Die Prinsengracht in Amsterdam
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BerlinDie anhaltende Situation rundum das Coronavirus hat unzählige negative Folgen, in einer Hinsicht habe ich aber von der Quarantäne profitiert: Als Expats und Erasmusstudenten in ihre jeweiligen Heimatländer zurückreisten und alle anderen Amsterdamer in ihren Häusern saßen und sich höchstens zum Supermarkt und zurück bewegten, habe ich mir von einem Immobilienmakler Wohnungen zeigen lassen. Denn so leer wie die Straßen in Amsterdam, so dachte ich, müsste jetzt auch der ansonsten so überlastete Wohnungsmarkt der niederländischen Hauptstadt sein. Ich hatte recht und konnte deshalb recht bald meiner bisherigen Wohnschuhschachtel Lebewohl sagen.

An meiner bisherigen Wohngegend mochte ich fast nichts: Sie war weit weg vom Amsterdamer Zentrum, meine Nachbarn waren fast ausschließlich junge heterosexuelle Familien mit kleinen Kindern, die irgendwas mit Medien machten, und dementsprechend gab es zwar zehn Spielplätze im näheren Umkreis, aber weder einen Späti noch eine Schwulenbar. Eines aber mochte ich sehr an Watergraafsmeer: seinen Namen, grob übersetzt der „See des Wassergrafen“. Wer bekommt da nicht automatisch Lust auf ein alkoholhaltiges Erfrischungsgetränk, das einem auf dem Silbertablett am Pool serviert wird? Meine neue Nachbarschaft heißt „Jordaan“, wie der biblische Fluss, und liegt knapp außerhalb des bekannten Amsterdamer Grachtengürtels. Man glaubt, dass das frühere Arbeiterviertel den Namen von den wohlhabenden Einwohnern innerhalb der Grachten bekommen habe, für die das Überschreiten der äußeren Prinsengracht einem sprichwörtlichen Gang über den Jordan gleichkommt. Von diesen zwei sehr pittoresken Beispielen Amsterdamer Toponymie aber mal abgesehen, könnte man sich anhand der Schönheit der Ortsnamensgebung aber ebenso in einer sozialistischen Planstädt wähnen: die sieben Amsterdamer Bezirke heißen Centrum, Noord, Oost, Zuidoost, Zuid und West, als klangvollster Vertreter darf wohl Nieuw-West gelten, immerhin nicht alt. Apropos nieuw: Nicht so weit von meiner neuen Wohnung entfernt gibt es im Zentrum Amsterdams die Nieuwe Nieuwstraat, die Neue Neustraße sozusagen, die doch auch sehr verdächtig klingt, als habe jemand im real existierenden Sozialismus marode Altbauten kostengünstig kaschieren wollen.

Berlin hingegen, das wohl bei sämtlichen Schönheitswettbewerben gegenüber Amsterdam das Nachsehen hätte, wäre ein idyllisches Naturparadies, wenn man seinen Ortsnamen Glauben schenken würde: sanfte Bäche (Pankow, Rudow) entspringen in einem von wenigen Bergdörfern (Hohenschönhausen, Rosenthal, Johannisthal, Konradshöhe) gesäumten, majestätischen Gebirge (Prenzlauer Berg, Lichtenberg, Kreuzberg, Schöneberg), schlängeln sich durch saftige Auenlandschaften (Spandau, Friedenau, Grünau, Wittenau) und plätschern durch friedliche Wälder (Friedrichshain, Plänterwald, Tiergarten, Grunewald, Waidmannslust), bevor sie in eine beeindruckende Seenlandschaft (Weißensee, Wannsee, Halensee, Heiligensee) münden, in der sich einige verträumte Dörfer (Reinickendorf, Zehlendorf, Mariendorf, Wilmersdorf, Hellersdorf, Müggelheim) und einzelne Höfe (Adlershof, Tempelhof) mit weitläufigen Wiesen (Marienfelde, Lichterfelde, Ober- und Niederschöneweide, Blankenfelde) abwechseln. Nur Marzahn, das klingt wirklich genau so brutal, wie es aussieht. Und Neukölln, naja, ist immerhin nicht alt.