Herr Professor Eisentraut, wann waren Sie erstmals im ICC?

Das war 1990.

Können Sie sich noch daran erinnern, was sie gedacht haben?

Mittlerer U-Bahnhof.

Was hat Ihnen denn nicht gefallen?

Die unendlich langen Foyers, das piefige 70er-Jahre-Design, was ja heute auch ein Problem ist. Die Säle haben eine ungünstige Proportion. Wenn sie in der letzten Reihe sitzen, sind sie zu weit vom Podium weg. Das erzeugt keine Stimmung. Technisch ist das Haus sehr aufwendig zu betreiben, das ist das zweite große Problem.

Sie gehören zu den Architekten und Erbauern des Palastes der Republik. War für Sie das ICC, das drei Jahre später fertig wurde, Konkurrent?

Nein, das waren zwei Gebäude mit ganz unterschiedlichen Konzepten. Der Palast mit seinen Foyers und Sälen war als offenes Begegnungshaus konzipiert. Er lag mitten in der Stadt und hat diese in sein Raumkonzept einbezogen. Die Besucher erlebten Palast und Stadtraum gleichzeitig. Das ICC war das Gegenmodell, ein introvertierter, in sich geschlossener Kasten. West-Berlin war eine Insel und das ICC eine Insel auf der Insel, schon damals abgeschnitten durch Autobahn und Messedamm. Ähnlich waren anfangs nur die Arbeitstitel. Das ICC stand in den ersten Plänen mit MZH, Mehrzweckhalle, der Palast mit MZG, Mehrzweckgebäude.

Ein Gebäude gibt ’s noch, das andere nicht…

Es war ein großer Fehler den Palast abzureißen. Heute wäre es ein Knaller, wenn Berlin mit zwei so unterschiedlichen Häusern auftreten könnte.

Die könnten sich beide auf dem Markt behaupten?

Klar, der Palast hatte ja nie die Chance, sich in der Marktwirtschaft zu beweisen.

In der ICC-Debatte gibt es auch immer wieder Stimmen, die es als ausgleichende Gerechtigkeit betrachteten, auch das ICC abzureißen.

Das ist eine sehr kleinschissige Denkweise. Berlin sollte eher froh sein, dass es wenigstens noch das ICC hat, es ist ein Bauzeugnis seiner Zeit. Die Stadt hat eine kulturelle Verantwortung zur Erhaltung.

Wie könnte die Zukunft des ICC aussehen? Ein Architekturmuseum?

Schöne Idee, aber dann hätte ich gerne einen Raum für meine Arbeiten. Im Ernst: Das ICC hat nur eine Zukunft, wenn das Umfeld umgestaltet wird. Die ganze Ecke dort um den Funkturm verkörpert ein Defizit der Stadtentwicklung. Da ist das Raumschiff ICC gelandet und jetzt, nach 35 Jahren, müsste man es endlich an das Umfeld und an die Stadt andocken. Ein Umbau im Innern alleine hilft nicht. Geschäfte Ausstellungen, Begegnungsräume müssten hin, Restaurants nicht nur im Haus, sondern auch in der Nachbarschaft. Der einschnürende und trennende Verkehr muss verschwinden. Vielleicht wäre ein Wettbewerb hilfreich. Das ICC sollte Kongresshalle bleiben, aber eben um publikumswirksame Funktionen erweitert werden. Und um es zu erhalten, würde schon mal abwaschen helfen.

Das klingt nun arg simpel.

Warum? Gerade im Osten haben wir es doch immer wieder erlebt, wie Gebäude leerstehen, schmutzig und vollgeschmiert werden. Sie verschwinden langsam aus dem Bewusstsein der Menschen und am Ende sind alle froh, wenn der Schandfleck verschwindet.

Das Gespräch führte Tobias Miller.