schleppend, dann kann ich ihn nicht zurückweisen. Ich weiß, ich bin seine letzte Rettung. Und ich will ja auch nicht, dass er zu Verzweiflungstaten schreitet.

Eine solche kann man sich im Internet angucken. Der Mitarbeiter eines Paketdienstes legt in dem schon vor einiger Zeit geposteten Video den Begriff Postwurfsendung auf höchst kreative Weise aus. Weil niemand zu Hause ist, klettert er auf seinen Wagen und wirft das Paket mit großem Schwung auf den Balkon der Leute, bei denen er es abliefern soll. Es landet natürlich nicht dort, sondern wieder auf der Straße. Und zwar mehrfach. Immer wieder klettert der Mann auf den Wagen und versucht es neu. Er tut einem direkt leid.

Das Vide zeigt, wie ein Paketbote auf seinen Transporter klettert und versucht das Paket auf den Balkon zu werfen.

Video: YouTube/Biz Gurbetciler

Postbeauftragte für Mietshäuser

„Mensch, da jeht richtich die Post ab!“, würde man vielleicht im Berlinischen sagen. Hier gibt es ja noch so manchen alten Postbegriff. „Aber siehste, dit Paket kommt postwendend wieda retour. Na, der Typ is vielleicht 'ne Marke. Wenn ick dem sein Chef wäre, würd ick saren: Pass uff, Freundchen, nach so 'ner Jeschichte biste bei mir abjestempelt. Dit jeb ick dir mit Brief und Siejel!“

Und weil ich genau so etwas vermeiden will, mache ich als Erdgeschossler brav die Tür auf. Ich bin sogar dafür, in Mietshäusern Postbeauftragte zu ernennen. Wenn Schabulke nicht da ist, übernimmt es Krawutschke. Und wenn der verreist ist, macht es Lehmann. Der Bote sieht dann gleich, wo die Fahne draußen hängt. Dort befindet sich die Annahmestelle, am besten für die ganze Straße. Dafür gibt’s natürlich auch Geld. Und wer einen häuslichen Schreibtag hat oder Rentner ist, kann sich auch gleich noch was dazuverdienen. Na wat denn, wat denn, man wird doch wohl noch ’n bisschen träumen dürfen.