Berlin - Über Werner Klemke, den Grafiker und Buchkünstler, Büchersammler und Professor, den Mann, der Millionen von Kindern und Erwachsenen mit Stift, Feder, Pinsel und Stichel die Welt illustrierte, gibt es folgende Anekdote: Am Antonplatz in Weißensee stieg Klemke, der keinen Führerschein hatte, in ein Taxi. Auf die Frage des Fahrers, wohin er ihn bringen solle, sagte Klemke: „Egal – bringen Sie mich irgendwo hin. Ich habe überall zu tun.“ So erzählt es der Schriftsteller Lothar Kusche, ein Weggefährte Klemkes, so ist es zu lesen im Vorwort zu dem neu erschienenen Band „Märchen von Hans Christian Andersen“. Klemkes Bilder darin gehören zum Zartesten, was ich je gesehen habe.

Er hatte überall zu tun, in der Tat. Was erst spät bekanntwurde: Während des Zweiten Weltkrieges verwandte Klemke, stationiert in Holland, seine grafischen Fähigkeiten zur Rettung von Menschenleben. Er schloss sich einer jüdischen Widerstandsgruppe an und fälschte Lebensmittelkarten und Abstammungsnachweise. Klemke selbst hat darüber nie gesprochen. Auf der Gedenktafel an dem Mietshaus in der Weißenseer Tassostraße, in dem er über 40 Jahre lebte, wird er deswegen auch als Stiller Held geehrt.
Seit dem 12. März, an dem Klemke 100 Jahre alt geworden wäre, gibt es endlich auch einen Ort, der seinen Namen trägt. Eine kleine Grünanlage zwischen Parkstraße und Woleckpromenade heißt jetzt Werner-Klemke-Park, ein bescheidenes, schön gestaltetes Schild zeigt den Künstler und Helden und informiert knapp über sein Leben.

Weil es jedoch in dieser Stadt Menschen gibt, die mit Kunst und Fleiß, mit Achtsamkeit und Liebe, mit Gedenken und Respekt nichts anzufangen wissen, weil es Menschen gibt, die es einen Dreck schert, was ein Schild erzählt, ist diese kleine, späte Würdigung des großen Künstlers und Menschen zu einem Schandmal geworden.

Keine drei Monate mussten vergehen, da ist das Schild mit schwarzer Farbe besudelt und unlesbar. Als ich das sehe, wird mir zuerst heiß vor Wut. Nichts bleibt verschont, nichts! Keine Wand, keine Bank, keine Skulptur, kein Schild. Es ist doch so: Viele Menschen haben überall zu tun, schaffen unermüdlich und freudig Gutes, Schönes oder einfach Wichtiges. Und es gibt die anderen. Die nichts zu tun haben. Außer zu zerstören. Es ist erbärmlich.