Wundersame Geschichten gibt es derzeit vom BER zu berichten. Da werden mehr als drei Jahre nach der geplanten Fertigstellung plötzlich viel zu schwere Entrauchungsventilatoren im Dachgeschoss entdeckt, die im Falle ihrer Aktivierung womöglich die Decke durchschlagen hätten und im schlimmsten Fall bis in den Tiefbahnhof gefallen wären. Da erklärt der Geschäftsführer in aller Seelenruhe im brandenburgischen Landtag, 600 Wände im Terminal müssten eingerissen und neu gebaut werden – nur um sich am selben Tag zu korrigieren: Es seien doch nur 30.

Die Prophezeiung von Flughafenchef Karsten Mühlenfeld, der kürzlich orakelte, es werde noch unangenehme Überraschungen am BER geben, schien sich schneller als gedacht zu bewahrheiten. Kurzfristig bestellte ihn darum am Mittwoch der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses ein. Begleitet wurde er von Baustaatssekretär Engelbert Lütke Daldrup (SPD), dem Flughafenkoordinatoren des Senats. Zwei Botschaften hatten sie an die Abgeordneten. Erstens: Es ist alles nicht so schlimm. Zweitens: Gewissheiten gibt es keine.

Wie in jedem Einfamilienhaus

Lütke Daldrup war schon in den vergangenen Tagen bemüht, den Schaden zu begrenzen, den Mühlenfeld mit seinem Zahlendreher verursacht hatte. Er ist seit 26 Jahren Baupolitiker, promovierte in Städtebau und warf am Mittwoch seine fachliche Kompetenz in die Waagschale, um den zerknirschten Flughafenchef zu stützen. Die Brandschutzwände? „Ich kenne kein Bauvorhaben, wo nicht nachträglich Wände angefasst werden, nicht einmal im Einfamilienhausbereich“, beschied Lütke Daldrup. Zwar seien tatsächlich an 600 der 4000 Innenwände im Flughafenterminal Nacharbeiten nötig, oft ginge es aber um kleine Maßnahmen.

Und die zu schweren Ventilatoren? Auch nichts, was ihn schockiere. Die Ventilatoren müssten nicht ausgetauscht werden, allenfalls eine Verstärkung der Bühnen, an denen sie montiert sind, sei wohl nötig. „Das geht mit ein bisschen Stahl, etwas Blech und ein paar Schrauben an der Decke.“ Weder auf den Termin-, noch auf den Kostenplan habe die Panne größere Auswirkungen. Noch Fragen?

Ja, viele. Die Abgeordneten nutzten die Gelegenheit, mehr als anderthalb Stunden lang befragten sie Mühlenfeld und Lütke Daldrup. Schließlich sind die beiden seltene Gäste, und schließlich sind gerade Haushaltsverhandlungen. Neben vielem Redundanten förderte die Befragung denn auch einige Neuigkeiten zutage.

So wurden Mühlenfeld und Lütke Daldrup zwar nicht müde zu betonen, dass weder die Sanierung der Rauchventilatoren, noch die Sanierung der Brandschutzwände gravierende Auswirkungen auf die Terminplanung hätten.

Überarbeitet wird diese Planung aber trotzdem, schließlich sind in diesem Jahr bereits Verzögerungen von vier Monaten aufgetreten. Grund dafür, erklärte Karsten Mühlenfeld, seien vor allem die äußerst umfangreichen Planungsarbeiten für die Umplanungen. Inzwischen liegen die Unterlagen beim Bauamt des zuständigen Landkreises Dahme-Spreewald. Ende des Jahres will der seine Prüfung abschließen, erst dann können viele Arbeiten beginnen. Der Aufsichtsrat soll im Dezember einen detaillierten neuen Zeitplan erhalten, sagte Mühlenfeld. Das Abgeordnetenhaus bekommt im November eine Vorabversion.

Dass die Flughafengesellschaft für die fehlerhaften Ventilatoren Schadenersatz geltend machen könnte, schloss Karsten Mühlenfeld aus. Die Geräte seien Ende des vorigen Jahrzehnts eingebaut worden. „Jeglicher Gewährleistungsanspruch ist dahin“, sagte er. Immerhin konnte er benennen, wer nach Erkenntnis der Flughafengesellschaft Schuld ist: die Planer von der 2012 gekündigten PG BBI. Dieses Unternehmen ist insolvent, es gäbe also nichts mehr zu holen.

Ansprüche gegen die Gebäudetechnikfirma Caverion, die die Brandschutzanlage baute, prüft die Flughafengesellschaft dem Vernehmen nach nicht. Caverion ist bis heute am Flughafen tätig. Allerdings könnte die Staatsanwaltschaft Cottbus in der Angelegenheit tätig werden, die Strafverfolger haben Vorermittlungen aufgenommen.

Jetzt wird gerechnet

Wie die Arbeiten im Terminal weitergehen sollen, dessen Mittelteil von der Bauaufsicht wegen der zu schweren Ventilatoren gesperrt wurde, erklärte Mühlenfeld den Abgeordneten auch. „Wir arbeiten an zwei Optionen“, sagte er. Möglicherweise seien gar keine Nacharbeiten nötig, weil die Technikbühnen das höhere Gewicht der Ventilatoren halten können. Das werde gerade berechnet. Alternativ erarbeite man ein Brandschutzkonzept für die Dauer der Bauarbeiten, das ohne die Ventilatoren auskomme. In jedem Fall könne die Sperrung bald aufgehoben werden.

Also wird alles gut? Fast wollte man es glauben, hätte Mühlenfeld nicht wiederholt Formulierungen wie diese gebraucht: „Die bisherige Terminplanung ist: Fertigstellung 2016, Inbetriebnahme 2017.“ Nicht auszuschließen, dass mit dem neuen Terminplan im Dezember ein Jahr dazukommt.