Berlin - Die Kleinen haben glänzende Augen und zappeln auf ihren Sitzen herum. „Da ist der Schaffner, jetzt geht’s los!“, rufen sie, während die Mini-Lok mit einem Ruck anfährt und den Zug in Bewegung bringt. Ein Junge, etwa vier Jahre alt, bläst dazu lauthals in seine Trillerpfeife. Dem jungen Schaffner in der blauen Bahnuniform hält er ehrfurchtsvoll sein Ticket zum Knipsen entgegen. Eltern und Großeltern fotografieren die Szene amüsiert.

Ein ganz normaler Vormittag bei der Parkeisenbahn: Familien zuckeln mit der kleinen Bahn gemütlich durch die Wuhlheide. Doch der Schein trügt. Bei Berlins einziger Schmalspurbahn ist nichts mehr wie es war. Seit im Herbst vorigen Jahres systematischer sexueller Missbrauch bekannt wurde, ist die Eisenbahn-Romantik dahin. Der Wegfall staatlicher Fördermittel und der Anerkennung als freier Träger der Jugendhilfe drohen. Die neue Saison, die gerade begann, wird darüber entscheiden, ob die kleine Bahn überhaupt noch eine Zukunft hat. „Sie kann nur überleben, wenn es dort grundsätzliche Strukturänderungen gibt“, sagt Klaus Ulbricht.

Kein Kind wurde abgemeldet

Der ehemalige Köpenicker Bürgermeister soll jetzt die Erneuerung der Parkeisenbahn koordinieren. Dort, sagt er, müsse künftig die Kinder- und Jugendarbeit Priorität haben. Dass diese Arbeit bislang vernachlässigt wurde, räumt der Chef der gemeinnützigen GmbH Ernst Heumann ein. „Es ging immer hauptsächlich um Technik, Pädagogik lief so nebenbei.“

Das klingt sehr irritierend, da in der Wuhlheide seit jeher Kinder und Jugendliche ausgebildet werden. Zu Schrankenwärtern, Schaffnern, Fahrdienstleitern, Streckenläufern und Lokführern. Ein hierarchisches System, das Abhängigkeiten der Kinder von Ausbildern förderte. Pädophile hatten so offensichtlich leichtes Spiel. Drei ehemalige Park-Eisenbahner wurden inzwischen zu Bewährungsstrafen verurteilt, vier weitere mutmaßliche Täter warten noch auf ihre Prozesse.

„Bis zum Beginn der Sommerferien wollen wir ein Konzept fertig haben, damit solche Übergriffe nie wieder passieren“, sagt Heumann. Die wichtigste Prämisse: Nie mehr soll ein Erwachsener allein mit einem Kind sein. Auch nicht bei einer Eisenbahner-Prüfung. Diese würden künftig von zwei Ausbildern abgenommen. Eine gewisse Hierarchie, so Heumann, lasse sich nicht vermeiden, aber: „Wir werden kein Kind zwingen, Eisenbahn-Karriere zu machen, wenn es nicht möchte.“

Eine Kinderschutzbeauftragte wurde eingestellt, und die derzeit knapp 70 Kinder und Jugendlichen erhielten mehr Mitsprache. Der Bahnhof Eichgestell bekam riesige neue Fenster, das soll Transparenz signalisieren. Nach und nach sollen die anderen Bahnhöfe umgebaut werden – wenn Geld dafür gefunden wird. Auf Seminaren erläuterten Mitglieder des Vereins „Berliner Jungs“ den Kindern und ihren Eltern, woran man Sexualstraftäter erkennt und wie man sich wehrt. Klaus Ulbricht ist allerdings überzeugt, dass man Erziehungsaufgaben nicht allein ehrenamtlichen Eisenbahnern überlassen kann. Doch wie professionelles Know-how, also Sozialarbeiter oder Erzieher, finanziert werden können, ist noch offen.

Für den 15-jährigen Dennis ist die Parkeisenbahn seit vier Jahren Hobby. Seine Eltern hätten ihn gefragt, ob er bleiben wolle, erzählt er. Er hat sich dafür entschieden, so wie die anderen Jung-Eisenbahner auch. Kein Kind wurde abgemeldet.