Berlin - Seinen kleinen Farbkasten aus Blech und auch Papier hat Christian Badel immer dabei. In den Griffen der Pinsel befinden sich kleine Wassertanks. Mit seiner künstlerischen Outdoor-Ausstattung zeichnet Christian Badel, wo es ihm gefällt: im Café, beim Friseur, im Stau, im Museum, sogar beim Kochen und Essen. „Ich bin viel unterwegs, sobald ich irgendwo warten muss, skizziere ich, was ich sehe“, sagt der 51-jährige Künstler, den inzwischen viele Kiezbewohner auf der Straße erkennen und freundlich begrüßen.

Er ist so etwas wie der künstlerische Kiez-Chronist, den sie nur mit Malblock kennen. Selbst wenn er auf eine Party geht, nimmt er sein Malset mit. Man weiß ja nie, was es zu zeichnen gibt. So wie andere ständig mit ihren Handys fotografieren und später hektisch über das Display wischen, um alle Fotos zu zeigen, so blättert Christian Badel in seinem Skizzenblock umher, aber er macht es liebevoll und bedächtig.

Aus der verschlafenen Kleinstadt

Es ist sein Tagebuch, und darin steht, was er in den vergangenen Tagen erlebt hat. Jedes Bild hat eine Geschichte, und die erzählt Christian Badel mit ruhiger Stimme und immer mit einer gewissen Begeisterung. Es sind vor allem Straßenszenen aus Alt-Pankow. Dort lebt Christian Badel, seit er 1990 von seiner thüringischen Heimatstadt Gotha nach Berlin zog. Im Laufe der Jahre hat er mit seinen Zeichnungen etliche Skizzenbücher gefüllt, sie erzählen die Geschichte eines Viertels, das sich erheblich verändert hat. „Damals wirkte Pankow wie eine verschlafene Kleinstadt. Hier war nichts los, hier gab es so gut wie keine Cafés und Kneipen“, sagt er und zeigt Zeichnungen von Brachen aus der Gegend an der Florastraße.

Dort stehen heute modernisierte Altbauten, in den Wohnungen leben jetzt viele Familien mit kleinen Kindern. Für die Hinzugezogenen haben neue Läden eröffnet, in den Schaufenstern liegen Kinderschuhe und Kinderbücher, es gibt jetzt Geschäfte für Weine und Feinkost. Badel sagt, manche würden behaupten, das sei der neue Prenzlauer Berg. „Doch so kinderfreundlich, wie es oft beschrieben wird, ist Pankow gar nicht.“ Es fehlen Plätze in Kindergärten und Schulen.

Er hat schon als Kind viel gezeichnet und studierte Design und Bildende Kunst an der Universität der Künste und der Kunsthochschule Weißensee. Nebenbei entstanden Kritzeleien, Cartoons, Wimmelbilder und Suchgrafiken für Kinder. Heute arbeitet er als Zeichner und Autor für Kinderzeitschriften sowie als Illustrator für Verlage. Er unterrichtet Malen und Zeichnen an Schulen, seine Werkstatt heißt Kikifax. Denn immer geht es um die Arbeit mit Kindern. Im Bürgerpark stehen bunte bemalte Märchenfiguren. Kinder aus seinen Kursen haben sie mit ihm gezeichnet.

Badel ist ein geselliger und gesprächiger Mensch, er arbeitet nicht gern zurückgezogen im Atelier. Seine Motive findet er auf Spaziergängen durch Pankow. „Es passiert so viel um mich herum“, sagt er.

Für sein jüngstes Projekt ist Christian Badel wieder viel im Kiez unterwegs, er zeichnet jetzt die Häuser entlang der Florastraße. Alle zwei Wochen veröffentlicht er eine neue Zeichnung im Internet. Es gibt auch Anfragen von Bewohnern, die wünschen sich ein Aquarell ihres Wohnhauses. Eines seiner Motive hängt jetzt in der tunesischen Hauptstadt Tunis. Es ist die Erinnerung eines Fortgezogenen an sein Wohnhaus in Pankow.

Den Passanten fällt auf, wenn jemand auf der Straße steht, konzentriert und abwechselnd auf ein Wohnhaus und den Skizzenblock schaut. Sie bleiben stehen und fragen den Zeichner nach seinem Tun. Badel kommt schnell mit ihnen ins Gespräch, er mag solche Begegnungen – und wie ein Immobilienmakler sieht Badel nun auch nicht aus.

Er sagt, oft würden ihn Hausbewohner ansprechen und ihm über die Geschichte ihres Hauses erzählen; wie lange sie dort wohnen, welche Läden es früher gab. Er weiß jetzt, wo Bäcker und Fleischer ihre Geschäfte hatten. Er könnte historische Stadtführungen anbieten.

Manifest der Stadtzeichner

Doch Badel zeichnet lieber weiter, immer nur an Originalschauplätzen, nie vom Foto, nie mit gestellten Motiven. Das widerspräche den Grundsätzen der „Urban Sketchers“, der Stadtzeichner, einer weltweiten Bewegung von Künstlern, mit denen sich auch Badel verbunden fühlt. In Berlin treffen sich die Zeichner auf der Straße, in Museen, Kirchen und Bars.

Die Künstler orientieren sich an einem Manifest. Das Leitmotiv lautet: „Wir zeigen die Welt, Zeichnung für Zeichnung!“ Christian Badel konzentriert sich auf seine Welt in Alt-Pankow. Haus für Haus, und Bild für Bild.