„Papa! Papi! Paaaapa!“ Wo Eltern ihre Kindheit nachholen können

Ich gehöre zu jener Sorte peinlicher Väter, die höher klettern und mehr Quatsch im Kopf haben als ihre Kinder. Und dann vergessen, wer hier erwachsen ist.

Blick Richtung Spieljoch: Dahinter versteckt sich das Kinderparadies für Erwachsene.
Blick Richtung Spieljoch: Dahinter versteckt sich das Kinderparadies für Erwachsene.imago/imagebroker

Ich hatte von allem etwas weniger als Kind, weniger als meine beiden Kinder heute. Spielzeug und Vitamine, Reiseziele und Videoaufnahmen, vor allem aber Aufmerksamkeit. In meiner Erinnerung, die natürlich keine verlässliche Quelle ist, aus Gründen hier was weglässt und dort was hinzudichtet, saßen wir Kinder oft unter einem großen Tisch, zwischen den Beinen der Erwachsenen oder fantasierten uns durch die Muster eines Teppichbodens, der ein Meer oder ein Dschungel oder eine Rennstrecke sein konnte.

In der echten Welt waren wir wie Statisten, Anhängsel, Mitläufer, wir kannten unsere Grenzen, quatschten nicht dazwischen, badeten seltener und nie im Überfluss, wir wollten nicht mehr, als es gab. Es gab ja auch viel wenig damals, das man hätte haben wollen. Brave und bescheidene Kinder waren einfach die besten Kinder, vorzeigbar auf jeder Familienfeier. Und wenn nicht, dann bekamen wir auch mal den Hintern versohlt.

Ich hatte, anders als meine Kinder, lange kein eigenes Zimmer. Meine Spielzeugautos parkte ich in einer Ecke hinter dem Wohnzimmersessel, direkt daneben stand ein Eimer mit Kohle, bollerte ein Kachelofen. Er spendete Wärme und strahlte keine Gefahr aus. Wenn Eltern heute wie Hubschrauber ihre Überwachungsflüge starten, gingen meine eher wie U-Boote auf Tauchstation. Weniger Aufmerksamkeit bedeutete mehr Freiheit, (meist) heimlich Scheiße zu bauen.

Man muss halt nur vorher ankommen, ohne den Verstand oder die Nerven auf der Autobahn zu verlieren

Das größte Alltagsabenteuer auf dem betonierten Innenhof waren die Teppichklopfstangen, die wir Innenhofkinder uns als Klettergerüste oder Fußballtore dachten und ohne Widerworte räumen mussten, wenn eine Nachbarin dort ihre Wäsche aufhängen wollte. Und bevor jetzt die ersten Mitleidstränen kullern: Ich hatte trotzdem eine glückliche Kindheit.

Warum ich das alles erzähle? Weil wir neulich im Urlaub waren, Österreich, Zillertal, also irgendwann hinter München über die Grenze und ein bisschen den Windungen des Inns entlang, dann durch einen Tunnel und schon – „Papa! Papi! Paaaapa! Wann sind wir endlich daaaa?“ – waren wir endlich da. In der Eigenwerbung heißt es: „Das Zillertal ist eine der führenden Familiendestinationen in den Alpen.“ Man muss halt nur vorher ankommen, ohne den Verstand oder die Nerven auf der Autobahn zu verlieren.

Was eine führende Familiendestination ausmacht, kann man am besten auf 1858 Metern Höhe beobachten und selbst erleben, oben auf dem Spieljoch. Wer hier in der Sommersaison – und ohne sich im Tal über das Bergtreiben erkundigt zu haben – aus der Gondelbahn steigt, wird einen Spielplatz betreten. Nein, das ist untertrieben. Es ist eine riesige Spielwelt, die sich hier ausbreitet: Trampolin und Stollenlabyrinth, Klettersteig und Hochseilgarten, ein künstlich angelegter See mit Booten und Flößen, und dazwischen passen immer noch Rutschen, Schaukeln, Sandkästen, ein Tierpark, Downhillstrecken und der „Mega Panorama Fox“, ein in luftiger Höhe befestigtes Seil, an dem man nach unten rutschen, schweben, fliegen und auf dem Dach einer Kristallmine landen kann, denn die gibt es ja auch noch.

Nun muss man wissen, dass ich zu jener Sorte peinlicher Väter gehöre, die immer höher klettern als ihre Kinder, oft mehr Quatsch haben im Kopf und dabei manchmal vergessen, dass sie hier die Erwachsenen sind. „Papa! Papi! Paaaapa! Können wir endlich geeeehen?“, ruft dann meine ältere Tochter, wenn sie genug gespielt hat. Sie versteht noch nicht, dass es früher von allem weniger gab. Und dass man aus einer Teppichklopfstange keinen „Mega Panorama Fox“ machen konnte. Darf ich noch mal? Biiiitte!