Berlin - Das amerikanische Paar denkt laut darüber nach, ob sie am falschen Ort sind. Weil die Tische so eng stehen, muss ich mithören.

„Paris Bar. Are you sure?“

Im Reiseführer klang alles groß: Heiner Müller schrieb über die Paris Bar, dass hier keiner herauskommt, als der gleiche, der hineinging. Martin Kippenberger tat so, als hätte er sie gemalt, das Bild ist heute 2,7 Millionen Euro wert. Bernd Eichinger, Günter Grass, Leonardo DiCaprio – sie alle kamen, aßen und tranken hier, wenn sie in der Stadt waren. Wer könnte daran zweifeln? Die Paris Bar ist eine Legende, ein Klassiker, wie ihn eine Stadt braucht.

Die Amerikaner gucken auf das Yves Saint Laurent-Foto, auf die vielen Kunstwerke, die Rahmen an Rahmen hängen. Die roten Lederbänke, die weißen Tischdecken, das Schachbrettmuster auf dem Boden – selbst die Salz- und Pfefferstreuer sind so wie auf dem vermeintlichen Kippenberger von 1991.

Das Paar sieht dennoch enttäuscht aus. Das Promi-Restaurant existiert zwar noch. Aber die Geschichten sind weiter gezogen.

Ich finde das großartig. Für meinen Geschmack ging es dabei zu selten ums Essen. Andere haben der Paris Bar den Rang abgelaufen. Das Duell zwischen West- und Ost-Berlin ist längst entschieden. Die Ruhe kehrt zurück. Und in der starfreien Paris Bar kann man wieder essen und sich darauf konzentrieren.

Ein gut trainierter Kellner in Jeans und Turnschuhen bringt die Karte. „Hi Lady“, sagt er. Die Karte ist französisch gehalten. Unter „Les Entrees“ finden sich Brasserie-Klassiker. Ich schwanke zwischen marinierten Lammnüsschen mit Artischockenherzen und einem Avocadococktail mit Shrimps und Champignons. Beides klingt einfach, entlarvt aber eine Küche. Ist das Lamm aus der Gefriertruhe oder über das Reifedatum gelagert, schmeckt es mürbe oder furchtbar stallig. Ebenso sind Fertigmayonnaise und Dosenchampignons Todsünden. Ich bin gespannt.

Mein „Plat Principal“ ist klar. Schon den ganzen Tag freue ich mich auf die Bouillabaisse à notre façon, ein Paris Bar-Klassiker. Die Suppe, bei der mindestens sieben Fischsorten und Meeresfrüchte verwendet werden, gilt als heikel.

Dafür habe ich heute gehungert. Das Baguette mit Butter ignoriere ich. Ebenso den Ei- und Essiggeruch, der durch die Schwingtür aus der Küche kommt. Dann steht der Avocadococktail da, lieblos auf Lollo Rosso angerichtet. Aber die erste Gabel ist gut. Die Champignons sind fest, die Crevetten auch. Die Mayonnaise ist frisch, nicht zu mächtig, das Aroma der zerdrückten Avocado und der gehackten Staudensellerie schmeckt durch.

Die Enttäuschung folgt mit der Bouillabaisse: Statt eines passierten Suds kommt rotes Fischgulasch – die sehr grobe Variante. Die Würze ist unerträglich. Paprika, Chili und Öl decken alles zu. Schon nach zwei Löffeln der ölig-schwappenden Brühe habe ich genug. Die Fischstücke rühre ich nicht mehr an. Ich bestelle mir ein Steak Minute mit Pommes frites. Die sind gut.

„Bye-bye Lady“, sagt der Kellner zum Abschied. Doch, wir werden uns wiedersehen. Noch ein Mal, noch eine Chance. Der Legende wegen, aber nicht zur Bouillabaisse.