Unsere Autorin ist in Paris und findet viele Parallelen zu Berlin.
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ParisIn Deutschland wird darüber diskutiert, die Maskenpflicht abzuschaffen, in Paris bleibt man diszipliniert. Zumindest in den öffentlichen Verkehrsmitteln gibt es niemanden ohne. Und sie wird sogar korrekt getragen, nämlich mit bedeckter Nase.

Dafür ist sie im Einzelhandel nicht (mehr) verpflichtend. Apropos Einzelhandel: Ich versuche, online einen französischen Film neueren Datums zu sehen, muss ihn aber nach kurzer Zeit abschalten, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass die wunderschöne junge Frau sich wirklich von dem sehr alten Mann erotisch angezogen fühlt. Der Film ist von 2014, könnte man solche Drehbücher heute noch verfilmen wollen? Der alte Mann im Film ist Bäcker. Die Szene, bei der ich abgeschaltet hatte, war die, als er ihr beigebracht hat, den Brotteig „richtig“ zu kneten. Langsam und mit Gefühl …

Wie auch immer. Die französischen Bäcker sind anders als die deutschen, das jedenfalls stimmt. In einer Pariser Bäckerei, die etwas auf sich hält, sind die Verkäufer beinahe beamtenhaft, zumindest scheinen sie einen oder mehrere Hochschulabschlüsse zu haben, kein Vergleich jedenfalls mit den Berliner Bäckersfrauen in Kittelschürzen. Dennoch ist hier ein einfaches dunkles Schwarzbrot mit hohem Roggenanteil und Sauerteig nicht zu bekommen, stattdessen aber eine reichhaltige Fülle von ungleich raffinierteren süßen Gebäcken und Törtchen.

Wenn man hier sein Handwerk beherrscht, dann stehen die Menschen Schlange. Apropos Schlange. Der vorgeschriebene Mindestabstand ist hier auf einen Meter festgelegt, nicht auf 1,5 Meter wie in Deutschland. Aber daran hält sich niemand. Ist auch schwierig hier. In Paris ist alles irgendwie eine Nummer kleiner. Die Wohnungen, die Läden, die Menschen. Alles wirkt eine Miniaturausgabe von sich selber, ständig muss man aufpassen, nicht anzustoßen oder anzuecken. Manchmal fühle ich mich hier wie Gulliver in Liliput, obwohl ich weder übermäßig groß bin, noch übermäßig viel Gewicht habe.

Zum Glück beherrsche ich mittlerweile Sprache und Höflichkeitsformen gut genug, um nicht unangenehm aufzufallen. Apropos Höflichkeitsformen: Ich weiß nicht, ob es mit der langen und hier viel strenger geregelten Zeit der „Maßnahmen“ zusammenhängt, also des Lockdowns, bzw. des „Confinements“, also dass man denkt, man müsste jetzt lockerer sein, nach all dem Stress: Die Kinder sind quengeliger geworden. Also nicht meine, aber die französischen. Es ist nur so eine Theorie, aber soweit ich das beurteilen kann, ist mir das bei früheren Besuchen nicht aufgefallen. Laute, quengelnde, schreiende, erboste Kinder, die von ihren Eltern nicht beschwichtigt werden können. Vielleicht trauen sie sich nicht mehr, ihnen nach der Zeit der Entbehrung, Grenzen zu setzen? Werden französische Eltern jetzt mehr wie deutsche Eltern? Ich werde wohl noch eine Weile hierbleiben müssen, um das herauszufinden.