Berlin - Die Erwartungen an den neuen Papst sind hoch. Einen Papst an der Seite der Armen begrüßt der Berliner Caritasverband. Und auch viele Berliner Jesuiten erwarten einen Mann für soziale Gerechtigkeit. Pater Ludger Hillebrand hatte am Donnerstag heiße Ohren vom vielen Telefonieren. So viele Menschen wollten wissen, wie sich die Jesuiten fühlen, seit einer ihrer Ordensbrüder Papst geworden ist. Eine große Freude sei das, sagte Hillebrand. Er musste den Satz an diesem Tag oft wiederholen.

Die Jesuiten sind ein eigenständiger Teil der katholischen Kirche. In Berlin ist die Gemeinschaft der Jesuiten sehr klein. Etwa 18 000 Ordensbrüder gibt es weltweit. In Berlin leben 44. Wenn sie Gottesdienste veranstalten wollen, müssen sie das mit dem Erzbistum absprechen. Erzbischof Rainer Maria Woelki ist allerdings nicht für Interna des Orden zuständig.

Vielfältige Gemeinschaft

Aber so klein wie die Gemeinschaft der Jesuiten in der deutschen Hauptstadt auch ist, sie ist trotzdem vielfältig und auch schlagkräftig, weil sie ganz gezielt die Themenfelder Bildung und Flüchtlingspolitik besetzt. Die wichtigste Einrichtung des Ordens in der Stadt ist das Canisius-Kolleg, ein Gymnasium mit sprachlichem Schwerpunkt in Tiergarten. Zum Kolleg gehört auch eine Wohngemeinschaft von elf Priestern. Der Ruf des Canisius-Kollegs hat 2010 sehr gelitten, als dort zahlreiche Missbrauchsfälle bekannt wurden. Zwei Patres sollen in den 70er- und 80er-Jahren Schüler missbraucht haben.

Bildung ist traditionell ein Schwerpunkt der Ordensarbeit. Die Ausbildung der Ordensmänner ist lang. Auf ein zweijähriges Noviziat folgen in der Regel ein dreijähriges Philosophie- und ein dreijähriges Theologiestudium. Dazwischen steht eine zweijährige praktische Tätigkeit. Nach Abschluss des Studiums folgt eine weitere Ausbildung oder ein Aufbaustudium und eine halbjährige geistliche Auszeit.

Neben dem Canisius-Kolleg gibt es das Ignatiushaus in Charlottenburg. Die Patres dort engagieren sich im Forum der Jesuiten und in der Pfarrei St.-Canisius. Im Peter-Faber-Haus in Kladow, einer Senioren-Residenz, leben 20 Ordensbrüder. Eine Sonderstellung unter den Berliner Jesuiten nimmt der Arbeiterpriester Christian Herwartz ein, der mit einem Mitbruder in einer Wohngemeinschaft in Kreuzberg lebt und dort Exerzitienkurse anbietet.

Mit seinen „Exerzitien auf der Straße“ hat er es zu einiger Berühmtheit gebracht. Und auch seine Wohnsituation lässt Besucher staunen. In seiner Wohnung an der Naunynstraße leben zahlreiche Menschen aus verschiedenen Ländern, die Herwartz aufgenommen hat. Herwartz veranstaltet auch Mahnwachen vor dem Abschiebegewahrsam in Grünau. Dass der neue Papst Jesuit ist, findet Herwartz allerdings überhaupt nicht begrüßenswert. „Wir haben Armut gelobt und wollten eigentlich nicht in Hierarchien aufsteigen“, sagt er.

Damit beurteilt er die Papstwahl ganz anders als Ludger Hillebrand. Dieser engagiert sich im Jesuiten-Flüchtlingsdienst, kümmert sich um Häftlinge im Abschiebegewahrsam, berät sie in Rechtsfragen und wendet sich in ihrem Namen an die Härtefallkommission des Abgeordnetenhauses um eine Abschiebung zu verhindern.

Hillebrand kennt Jorge Mario Bergoglio, der sich nun Papst Franziskus nennt, nicht persönlich. Aber er hat den ersten Auftritt seines Ordensbruders als neuen Papst gebannt verfolgt, und die paar Minuten sprächen für ihn. „Sein bescheidenes Auftreten hat mich besonders gefreut“, sagt Hillebrand.

Er stehe da als Option für die Armen, für mehr Gerechtigkeit, sagt Hillebrand. Er nimmt ihm diese Botschaft ab. Schließlich habe Bergoglio in seiner Zeit als Bischof selbst bescheiden gelebt. Und auch seine Herkunft aus Südamerika sieht Hillebrand als Pluspunkt. „Das ist gut so, es bringt Farbe rein in die Kirche und es ist eine Wertschätzung Lateinamerikas“, sagt Hillebrand.

Am Nachmittag wollte Hillebrand wieder ins Abschiebegewahrsam Grünau fahren. Zehn Vietnamesen betreut er zurzeit, für einen Mann kämpft er um ein Bleiberecht. „Die Flüchtlinge berührt die Papstwahl nicht“, sagt Hillebrand, die hätten andere Sorgen.