Pankow-Rosenthal - Ein kleiner Haufen Blütenköpfe liegt vor der Hütte. Grau-braun und struppig. Es sind die nicht mehr verwertbaren Reste von Sonnenblumen aus dem Sommer. Dietlind Schmidt, eine mittelgroße Frau in kälteabweisender Montur, widmet den struppigen Köpfen und Stängeln einen skeptischen Blick. „Das kehre ich nachher zusammen“, sagt sie. Die Kerne hat sie für den nächsten Sommer geerntet. Obwohl sie noch gar nicht weiß, ob sie ihren kleinen Garten in Pankow-Rosenthal dann noch haben wird. Aber so ist sie eben.

Die Kirche wusste von Dietlind Schmidts Hütte

Dietlind Schmidt ist 59 Jahre alt. Gerade verliert sie mal wieder ihren Lebensmittelpunkt. Ihre Hütte, die sie aus Dachlatten, Balken, Lehm und Steinen in den vergangenen zwei Jahren in einem Rosenthaler Garten gebaut hat, muss vielleicht weg. Das glaubt jedenfalls Dietlind Schmidt. Sie wollte in dem Häuschen wohnen. Aber das ist gar nicht erlaubt. Sie hat das schriftlich. Der Garten gehört der evangelischen Kirche. Mittlerweile hat die zuständige Pfarrerin ihr zwar gesagt, so sei das alles gar nicht gemeint, aber Dietlind Schmidt traut den Worten nicht. „Ohne Arbeit keine Wohnung – und hier darf man auch nicht wohnen“, sagt Dietlind Schmidt. Für sie geht es um mehr als eine Laube.

Das Leben von Dietlind Schmidt ist kompliziert. Es fängt schon damit an, dass man nicht weiß, ob es diesen Konflikt mit der Kirche wirklich gibt. Denn fragt man die Pfarrerin, hat die Gemeinde vor zwei Jahren akzeptiert, dass Frau Schmidt für ihren Garten keine Pacht zahlt und auch kein Geld hat fürs Wasser. Die Kirche wusste, dass sie diese Hütte baut und darin auch mal übernachten wird. Eigentlich wollte man wohl beide Augen zudrücken. Wenn diese Frau jetzt nur nicht darauf bestünde, einen Konflikt auszutragen.

Schmidt fordert Grundrecht auf Wohnen

Eine Begegnung mit Dietlind Schmidt ist von Überraschungen begleitet. Wie beim Eisberg sieht man nur die Spitze. Unter der Oberfläche verbirgt sich sehr viel mehr.

Dietlind Schmidt lebt seit zehn Jahren ohne eigene Wohnung in Berlin. Sie hat viel draußen geschlafen in diesen Jahren. Sie hat ein Fahrrad mit einem Anhänger, den man zur Liegefläche ausklappen kann. Sie hat am Moritzplatz in einem Camp übernachtet, ist bei Bekannten untergeschlüpft, hat immer mal woanders übernachtet. Die letzten drei Winter hat sie bei einer Freundin geschlafen.

Dietlind Schmidt fordert ein Grundrecht auf Wohnen. Ende Januar hat sie deshalb vor dem Roten Rathaus eine Mahnwache abgehalten. Sie findet, der Staat soll Verantwortung übernehmen für seine Bürger, aber „ohne Gängelei wie bei Hartz IV“. Das lehnt sie ab. Sie sei aus dem System ausgestiegen, sagt sie, und lebt ohne Geld in der Stadt. Wie mag sie an diesen Punkt gekommen sein?

Ausstieg aus der Gesellschaft in Pankow-Rosenthal

Etwa 37.000 Menschen leben in Berlin ohne eigene Wohnung. Das sind sehr viele Menschen, und es werden immer mehr. Die wenigsten von ihnen übernachten allerdings auf der Straße. Sie schlüpfen bei Bekannten unter oder leben in Kriseneinrichtungen.

Dietlind Schmidt ist einen Schritt weiter. Sie macht nicht mehr mit in dem gesellschaftlichen Zusammenspiel aus Arbeit und Fürsorge.

Im Februar hat Dietlind Schmidt nach Rosenthal in ihren Garten eingeladen. Es ist ein kalter Tag. Sie steht vor ihrer Hütte und zeigt, was sie in zwei Jahren Arbeit geschaffen hat. Die Hütte wirkt robust. Sie besteht aus Balken und Kanthölzern. An den Außenwänden sind Steine bis unters Dach gestapelt. Innen sind die Wände mit Lehm verputzt. Es ist Platz für ein Bett, ein paar Stühle, einen Ofen. Noch ist die Laube aber leer, Tür und Fenster fehlen. In einem zweiten Häuschen befindet sich ein Campingklo.

Dietlind Schmidt „hatte immer schon den Hang, Wahrheiten auszusprechen“

Dietlind Schmidt ist über ein Gemeindemitglied nach Rosenthal gekommen. Die Kirche überließ ihr einen kleinen ungeheizten Raum. Sie habe keine Wohnung gewollt, sagt die Pfarrerin. „Rechtlich kann ich keine Wohnung bekommen, weil ich kein Geld nach dem Sozialgesetz beantragen will“, sagt Dietlind Schmidt. Dann wurde der Garten frei, die Kirche bot ihr einen Pachtvertrag an, in dem geregelt ist, dass sie für Garten und Wasser nichts bezahlen muss. Im Gegenzug trug sie die Gemeindeblätter aus. Alle zwei Monate, für eine Aufwandsentschädigung.

Es habe mal Ärger mit einem Gartennachbarn gegeben, erzählt Dietlind Schmidt. Der habe ihr die Fahrradreifen durchstochen. Aber in letzter Zeit habe sie nur nette Nachbarn gehabt.

Dietlind Schmidt stammt aus Thüringen. Sie hat Funkmechanikerin gelernt, reparierte Rundfunk- und Fernsehgeräte. Sie hat geheiratet, zwei Kinder bekommen und ein bürgerliches Leben mit Drei-Zimmer-Wohnung in Saalfeld, Trabant und Urlaubsreisen geführt. Aber es gab Konflikte. Als ihr Mann zum Wehrdienst eingezogen wurde, reduzierte sie ihre Arbeitszeit, woraufhin der Betrieb kein Geld zahlte. Da drohte sie, sich mit der Sammelbüchse vors Rathaus zu setzen, bis sich etwas tat. „Ich hatte immer schon den Hang, Wahrheiten auszusprechen“, sagt sie.

Schmidts Reise führte sie von Deutschland, in die USA, bis zur Dominikanischen Republik

Als die Ehe 1994 scheiterte, ging sie mit den Töchtern zu ihrer Schwester nach Bayern. Sie hatte einen Job, nach einem Vierteljahr jedoch erhielt sie die Kündigung. Der Kindsvater zahlte keinen Unterhalt. Der Sozialhilfe fiel das Auto zum Opfer. „Von einem Elend ins andere“, sagt Dietlind Schmidt. Immer wieder kämpfte sie vor dem Sozialgericht gegen Beschlüsse der Ämter, „man ist gezwungen in die Obhut des Ex-Mannes“. Jedenfalls finanziell. Das hasste sie. Sie wollte kein Geld von diesem Mann.

1999 im November war kein Geld mehr für die Miete da. Dietlind Schmidt beschloss, mit der jüngeren Tochter, damals 14, in die USA auszuwandern, wo sie sich berufliche Chancen ausrechnete. Die ältere Tochter blieb in Deutschland, lernte in einem Hotel.

Amerika entpuppte sich als Desaster. Von Washington, wo sie einen Asylantrag stellte, ging sie nach Miami. Aber es gab keinen Job und kein Geld. Mutter und Tochter zogen in die Dominikanische Republik weiter, schlüpften bei Aussteigern unter, bis ihr Asylantrag abgelehnt wurde. Dann wurde bei der Tochter Krebs diagnostiziert – weit fortgeschritten.

Schmidt kritisiert das System

Dietlind Schmidt kämpfte mit den Behörden um die richtige Behandlungsmethode, bis die Ärzte das Kind aufgaben. Sie versuchte, Kliniken zu finden, die das Kind weiter behandeln. „Die meisten Krankenhäuser haben abgelehnt, weil wir kein Geld hatten“, sagt sie. Ihre Tochter starb 2001. Gegen ihren Willen seien die lebenserhaltenden Maschinen abgeschaltet worden, sagt Dietlind Schmidt. „Es war fürchterlich für mich zu sehen, welchen Einfluss das Geld hat.“ Sie ist davon überzeugt, dass ihre Tochter eine Chance gehabt hätte, die Krankheit zu besiegen, wenn sie eine Wohnung gehabt hätten, in der das Mädchen zur Ruhe gekommen wäre, wenn sie nicht in einer Obdachlosenunterkunft gelebt hätten.

Dietlind Schmidt wurde nach Deutschland abgeschoben. Ihre erste Abschiebung. Sie ging nach Bayern zu ihrer Schwester. Aber dort hielt sie es nicht aus. Sie fand für sich keinen Platz. Etwas war passiert mit Dietlind Schmidt.

„Ich habe mir gesagt, ich mache das nicht mehr mit. Ich werde mich nicht wieder in dieses System integrieren, ich werde kein Hartz IV beantragen, sondern einen Weg des Protests wählen, weil man Menschen hier nur abstraft, sodass sie krank werden und auch nicht wieder gesunden können“, sagt Dietlind Schmidt. Sie spricht von einem System der Ausbeutung. Nur Leistung zähle. Wie auch schon in der DDR. Nur die Miete habe sich damals jeder leisten können.

Versuch, sich niederzulassen und doch auszusteigen

Dietlind Schmidt hat sich irgendwann einfach auf ein Fahrrad gesetzt und ist nach Süden gefahren. Sie hat sich ohne Geld durchgeschlagen über die Balkanroute, nach Georgien und Griechenland bis in die Türkei. Dieses Leben hat ihr gefallen. In jedem Land, in dem sie sich länger aufhielt, hat sie Asyl beantragt. Manchmal hat sie Tee geerntet oder in einer Küche gejobbt. Meist war sie eingeladen. Ein Monat hier, ein Monat dort. Sie hat Leute getroffen, die sich über ihren deutschen Pass kaputtgelacht haben und nicht verstehen konnten, warum sie nicht zurückwollte. Aber Dietlind Schmidt war fertig mit ihrem Land. Dann ist sie wieder abgeschoben worden – diesmal aus der Türkei.

In Görlitz hat sie es noch einmal versucht mit einer Wohnung. Bis sie, weil sie nicht arbeitete, kein Geld mehr bekam. Sie landete in der Psychiatrie. Wieder draußen, brach sie den Kontakt zur deutschen Gesellschaft ab.

Sie hat dann eine Hütte gebaut aus Steinen und Ästen im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Tschechien. Es war ein Versuch, sich niederzulassen und doch ganz auszusteigen. Ein Versuch auch, der Zwangsbetreuung zu entgehen. Bis jemand mit einem Bulldozer kam und die Hütte einriss.

Dietlind Schmidt hat in Berlin ihren Ort gefunden

Wenn man Dietlind Schmidt beim Erzählen zuhört, fragt man sich, wie viel ein Mensch aushalten kann, unabhängig von der Frage, ob es richtig ist, was er tut. Aber Dietlind Schmidt hat ein System, mit Zweifeln fertig zu werden. Wenn sie ins Schwanken kommt, macht sie ein paar Gartenarbeiten. Dann weiß sie wieder, was sie will.

Dietlind Schmidt ging nach Berlin. Es waren die Erzählungen von einer Stadt, in der ein Leben ohne Geld möglich ist, die sie angezogen haben. Die Großstadt mit ihren Suppenküchen, Kleiderkammern und dem kostenfreien Arztbesuch. Dietlind Schmidt hatte einen Ort gefunden, an dem sie nicht gezwungen wird. Nur eine Wohnung fehlt.

In ihrer Gartenlaube in Rosenthal spricht Dietlind Schmidt stundenlang, ohne eine einzige Pause. Die Kälte kriecht einem unter die Haut beim Zuhören.

Die Laube ist Schmidts Lebensmittelpunkt

„Warum kann man nicht einfach ohne Knechtschaft leben?“, sagt Dietlind Schmidt. Sie hält das Recht auf Wohnen für ein Menschenrecht. Sie stellt sich vor, dass Wohnungen allen gehören, und dass sich diejenigen, die darin leben, an der Instandhaltung beteiligen, mit Arbeitskraft oder finanziell. „Ich bin schon bereit, etwas dafür zu tun“, sagt sie – aber nicht als Bittstellerin. „Die ganze soziale Situation hängt davon ab, ob man einen Ort hat, einen Lebensmittelpunkt, wo man das Recht hat zu sein“, sagt sie. Sie hat es bei sich beobachtet und bei Freunden in ähnlicher Situation: eine Zerrissenheit, ein Nicht -Mehr-Wissen, wo man hingehört, ein Zerfallen. Und irgendwann schwindet die Motivation, etwas an der Situation zu ändern.

Dietlind Schmidt hat keinen Kontakt zu ihrer ältesten Tochter. Der habe man eingeredet, dass der Kontakt zu einer Mutter wie ihr nur schade, glaubt Dietlind Schmidt. Auch mit ihrer Schwester hat sie viele Jahre nicht gesprochen. Seit Weihnachten schreiben sie sich gegenseitig Briefe.

Dietlind Schmidt hat in Karlsruhe vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt und in Straßburg vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Sie bereitet gerade wieder eine Klage vor. Ohne Anwalt. Wie das geht, hat sie sich selbst beigebracht. So wie den Hausbau. Bekannte haben geholfen. Immer mal wieder hat jemand ein paar Pfosten, Lehm und Steine bezahlt. Stück für Stück wurden diese 300 Quadratmeter Land und die Laube zum Lebensmittelpunkt.

Dietlind Schmidt kann nicht auf Wohnrecht bestehen

Wie es in Rosenthal weitergeht, ist unklar. Die Kirche will keinen Ärger. Sie hat 18 Wohnungen und viele Gärten zu verwalten. Die Pfarrerin ist an der Grenze ihres Verständnisses angekommen. Dabei könnte es sich bloß um ein Kommunikationsproblem handeln. „Wir wollen gar nicht, dass Frau Schmidt alles abreißt, wir haben gar nicht vor, den Garten zu kündigen, aber Wohnrecht können wir hier nicht einräumen. Es ist eine Grünfläche“, sagt die Pfarrerin. Vielleicht entsteht nur ein Konflikt, wenn Dietlind Schmidt darauf besteht.

Dietlind Schmidt will von der Kirche jetzt allerdings ein Schriftstück. Darin soll stehen, dass niemand mehr zu ihr sagen darf, sie müsse das Haus abreißen.