Noch endet die Strecke der Straßenbahnlinie M2 in Heinersdorf. Doch der Senat will sie zum geplanten Neubaugebiet Blankenburger Süden und zum S-Bahnhof Blankenburg verlängern. 
Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto

BerlinNormalerweise ist es in der Straße „Am Köllnischen Park“ in Mitte ziemlich ruhig. An diesem Mittwoch wird es dort jedoch lauter zugehen. Bürgerinitiativen haben dazu aufgerufen, um 16 Uhr vor der Senatsverkehrsverwaltung zu demonstrieren. Es geht um eines der zentralen Verkehrsprojekte für den Nordosten Berlins, die geplante Straßenbahnstrecke von Heinersdorf zum S-Bahnhof Blankenburg. Bei den Anwohnern stößt der Plan, die Verlängerung der M2 durch eine Anlage mit Gärten, Lauben und Wohnhäusern zu führen, auf Ablehnung. „Wenn die Schienen erst liegen, ist es zu spät“, warnen sie in ihrem Aufruf zur Demo. Das Motto lautet: „Heimat statt Tramfahrt!“

Für die Protestaktion gibt es einen aktuellen Anlass. Am 9. Juni hat der Senat beschlossen, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mit den nächsten Schritten für die Verlängerung der M2 zu beauftragen. Das Landesunternehmen soll detaillierte Entwurfsplanungen erarbeiten, hieß es. „Dazu zählen der genaue Verlauf der Trasse und die Frage, welche Grundstücke tatsächlich betroffen sind“, so der Senat. „Ebenso wird die technische Machbarkeit untersucht.“ Das Planfeststellungsverfahren könnte in zweieinhalb Jahren starten. Es heißt, dass im Frühjahr 2027 die erste Bahn fahren soll.

Im Nordosten Berlins sollen mehr als 20.000 Wohnungen entstehen, davon 6000 allein im Blankenburger Süden. Doch viele Straßen sind jetzt schon voll, Busse stecken häufig im Stau fest. Deshalb sei die geplante Straßenbahn so wichtig, sagen Planer. Zwei Jahre lang, bis Ende 2018, wurden Varianten untersucht. Ergebnis war laut Senat, dass der nördlichste Abschnitt dem Zwergammerweg folgend durch die Anlage Blankenburg führen soll. 150 Meter vor dem S-Bahnhof würde die Trasse auf die Bahnhofstraße stoßen. Die Wendeanlage, auf der die Bahnen für die Rückfahrt zum Alexanderplatz bereitgestellt werden, soll südlich der Bahnhofstraße entstehen.

Wo der sechs bis sieben Meter breite Gleiskörper exakt verlaufen soll, ist noch nicht klar. Doch die Bewohner und Nutzer der Erholungsanlage Blankenburg, die mit 1360 Parzellen auf 83 Hektar eine der größten ihrer Art in Deutschland ist, sind aufgebracht. „Eine Schneise wird geschlagen, die mehrere hundert Grundstücke betreffen wird“, sagte Ricci Höferl. Das Mitglied der Initiative „Wir sind Blankenburger & Berliner“ hat seit elf Jahren in der Anlage ein Grundstück, sein Sohn wurde dort geboren. „Nicht wenige Bewohner leben dort in der zweiten oder dritten Generation. Für sie geht es um die blanke Existenz.“ Von Anfang an habe der Senat nicht mit offenen Karten gespielt. „Jetzt, in Corona-Zeiten, setzt er die Planung hinter unserem Rücken fort“, so Höferl. „Die Leute haben Angst.“

Protest gegen die geplante Straßenbahnstrecke im Blankenburger Süden.
Foto: Berliner Zeitung/ Volkmar Otto

Zu Beginn des Jahres hatte Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn ein anderes Konzept vorgeschlagen. Der Linken-Politiker empfahl, den Bau von Seilbahnen zu prüfen. Der Mobilitätsforscher Heiner Monheim, den Benn ins Rathaus einlud, unterstützte die Idee. „Seilbahnen können als vollwertige Bahnen besonderer Bauart Wohngebiete anbinden, wenn sie Anschluss an das sonstige Nahverkehrsnetz haben, möglichst an beiden Enden“, so Monheim zur Berliner Zeitung.

Senat will keine Seil- und auch keine U-Bahn 

Der Vorschlag sei im Senat ergebnisoffen geprüft worden, teilte Verkehrsstaatssekretär Ingmar Streese jetzt mit. „Doch bei der Seilbahn-Idee wurde schnell klar, dass sie sich aus verschiedenen Gründen nicht eignet“, so der Grünen-Politiker. Bei starkem Wind müsste der Betrieb eingestellt werden. „Zudem ist eine Seilbahn nicht wirklich barrierefrei und hat sehr hohe Personalkosten.“

Der Vorschlag von Anwohnern und der CDU, eine U-Bahn zu bauen, stößt im Senat ebenfalls auf Skepsis. Die Kosten wären hoch, die Realisierungszeit wäre lang, hieß es. Bis der Betrieb beginnen könne, würden mindestens 20 Jahre vergehen. „Deshalb ist die Straßenbahn hier die derzeit beste Option“, sagte Streese. Die Flächen, die für eine U-Bahn benötigt würden, werden aber im Flächennutzungsplan freigehalten. Er kündigte eine Informationsveranstaltung für die Bürger an.

„Auch wir wollen, dass die Straßenbahn zum S-Bahnhof Blankenburg verlängert wird“, sagte Cordelia Koch, die Fraktionsvorsitzende der Pankower Grünen. Es wäre absurd, wenn die neuen Wohngebiete nur auf der Straße erreichbar wären. Doch die Planer sollten aufpassen, dass sie die Bürger nicht unnötig verschrecken. Die Grünen unterstützen ein Alternativkonzept der SPD und der Linken, nach dem die Strecke einen kleinen Umweg nehmen soll. Statt mitten durch die Erholungsanlage könnte sie an deren Rand verlaufen, über Schäferstege und die Bahnhofstraße.

Auch die Wendeschleife sollte anders platziert werden: östlich des S-Bahnhofs Blankenburg, nördlich der Bahnhofstraße. Zwar würden auch in diesem Fall Grundstücke der Anlage Blankenburg beansprucht, aber der Eingriff wäre längst nicht so gravierend. Inzwischen wurde der Vorschlag von der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen, im Mai hat das Bezirksamt ihn der Senatsverwaltung vorgelegt.

Unterwegs in der Erholungsanlage Blankenburg. Eine Anwohnerin führt ihren Hund aus. 
Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto

Die Anwohner hätten schon einiges durchgestanden, sagte Koch. Hieß es anfangs, dass im Blankenburger Süden 6000 Wohnungen gebaut werden, war im März 2018 plötzlich von 10.000 die Rede. Nach Protesten gab es Korrekturen, doch das Misstrauen sitzt tief.

Bei der Straßenbahnplanung sollte mit Bedacht vorgegangen werden, sagte Koch. „Man muss sich schon überlegen, wie man ein Planungsverfahren durchführt, ohne viele Bürger gegen sich aufzubringen.“