Anstatt die Rückkehr zum normalen Schulbetrieb, plädiert Pankows Bürgermeister Sören Benn für ein flexibleres System. 
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Berlin-PankowWochenlang schien die Zeit Corona-bedingt stillzustehen, auch in Pankow, Berlins größtem und am schnellsten wachsenden Bezirk. Doch jetzt bewegt sich etwas. Der Shutdown wird an manchen Stellen gelockert, so sollen zum Beispiel die Schulen schrittweise wieder geöffnet werden. Sehr zum Unmut von Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn (51). Die Schulen seien darauf gar nicht vorbereitet, sagt er. Ein Gespräch über selbstbewusste Pankower, fehlendes Warmwasser in Schulen und verkürzte Sommerferien.

Herr Benn, Ihr Büro sagt, Sie sind im Urlaub. Wo erreichen wir Sie gerade telefonisch?

Eigentlich wollte ich in der Woche nach Ostern verreisen. Aber es war schon sehr früh klar, dass das nicht gehen würde. Jetzt bin ich zu Hause: im Urlaub – aber mit dem Kopf im Bezirk und im Bezirksamt.

Wie hat sich Pankow in Zeiten von Corona geschlagen? Wie die anderen elf Bezirke? Wie ist Ihr Eindruck?

Bei uns in Pankow haben wir schnell einen Pandemiestab etabliert, der das Vorgehen im gesamten Bezirksamt koordiniert. Zum Beispiel wird dort geklärt, welche Bürgerdienste wir nur noch reduziert anbieten und welche Aufgaben wir ganz einstellen. Außerdem halten wir engen Kontakt zu den anderen Bezirksämtern. Das klappt gut. Ich kann ohnehin sagen: Ähnlich wie beim Föderalismus auf Bundesebene funktioniert es auch bei uns selbst in solch einer Krisenzeit besser, als viele dachten.

Wenn wir einmal die Verwaltungsperspektive verlassen: Was sehen Sie, wenn Sie etwa in den Bürgerpark schauen oder in den Schlosspark?

Anfangs gab es schon Irritationen: Wie soll ich mich verhalten? Was darf ich? Was darf ich nicht? Inzwischen gibt es aber eine gewisse Entspannung, die Leute sind ein bisschen selbstbewusster geworden. Es gibt mehr Miteinander. Gleichzeitig habe ich nicht wahrgenommen, dass in Größenordnungen Bußgelder geschrieben werden. Die Leute sind sich im Großen und Ganzen der Abstandsregeln bewusst.

Dennoch muss es Ihnen doch wehtun zu sehen, dass die Kneipenkultur, für die Prenzlauer Berg steht, darniederliegt. Oder die Restaurants in Pankow oder die Geschäfte in Weißensee.

Das ist natürlich extrem schmerzlich. Man zieht schließlich nicht nach Berlin, um auf einem Dorf zu leben. Deswegen ist es psychologisch wichtig, den Geschäftsleuten eine Perspektive zu geben – so wie es mit den Soforthilfen des Senats geschehen ist. Zudem reden wir ja schon über Lockerungen ab Anfang Mai. Das bedeutet für viele, dass sie am Ende auf 35 Schließtage kommen werden. Das sollte inklusive der Hilfen für die allermeisten aufzufangen sein.

Herr Benn, bei den Schulen und Kitas haben Sie sich zuletzt vehement gegen eine Lockerung ausgesprochen. Sie sind dagegen, dass die Schulen bereits ab Ende April wieder schrittweise öffnen, wie es der Senat vorsieht – und auch, dass Kitas langsam wieder geöffnet werden. Warum denn?

Eine volle Kita oder eine volle Schule ist nichts anderes als ein volles Konzert in der Kulturbrauerei. So viele Eingänge gibt es in Schulen und Kitas gar nicht, dass man Kontakte vermeiden kann. Die meisten unserer Schulen sind übervoll. Es ist dort doch gar kein Platz, fünf oder maximal zehn Kinder pro Klassenraum unterzubringen. Darüber hinaus gibt es viel zu wenig Waschgelegenheiten mit warmem Wasser, um sich regelmäßig die Hände zu waschen.

Alles dicht. Auch die Feuerwache an der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg. 
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Dennoch sind der Regierende Bürgermeister und die Schulsenatorin ganz klar bei dem Fahrplan …

…ja, sie sind eindeutig in der Ansage. Sie sagen aber nicht, wie das geschehen soll. Man kann die Realität nicht beschließen. Ich erkenne einen krampfhaften Versuch, möglichst schnell in den Regelbetrieb zurückzukehren. Aber es kann erst einen Regelbetrieb geben, wenn die Ansteckungsrate so stark absinkt, dass wir jeden Fall nachverfolgen und in Quarantäne bringen können. Solange das nicht so ist, kann man nicht nach dem alten Modell arbeiten.

Was schlagen Sie vor?

Ich bin dafür, für die Schulen bis Juni ein anderes System zu entwickeln. Es gibt doch jetzt schon die Möglichkeit, außerhalb des Schulgebäudes zu lernen. Das müssen wir entwickeln und möglichst viele Schüler damit erreichen. Wir können auch an die Sommerferien rangehen, zum Beispiel an die letzten zwei Wochen.

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Zur Person

Sören Benn,  geboren im brandenburgischen Kyritz, trat im Jahr 2000 in Berlin der PDS bei, 2008 wurde er Chef der Linken Pankow. 2006 wurde der Diplom-Sozialpädagoge, der auch eine Schauspielausbildung absolvierte, erstmals ins  Bezirksparlament gewählt.

Bei der Wahl 2016 verlor Benn als Pankower Direktkandidat für das Abgeordnetenhaus. Dafür zog er erneut in die BVV ein, wo er von einer rot-rot-grünen Zählgemeinschaft zum Bezirksbürgermeister gewählt wurde.

Heißt das, dass die Sommerferien um zwei Wochen verkürzt werden sollen?

Das heißt, dass man das mindestens in die Abwägungen mit einbeziehen sollte. Ja. Diese Zeit würden wir gewinnen. Währenddessen kann man ein Modell entwickeln, bei denen die Kernfächer von mir aus außerhalb der Rush Hour liegen, damit die Schüler möglichst nicht in vollen Bussen oder Bahnen unterwegs sein müssen.

Und für die Kitas?

Dort müssen wir die Notbetreuung ausweiten. Aber das geht nur, wenn auch für jede Kita ein Hygienekonzept vorliegt. Darin muss geregelt sein, wie man öffnen kann, wie viele Kinder untergebracht werden können, wie viele Erzieher man dafür braucht und wie man diese schützen kann. Da ist noch Luft nach oben.

Das Gespräch führte Elmar Schütze.