Berlin - Wie nähert man sich Paul Brandenburg? Dem Mediziner, Unternehmer und Publizisten, dem nachgesagt wurde, er sei Antidemokrat und eine dubiose Figur, die „Querdenkern“ nahestehe, die hinter der Aktion #allesdichtmachen stecke? Das sind Vorwürfe, die gegen ihn erhoben und zum Teil schnell wieder zurückgenommen werden mussten. Man könnte einfach einen Schritt auf ihn zugehen. Er steht zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Treffpunkt in Prenzlauer Berg.

Der schlaksige 43-Jährige mit raspelkurzen Haaren wartet vor dem Corona-Testzentrum, das er in der Husemannstraße betreibt. Er trägt einen schwarzen Mantel und einen schwarzen Pulli. Als der Fotograf ihn bittet, die Sonnenbrille aufzusetzen, sagt er: „Verstehe, böser Mann mit Brille, so Dunkler-Lord-mäßig.“ Er nimmt die ihm zugeschriebene Rolle mit Humor, ein wenig scheint er sich sogar darin zu gefallen.

Paul Brandenburg kann noch lachen, auch nachdem ihm der Mietvertrag für sein Testzentrum zu Ende Mai gekündigt wurde. Eine Mieterin hatte der Hausverwaltung geschrieben, sie wolle „nicht mit einem Demokratiegefährder unter einem Dach leben“, und auf einen Artikel im Tagesspiegel verwiesen, der Brandenburg als „antidemokratisch“ bezeichnet hatte. Die Zeitung hatte sich später für den Artikel entschuldigt, die Wertung sei nicht von Aussagen gedeckt gewesen, zudem sei Brandenburg vor der Veröffentlichung nicht mit den Vorwürfen konfrontiert worden. Der Arzt sieht einen Zusammenhang zwischen der Berichterstattung über seine Person und der Kündigung, die Hausverwaltung antwortet auf Anfrage der Berliner Zeitung nicht.

Der Tagesspiegel hatte Brandenburg nach dem Artikel zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, die im Internet übertragen wurde. Brandenburg sprach unter anderem von einem „Meinungsblock etablierter Medien“  und behauptete, es gäbe kaum eine Übersterblichkeit durch Covid-19. Es gibt viele Studien, die letzteres widerlegen, vor allem für Länder, die die Ansteckungen nicht so stark eingedämmt haben wie Deutschland. Woraufhin einige gerne mit Studien antworten, die das wiederum widerlegen würden. Wie wäre es stattdessen, man trifft sich auf einen Spaziergang mit Abstand?

Er will ein drittes Testzentrum eröffnen

Bevor es losgeht, sagt Paul Brandenburg, es seien heute doppelt so viele Kunden in seinem Testzentrum wie bisher, mutmaßlich wegen der Lockerungen. Es ist Mitte Mai. Neben seinem zweiten Zentrum in Neukölln will der Unternehmer ein drittes Zentrum in Kreuzberg eröffnen, „wenn es gut läuft, vielleicht noch ein viertes oder fünftes“. Dabei nennt er das Testen von Menschen, die keine Symptome einer Infektion haben, „absurd“. „Als Arzt sage ich ganz klar jedem, der fragt: Sie brauchen diesen Test nicht.“

Ein paar Kinder mit Masken laufen vorbei, Brandenburg ärgert sich, das sei draußen doch unnötig. Sonst ist er schwer auf eine Haltung festzulegen. Etwa zum Coronavirus selbst, das er in Aufsätzen ein „Bagatellvirus“ nennt. „Die Bezeichnung Bagatellvirus beziehe ich auf den Virus selbst, die Erkrankung Covid-19 ist eine ernstzunehmende Erkrankung“, sagt er. So weit, so unklar?

Es ist einer dieser vielen Sätze, die irritieren bei Paul Brandenburg. Auch weil sie von ihm wahnsinnig schnell vorgetragen werden. Seine Sätze rasen vorbei wie ICEs. Brandenburg trägt atemlos Argumente vor, nimmt sofort mögliche Gegenargumente vorweg, hängt Gegengegenargumente an. So reden derzeit viele, wenn sie emotional werden wegen Corona. Was Brandenburg unterscheidet, ist, dass er zwischendurch lachen kann, auch über eigene Widersprüche.

Als Pandemie-Skeptiker ein Testzentrum eröffnen? „Ja, warum denn nicht?“ Er habe schließlich auch Verluste durch Corona gemacht. Als Notarzt werde er vom Land Berlin, seinem Hauptauftraggeber, nicht mehr engagiert, seit es ein staatsanwaltschaftliches Verfahren gegen ihn gegeben habe. Der Verdacht: Er habe Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht ausgestellt, als Hausarzt, aus Gefälligkeit. Das Verfahren sei im Januar eingestellt worden, sagt Brandenburg. Er bestreitet die Vorwürfe, die Staatsanwaltschaft antwortet auf Nachfrage der Berliner Zeitung nicht.

Er erhalte Hassmails von allen Seiten, sagt Brandenburg

Irgendwann sei es ihm jedenfalls wie Schuppen von den Augen gefallen, sagt Brandenburg: Ich eröffne ein Testzentrum! „Die Menschen wollen es, der Staat bezahlt es, so absurd ich es finde, dann verkaufe ich es auch.“ Zumal das Risiko eines Abstrichs gering sei. Nicht unterstützen würde er hingegen Tests an Schulen, auch kein Impfzentrum eröffnen, wobei Brandenburg nicht generell vom Impfen gegen das Coronavirus abrät. Gerade älteren Menschen, die er als gefährdet sieht, würde er zur Impfung raten, auch im eigenen Umfeld, sagt er.

Tests ja, aber eigentlich nein, Impfung nein, aber teilweise ja. Er erhalte Hassmails von allen Seiten, sagt Brandenburg, während er durch Prenzlauer Berg spaziert. „Da wird mir von harten Corona-Politik-Kritikern vorgeworfen, ich sei ja wie der Lokführer nach Auschwitz“, sagt er. Ein linker Blog hingegen habe ihn „Antisemiten und Neonazi“ genannt, wogegen er per Anwalt vorging.

Brandenburg sagt, er distanziere sich von Rechts- wie Linksextremen, lese alle Medien von taz bis FAZ und freue sich über kontroverse Meinungen. Über seine Meinung freut sich allerdings nicht jeder, wie er in Berichten über seine Person nachlesen kann. „Manche schalten vom Journalismus auf Aktivismus um“, sagt er, er fühle sich „geframed“, in die falsche Ecke gestellt. Aber es hält ihn nicht davon ab, weiter Interviews zu geben, man findet ihn im deutschen Frühstückfernsehen, in Blogs aus der „Querdenken“-Szene, in Zeitungen, in russischen TV-Sendern. Er redet mit fast jedem, der ihn anfragt, und auch das wird ihm vorgeworfen.

Ein Mann mit vielen Hupen läuft vorbei, er verkauft Obdachlosen-Zeitungen. Er fragt, ob man Russe sei, und teilt dann ein Manifest aus und Geldscheine, auf die sein Gesicht gedruckt ist. Der Mann nennt sich „Kaiser Kasimir“. 

Im Verein „1 bis 19“ geht es um die Grundrechte

„Ich sehe die Aufregung in der Corona-Politik nicht als Links-rechts-Frage, nur besetzt von linken und rechten Gruppen“, sagt Brandenburg. Das sehe er am Verein „1 bis 19“, den er vor einem Jahr mitgegründet hat. Der Name bezieht sich auf die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes, in denen es um die Grundrechte geht. Laut einer Umfrage unter Vereinsmitgliedern seien „ein Drittel grün, ein Drittel liberal-gelb, ein Drittel im wesentlichen schwarz“, sagt Brandenburg. Er sagt auch, er habe gehört, dass sein Verein, der unter anderem zu Demonstrationen gegen Corona-Schutzmaßnahmen aufruft, vom Berliner Verfassungsschutz beobachtet werde. Wie passt das zusammen? Der Verfassungsschutz teilt auf Anfrage mit, er beobachte den Verein nicht.

Vielleicht sind auch die Verfassungsschützer überfordert von all der Mehrdeutigkeit. Brandenburg ist nicht nur Allgemein- und Notfallmediziner, der über das Immunsystem promovierte, sondern auch Medizin-Unternehmer, der digitale Patientenverfügungen anbietet, Wirtschaftslobbyist, der Politiker trifft, und Publizist, der 2013 ein kritisches Buch über das deutsche Kliniksystem herausgebracht hat und regelmäßig Live-Interviews mit „Insidern ohne Agenda“ führt, wie er es nennt. Da kann man schonmal durcheinander bringen, in welcher Rolle sich Brandenburg gerade zu welchem Thema äußert. Er sagt, er könne das auseinanderhalten.

Brandenburg würde nur zu gern hinter #allesdichtmachen stecken

Eine Gruppe namens „Antischwurbler“ versucht sich daran, alles auseinanderzudröseln. Es handelt sich um eine Gruppe von Menschen, die Informationen über Paul Brandenburg und andere im Internet sammeln, sie nennen sich selbst „Recherchenetzwerk“, wollen aber anonym bleiben. Die Gruppe hat an dem Artikel im Tagesspiegel mitgearbeitet, in dem behauptet wurde, dass Paul Brandenburg der Strippenzieher hinter #allesdichtmachen sei. Mit der Aktion hatten Schauspieler wie Jan Josef Liefers die Corona-Schutzmaßnahmen satirisch kritisiert.

Brandenburg streitet ab, hinter #allesdichtmachen zu stecken, und man kann es ihm aus folgendem Grund glauben: Er würde nur zu gerne dahinterstecken. „Die Lorbeeren kann ich mir leider nicht anheften“, sagt er. „Ich habe immer gesagt, dass ich die Aktion großartig finde, und hätte gerne mitgemacht, habe mehrmals aktiv meine Hilfe angeboten und auch einen eigenen Beitrag für mich geschrieben.“ Genommen wurde er nicht, stattdessen drehte er später Unterstützervideos mit anderen Ärzten.

Auch seine Verbindungen zum Regisseur Dietrich Brüggemann, der an #allesdichtmachen beteiligt war, seien rein freundschaftlich. Klar, man helfe sich auch gegenseitig, wo sei das Problem, wenn man die gleiche Adresse im Impressum habe? Das „Recherchenetzwerk Antischwurbler“ betont auf Anfrage, es gebe noch mehr Infos über die Sache als öffentlich bekannt. Man werde zu späterer Zeit noch „Fakten nachlegen“.

Es klingt düster, nach einem großen Feindbild, man könnte fast denken, Paul Brandenburg würde Kindern das Eis wegnehmen. Tatsächlich kauft er sich eines, plus Kaffee, weil er heute wenig gegessen hat, und hilft einer Frau, ihr umgefallenes Fahrrad aufzuheben. Der Wind ist auch auf der Straße stärker geworden.

An Parteien lässt Brandenburg generell wenig Gutes

Warum setzt sich Brandenburg dem Gegenwind in den Medien aus? Und warum tut er das nicht gleich als Politiker? Er sei tatsächlich vor mehreren Jahren FDP-Mitglied gewesen, sagt Brandenburg, und dann gefrustet ausgetreten, „weil ich als liberaler Idealist festgestellt habe, dass das eher eine Steuersenkungspartei ist“. Generell lässt er an Parteien wenig Gutes, sagt Sätze wie: „Das Versagen der etablierten Parteien im Bundestag bedarf einer umfangreichen politischen Erneuerung, in Sinne einer Demokratisierung.“

Also kein Antidemokrat, sondern demokratischer als die Demokraten? Brandenburg bestreitet politische Ambitionen, Parteiarbeit sei nichts für ihn, Protestparteien wie „Die Basis“ kenne er nicht gut genug. Dann wieder sagt er, er schätze den Skandalgrünen Boris Palmer, würde ihn aber nicht wählen. Und er lehne die AfD wegen rechtsradikaler Haltungen ab, schätze ihre Digitalpolitik dagegen sehr. Wieder rasen die Sätze wie Schnellzüge, in fast jedem ein Widerspruch.

Das Wetter wird auch immer verrückter, mal regnet es, dann scheint die Sonne, dann beides. Man könnte sagen: Es ist uneindeutig wie Paul Brandenburg. Kein Typ für Schwarz-Weiß-Denken, aber auch kein Mensch für Grautöne. Wie nennt man so jemanden? Querdenker eher nicht, aber ganz sicher ein Querkopf.

Brandenburg hat Erfahrung genug mit Medien, um zu wissen, dass sie schnelle Zuschreibungen brauchen. Das Publikum will ja gleich in der Überschrift verstehen, worum es geht. Nur ist der Unternehmerpublizistenarzt ein schwieriger Fall für Einordnungen. „Ich bin Corona-Politik-Kritiker“, sagt Brandenburg. Querkopf würde er gelten lassen, nur sei die Silbe „quer-“ verbrannt.

Vielleicht treibt ihn die Freude am Dauerwiderspruch

Dabei galt Querdenker zu sein mal als etwas Positives, einer der aneckt, der um die Ecke denkt. Dann wurden Begriffe gekapert, von allen Seiten. Vielleicht treibt Brandenburg auch nur die Freude am Dauerwiderspruch. Debattenkultur habe er in einer deutsch-amerikanischen Schule in Zehlendorf gelernt, sagt er. „Ich war eher einer, der eher zu viel gesagt hat, damals schon streitbar.“ Brandenburg sagt, er schaue gerne die Debatten im britischen Unterhaus, wo man sich bis aufs Blut hasse, aber einander stets ausreden lasse.

Er sei „uneinstellbar“, habe ihm ein Freund gesagt. Ein anderer habe ihm die Freundschaft gekündigt. Dabei höre er gern Widerspruch. 2011 ging Paul Brandenburg als junger Arzt von der Charité nach Zürich, am Klinikum dort habe er sich nicht gemobbt gefühlt, wie in Artikeln zu lesen war, sagt er. Aber die Schweizer hätten ihn spüren lassen, dass er der Deutsche sei. Wenn man frühere Arbeitgeber nach ihm fragt, heißt es nur, man solle sich sein eigenes Bild von Brandenburg machen.

Wie nähert man sich Paul Brandenburg, wenn man eigentlich schon zu nah steht und der Mann redet und redet? Er nimmt sich fast zwei Stunden Zeit, stellt keine Bedingungen. In diesem Text wird nicht alles wiedergegeben, was er gesagt hat, aber nicht, weil hier gecancelt würde, sondern weil es zu viel ist, viel zu viel.

Schnelle Vielredner können eine Diskussion bereichern, aber auch völlig zerschießen. Paul Brandenburg sagt jedenfalls, wenn der Lockdown vorbei sei, sei er noch nicht am Ende. „Das Thema politische Kultur ist nicht an Corona gebunden, Corona ist nur die jüngste Blüte.“ Nach Corona komme der Klima- oder der Gender-Lockdown. „Nach Corona ist vor Corona.“

Und während er sich darüber in Rage redet, und der Regen für einen kurzen Moment der Sonne weicht, stellt sich nur noch eine Frage: Wie entfernt man sich am geschicktesten wieder von Paul Brandenburg?