Für 1.500 Familien hat die Berliner Chabad-Gemeinde Essenspakete verschickt.
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BerlinNoch bis zum Donnerstagabend dauert das jüdische Pessachfest. In dieser Zeit dürfen Juden nur ungesäuertes Brot essen. Für viele, vor allem alleinstehende und ältere Juden und Familien, sind Ausgehverbot und Kontaktsperre ein besonderes Problem. Doch die Chabad-Gemeinde in Wilmersdorf hat alle Kräfte mobilisiert, um ihren Mitgliedern die Feier des Festes trotz der widrigen Umstände zu ermöglichen. 

Die Gemeinde kümmert sich besonders um Alleinstehende, Ältere und sozial Schwache: „Wir haben Pakete an 1.500 Familien verschickt, mit Mazze, Wein und gefillte Fisch, Obst und Gemüse. Insgesamt haben wir zehn Tonnen Essen an die Menschen geschickt. So können alle das Pessach-Fest feiern“, sagt Rabbiner Yehuda Teichtal der Berliner Zeitung. Die Aktion sei „sehr emotional und kompliziert zu organisieren“ gewesen: „Für uns ist das Pessach-Fest das Fest der Familie. Familien kommen aus der ganzen Welt zusammen, Onkel und Tanten. Es ist für viele vor allem ältere Menschen schwer zu verstehen, dass sie in diesem Jahr allein bleiben müssen. Aber unsere Gemeinde hat eine wunderbare Hilfsbereitschaft gezeigt. Viele haben geholfen zu packen, einzukaufen, zu versenden oder haben unsere Aktion mit einer Spende unterstützt.“

Rabbiner Yehuda Teichtal.
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In einer zweiten Aktion hat die Gemeinde versucht, den Mitgliedern Pessach-Seder (also die traditionellen Essen) im „do-it-yourself“-Modus zu erklären. Normalerweise hält die Chabad-Gemeinde Seder für Familien, Studenten, Senioren oder auf Hebräisch ab – das alles muss im Corona-Jahr ausfallen. Auch die Synagoge bleibt geschlossen – ebenfalls ein Novum. Die Gemeinde musste sich, wie viele andere Religionsgemeinschaften auch, mit Online-Gottesdiensten behelfen. Yehuda Teichtal: „Für uns ist es das Wichtigste, den Leuten das Gefühl der Einsamkeit zu nehmen. Für alte Menschen ist es ein großes Problem, wenn sie drei, vier Wochen oder gar länger ganz allein bleiben müssen. Das hat auch Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Die Menschen sind traurig, werden depressiv. Es ist für viele eine schwere emotionale Belastung.“ Aktuell bereitet vielen Juden die Durchführung des Jiskor-Totengebets Sorgen: Dieses wird traditionell zum Ausklang des Pessach-Festes in der Synagoge gesungen. Rabbiner Teichtal: „Wir bekommen ganz viele Anrufe. Die Menschen sind verwirrt und fragen: Wir haben immer unserer Verstorbenen gedacht. Wie sollen wir das machen? Wir ermutigen unsere Menschen dann, dass sie das Gebet auch zu Hause allein verrichten können. Aber das ist eine große Umstellung, weil viele das ihr ganzen Leben lang anders gemacht haben.“

Auch für Familien in kleinen Wohnungen ist die Lage sehr schwierig. Auch Teichtal weiß von der Zunahme der häuslichen Gewalt in der Zeit der Kontaktsperre. Die Chabad-Gemeinde betreibt außerdem eine große Schule und muss aktuell den Unterricht digital abhalten: „Wir versuchen, unser Angebot so umfangreich wie möglich aufrechtzuerhalten. Wir wissen, dass die Kinder miteinander in Kontakt bleiben müssen, sonst wird es für viele schwierig, wieder in die Gemeinschaft zurückzukehren. Auch in unseren drei Kitas sind die Kinder jeden Tag in Kontakt miteinander.“

Teichtal möchte den Mitgliedern seiner Gemeinde trotzdem Hoffnung machen: „So schwierig die Lage ist, wir wünschen uns, dass sich unsere Kinder in einigen Jahren nicht nur an die dunkle Seite erinnern. Sie sollen auch positive Erinnerungen haben, etwa an die Zeit mit der Familie oder die Erinnerung an die große Welle der Hilfsbereitschaft.“

Das Verbot von Gottesdiensten werde von der Gemeinde „selbstverständlich respektiert“, so Teichtal. Dauerzustand dürfe es aber nicht bleiben: „Natürlich müssen die Experten entscheiden, wie sich das Leben wieder normalisieren soll. Aber wir hoffen, dass man bald wieder Gottesdienste feiern kann, etwa, wenn der Abstand zwischen den Teilnehmern gewahrt bleibt. Es ist für viele unseren Mitglieder sehr wichtig, in die Synagoge gehen können – das ist der Ort und der Tag, wo sie Menschen treffen können.“ Teichtal erwartet einen „schrittweisen“ Übergang und geht davon aus, dass danach auch „die Gesellschaft Verantwortung übernehmen muss, indem sich jeder an die Regeln hält“. Aus jüdischer Sicht sei das Leben das Wichtigste, die „Rettung des Lebens“. Daher sei es klar, dass die Gesundheit an erster Stelle stehe. Man versuche aber eben auch, so Yehuda Teichtal, aus jeder schwierigen Situation „positive Energie für die Zukunft“ zu gewinnen.