Freitagvormittag, Stargarder Straße, Prenzlauer Berg: Kaum fährt der schwarze Volvo aus einem Parkhafen raus, stellt sich ein Fahrrad mit Anhänger in die freigewordene Lücke. Ein zweites wird quer davor gestellt. Flugs wird aus dem Anhänger eine Kaffeemaschine gezaubert, dazu kommt eine ausklappbare Sitzbank, Kunstrasen, ein großer Schirm sowie ein paar Sonnenblumen – fertig ist das Vorgarten-Idyll im Parkhafen.

Ein paar Minuten später spielen sich in anderen freigewordenen Lücken in der Nähe ähnliche Szenen ab: Mal wird aus einem Lastenfahrrad ein Büchertisch mit Literatur rund ums Rad, mal wird eine Parkbucht zum Mini-Strand mit Surfbrett, selbst gebastelter Palme – und natürlich einem Fahrrad. Am Ende werden ein knappes Dutzend Parklücken auf diese Weise umfunktioniert sein. Zu der ungewöhnlichen Aktion passen sehr schön auch die mürrisch dreinblickenden Autofahrer, die eine Runde nach der anderen drehen, auf der Suche nach einem Parkplatz.

Urbaner Strand statt Parklücke

Hinter der Aktion steckt der Parking Day, eine Initiative aus San Francisco. Dort hatten Fahrrad-Freaks 2005 temporär einen öffentlichen Parkplatz besetzt. Die Idee machte die Runde und wurde schließlich so populär, dass die Macher im Jahr 2011 beim Stand von 162 Städten in 35 Ländern aufhörten mitzuzählen. Inzwischen hat sich der dritte Freitag im September weltweit als Parking Day etabliert.

„Wir wollen zeigen, wie schön Straßen sein könnten, wenn dort nicht so viele Autos parken würden“, sagt Sascha Möllering von der Agentur Berlin on Bike. Er verweist darauf, dass die Abstellfläche aller Berliner Autos dreimal die Fläche des gesamten Tempelhofer Feldes beträgt. „Darauf wollen wir aufmerksam machen“, sagt er.

„Als ich 1992 in diese Gegend gezogen bin, gab es viel weniger Autos. In den Nebenstraßen haben Kinder auf der Fahrbahn gespielt“, erzählt Alev Yerinc. Die Kulturwissenschaftlerin hat direkt vor der Gethsemane-Kirche ihre Parklücke zum urbanen Strand umfunktioniert. „Reclaim the streets!“, hat sie auf ein Schild geschrieben – die Menschen, in diesem Fall offenbar vertreten durch Radfahrer, sollten sich von den Autos die Straßen zurückerobern. Das klingt revolutionär, soll es aber angeblich gar nicht sein. Es gehe nicht um vordergründige politische Forderungen, es sei eher ein Happening – „und natürlich ein Experiment“, sagt Alev Yerinc.

Nach gut einer Stunde steht das Experiment auf der Probe, als Polizisten und Mitarbeiter des Ordnungsamtes aufkreuzen. Ein genervter Autofahrer beschwert sich bei einer Beamtin. Er suche seit 20 Minuten einen Parkplatz. Was eigentlich diese Leute mit ihren Rädern da machten? Dürfen die das? „Ja, die dürfen hier stehen“, sagt die Polizistin. „Die haben ein Parkticket gezogen.“ Entscheidend sei, dass in jeder Parklücke auch tatsächlich ein Fahrrad stehe. Dann sei dies legal.