Vielleicht war es einfach zu schön: Im Norden Berlins, gleich hinter Prenzlauer Berg, haben mutige Künstler im Laufe der vergangenen Jahre einen ungewöhnlichen Kulturort geschaffen. Im Sommer sitzen die Gäste in Emils Biergarten, abends werden Kinofilme im Hof gezeigt. Grafiker, Fotografen, Maler und Kunsthandwerker haben sich auf dem etwa 4000 Quadratmeter großen Gelände Werkstätten, Ateliers und Büros eingerichtet. Sie organisieren Ausstellungen, Performances, Filmreihen, Kongresse und Festivals.

Die Räumlichkeiten sind begehrt, die Miete ist niedrig, etwa sechs Euro pro Quadratmeter. Solche Arbeitsbedingungen finden Künstler heute kaum noch in dieser Stadt. Die Willner Brauerei mit ihrem maroden Charme einer früheren Brauerei hat sich im Laufe der vergangenen Jahre zu einem beliebten Kulturzentrum etabliert. Das Logo WBB, Willner Brauerei Berlin, kennen mittlerweile viele.

Doch nun ist erstmal Schluss. Der bisherige Besitzer, der Kunstmäzen, Finanzinvestor und Milliardär Nicolas Berggruen, hat das denkmalgeschützte Areal der Willner Brauerei verkauft. Das bestätigte eine Sprecherin der Nicolas Berggruen Holdings der Berliner Zeitung. Der Wechsel sei für Ende dieses Jahres vorgesehen.

Zukunft schien gesichert

Für die etwa 60 Künstler bedeutet der Eigentümerwechsel das Ende ihrer Arbeit an diesem Ort. Ihre Verträge enden nach fünf Jahren, ein Sonderkündigungsrecht wird angewandt. „Das ist bitter für uns“, sagt Tine Linder. Sie gehört zur Gruppe der aktiven Künstler, die sich bei Berggruen beworben hatten und Ende 2012 den Vertrag unterzeichnet haben. Alles schien perfekt: Es gab keine Auflagen, lediglich der Zustand der historischen Gebäude dürfe sich nicht verschlechtern. Die Künstler sahen optimistisch in die Zukunft, sie schien gesichert. Berggruen hatte gegenüber dieser Zeitung eine „langfristige kulturwirtschaftliche Nutzung“ zugesichert.

Es gab die Option, den Vertrag nach fünf Jahren zu verlängern. Dass das geschieht, daran zweifelte niemand. Die Künstler sprachen von einer „Entdeckungsreise“, die für sie beginne, es gebe in der Brauerei viel Arbeit und viele Möglichkeiten. Sie hatten eine Menge Elan und Optimismus, große Ideen, wenig Geld und keine staatliche Förderung .
Im früheren Zollhaus eröffnete im Mai 2013 eine Pizzeria und ein Biergarten, später kam eine Ausstellung über die Geschichte der Weißbier-Brauerei hinzu, an den Wochenenden fanden Führungen durch die großen alten Produktionshallen statt, mit den alten Maschinen und Heizkesseln.

Bis zum Jahr 2020 soll der Umbau beendet sein

Das frühere Trafohaus auf dem Gelände bauten sich die Betreiber vom „Klub der Republik“ zur neuen Tanzbar aus. Es war eine Art Wiederauferstehung. Denn die charmant abgeranzte Tanzkneipe musste im Jahr 2012 ihren früheren Standort in der Pappelallee in Prenzlauer Berg verlassen, die Klub-Besucher protestierten, wiedermal werde ein Stück Kultur kaputt gemacht, schimpften sie, wieder so ein Fall von Gentrification. Auf dem Grundstück wurden Eigentumswohnungen gebaut.
Das soll auf dem Gelände der Willner-Brauerei wohl nicht geschehen, versichert der neue Eigentümer. Vielmehr seien Büros, Ateliers und Handelsflächen in den alten Gebäuden wie Zollhaus, Kesselhaus, den Remisen und auf Freiflächen geplant. Von einem „großartigen Projekt“ spricht Shaul Shani, Geschäftsführer der Jenn Grundbesitz GmbH mit Sitz in der Tauentzienstraße.

Anfang 2018 will der neue Eigentümer mit den Bauarbeiten auf dem Gelände beginnen, die Gebäude seien in einem „äußerst schlechten Zustand“, sagt Shaul Shani. Noch bis September 2018 dürfen die Betreiber des Biergartens und der Pizzeria ihren Betrieb weiterführen.
Auch der Klub der Republik bleibt bis zu diesem Zeitpunkt geöffnet und schließt dann. Bis zum Jahr 2020 soll der Umbau beendet sein. Shaul Shani versichert, das Brauereigelände werde danach wieder öffentlich zugänglich sein. Im alten Zollhaus, direkt an der Berliner Straße, soll es später wieder ein Restaurant mit Biergarten geben.

Die Künstler müssen bis zum Ende des Jahres die Willner Brauerei verlassen.