Es ist jetzt fast sechs Jahren her, als etwa 50 Rentner aus Pankow plötzlich weltberühmt geworden sind. Im Juni 2012 hatten sie ihre Seniorenfreizeitstätte in der Stillen Straße 10 besetzt. Die alte Villa in der Eigenheimsiedlung sollte geschlossen werden. Für die Renovierung hatten die Pankower Bezirkspolitiker kein Geld mehr übrig und sie fanden, es gebe doch genügend andere Treffpunkte in der Gegend.

Gegen diesen Beschluss protestierten die Senioren und besetzten überraschend ihren Rentnerclub. Sie schliefen auf Luftmatratzen, kochten und organisierten den Protest. Alle staunten über den Aufstand der Alten. Fotos von den „Wut-Rentnern aus Pankow“ gingen um die Welt, es gab viele Berichte über „die ältesten Hausbesetzer der Welt“. An die Eingangstür hängten sie ein Plakat. „Wir bleiben alle!“ stand darauf. Die Stille Straße 10 wurde zum Symbol des Widerstands gegen Verdrängung und zum Treff für Politikaktivisten aus aller Welt.

Tatsächlich schafften es die rüstigen Rentner, dass ihre Villa, in der einst Stasi-Chef Erich Mielke lebte, geöffnet bleiben durfte. Nicht für immer, aber für eine Weile. Der Sozialverband Volkssolidarität übernahm die Einrichtung, doch Geld für dringliche Bauarbeiten hatte er auch nicht. 2,3 Millionen Euro wurden gebraucht. Die Senioren schrieben Anträge an die Lottostiftung. Die Lottostiftung lehnte die Anträge ab. Den Senioren war klar, nur in einem neuen Gebäude kann der Seniorentreff dauerhaft gesichert werden. Doch wer sollte so ein Grundstück finden? Und wer könnte es bezahlen?

Unterstützung aus dem Bundestag

Klaus Mindrup war schon viele Jahre in der Pankower Bezirkspolitik aktiv, als die Rentner zu Besetzern wurden. Der SPD-Politiker aus Prenzlauer Berg hatte sich auf Finanzen und Stadtentwicklung spezialisiert, soziale Gerechtigkeit und genossenschaftliches Bauen findet er wichtig. Mindrup unterstützte die Rentner in der Stillen Straße, auch wenn seine Partei für die Entscheidung, die Einrichtung zu schließen, heftig kritisiert wurde. 2013 wechselte Mindrup in den Bundestag und er nutzte seinen neuen Job, um den Senioren weiter zu helfen. Der Vorgang Stille Straße 10 beschäftigte sogar die Bundesregierung.

Denn es gab einen Plan. Aus der Begegnungsstätte Stille Straße sollte an einem Ausweichort ein neues soziales Wohnprojekt entstehen: eine Einrichtung für Menscheln mit Behinderung, ein intergeneratives und barrierefreies Wohnprojekt, ebenso ein Stadtteiltreff für Jung und Alt. Für Teenager und Senioren.

Auch ein konkreter Ort wurde gefunden, etwa 200 Meter von der Stillen Straße entfernt: das Grundstück einer früheren Autowerkstatt in der Tschaikowskistraße 14. 2500 Quadratmeter groß, im Eigentum des Bundes. Beste Lage, unweit vom Schlosspark und von Schloss Schönhausen. Dieses Grundstück könnte der Bund an das Land Berlin abgeben, die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Gesobau würde es übernehmen, und die Volkssolidarität betriebe später die neue Einrichtung.

Mindrup stellte sein Projekt dem früheren Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vor, sein Parlamentarischer Staatssekretär Jens Spahn übernahm den Fall. Es ging vor allem darum, dass die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) das lukrative Baugrundstück des Bundes nicht zum Höchstpreis verkauft, sondern verbilligt für den sozialen Wohnungsbau an das Land Berlin veräußert.

Mindrups Mühen waren erfolgreich. BIMA und Gesobau begannen mit geheimen Verhandlungen. Stillschweigend wurde vereinbart; alle Beteiligten hielten sich daran. Doch die Senioren in der Stillen Straße glaubten längst nicht mehr an eine sichere Lösung für ihren Treff.

Die Erfolgsmeldung kam vor wenigen Tagen. Da informierte das Bezirksamt in einer kurzen Mitteilung an die Bezirksverordneten, dass die Gesobau den Kaufvertrag für das Grundstück unterschrieben habe. Den Kaufpreis nennt niemand, er soll aber, so sagen Beteiligte, „deutlich unter dem Marktwert“ liegen, aber dennoch „relativ hoch“ sein.

„Wir freuen uns sehr, jetzt beginnt die genaue Planung“, sagt der Geschäftsführer der Volkssolidarität, André Lossin, der Berliner Zeitung. Mit dem Senat müsse nun über die Bebauung des Grundstücks, Finanzierung und staatliche Förderung verhandelt werden.

Einige Aktivisten gestorben

Mit gemischten Gefühlen reagieren die Senioren auf die neue Nachricht über den geglückten Grundstückskauf der Gesobau. „Es geht voran“, sagt Evelyn Lämmer vom Vorstand des Fördervereins Stille Straße 10, der heute über 200 Mitglieder hat. „Aber wie lange wird das alles noch dauern?“, fragt die 65-Jährige besorgt. Seit der Besetzung sind einige Aktivisten gestorben, andere schwer erkrankt.

Im Sommer werden die Senioren ihren Treffpunkt eine Woche schließen, das Haus renovieren; ein Treppenlift wird eingebaut. „Wir werden sicherlich noch ein paar Jahre dortbleiben“, sagt Evelyn Lämmer.

Im Seniorentreff sind derzeit 23 Gruppen aktiv, sie lernen Englisch, treiben Gymnastik, spielen Schach und malen. In der Arbeitsgruppe Wohntisch etwa sprechen die 40 Mitglieder über gemeinschaftliches Wohnen im Alter und über Wohngruppen von Jung bis Alt.

Wenn es nun um die Planung für das Grundstück in der Tschaikowskistraße geht, wollen auch die Senioren mitreden und mitentscheiden. „Schließlich haben wir es erkämpft“, sagt Evelyn Lämmer. „Wir sind ja nicht irgendeine Seniorengruppe. Der kämpferische Geist von damals lebt immer noch in uns.“