Seit gut zwei Wochen steht der Masterplan für die neue Großsiedlung in Lichterfelde-Süd, das derzeit größte Wohnungsbauvorhaben Berlins. Auf dem früheren US-Manöverplatz „Parks Range“ an der Osdorfer Straße sollen für rund 800 Millionen Euro 2 500 Wohnungen und Einfamilienhäuser entstehen. Auch sechs Hochhäuser mit jeweils 12 Stockwerken sind geplant. Mit bis zu 7 000 neuen Bewohnern wird gerechnet. Das ist der Plan für das gut 96 Hektar große Areal, das sich nach dem Abzug der Militärs die Natur zurückgeholt hat, samt gefährdeter Arten wie Moorfrosch und Feuerfalter.

Was der Investor, die Groth Gruppe, das Land und der Bezirk als großen Erfolg feiern, kommt bei einigen Anwohnern und Gewerbetreibenden gar nicht gut an. Seit mehr als zwei Jahren begleitet eine Bürgerinitiative, das Aktionsbündnis Landschaftspark Lichterfelde Süd, den Planungsprozess kritisch, nicht nur aus Liebe zum Moorfrosch. Die Initiative sagt, nicht prinzipiell gegen die Bebauung zu sein. Aber sie wirft Eigentümer und Bezirk vor, mit rund 40 Hektar Baufläche zu überdimensioniert zu planen und die bestehenden Quartiere, vor allem die im Norden angrenzende Thermometersiedlung, zu überlasten. Nun will das Aktionsbündnis in das Vorhaben eingreifen – mit dem ambitionierten Ziel, einen Bürgerentscheid herbeizuführen.

Sammeln für Bürgerentscheid

„Wir wollen, dass die Planung auf das Maß reduziert wird, das der Bezirk selbst per Gutachten hat ermitteln lassen“, sagt Helmut Schmidt vom Aktionsbündnis. Eine erste Naturschutz-Expertise, 2013 vom Bezirksamt in Auftrag gegeben, war zu dem Ergebnis gekommen, dass lediglich 16, höchstens aber 27 Hektar bebaubarer Fläche vertretbar seien. „Das würde bis zu 1.500 Wohnungen ergeben, was gerade so akzeptabel wäre“, sagt Schmidt.

Am Montag will die Initiative im Kieztreff Lichterfelde, Celsiusstraße 60, ab 18 Uhr das Vorgehen beraten, um Änderungen an der Planung zu erreichen. „Wir wissen, das ist anspruchsvoll“, sagt Helmut Schmidt. Denn in Steglitz-Zehlendorf müssten mindestens 7 000 Unterschriften gesammelt werden, um den Bürgerentscheid überhaupt zu ermöglichen.

Der Masterplan war im Zuge eines städtebaulichen Workshops entstanden, an dem auch Anwohner und das Aktionsbündnis beteiligt waren. Die Kritiker behaupten jedoch, wichtige Entscheidungen hätten ohnehin festgestanden.

Eines der größten Probleme aus ihrer Sicht ist ein drohender Verkehrskollaps. Sämtliche zu- und abführenden Straßen rund um das Gebiet sind einspurig – allen voran der Ostpreußendamm, über den die meisten Autos rollen. Schon jetzt gibt es im Berufsverkehr häufig Stau. „Die Straßen sind vollkommen ausgereizt und besonders an den neuralgischen Punkten nicht ausbaubar“, sagt Schmidt. Zu den derzeit etwa 2 000 Autos in der Thermometersiedlung würden durch die neuen Wohnquartiere noch einmal 3 000 weitere hinzukommen.

Auch im Bezirksamt kennt man dieses Problem, ein Verkehrskonzept gibt es aber bislang nicht. „Es muss eines erstellt werden“, sagt Norbert Schmidt (CDU), Stadtrat für Stadtentwicklung. Allerdings solle der Fokus darauf liegen, den Nahverkehr zu ertüchtigen statt eine „autogerechte Stadt“ zu planen. Der Kritik des Aktionsbündnisses hält er entgegen: „Die tun so, als seien wir schon im Vollzug. Dabei haben wir erst einen Masterplan.“

Verärgerung herrscht auch bei einigen der Gewerbetreibenden am nördlichen Rand des heutigen Groth-Areals, an der Réaumurstraße und am Landweg. Rund 20 Unternehmen befinden sich dort teilweise seit Jahrzehnten, von der Autowerkstatt über die Tischlerei bis zur Busvermietung. Etwa 200 Mitarbeiter sollen sie beschäftigen. Jetzt bangt mancher um seinen Job. Denn im Masterplan sind die Betriebe nicht vorgesehen. Das Gewerbe sei nicht „wohnverträglich“, wie es von Seiten des Investors und der schwarz-grünen Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung heißt. Das Konzept einer Gewerbeinsel am Rand des Gebiets, unterstützt von SPD und Piraten, wurde abgelehnt.

Sinneswandel im Frühjahr

Stattdessen versprach die Groth Gruppe, Firmen bei der Suche nach Ersatzflächen zu helfen. Einige der größeren Unternehmen fanden ein Gelände in Tempelhof. Andere klagen, der Investor habe sich nie bei ihnen gemeldet. Monika Weber, Inhaberin einer Verpackungsfirma, wird ihren Betrieb mit acht Mitarbeitern abwickeln müssen, wie sie sagt. Einen neuen Standort habe man ihr zwar angeboten, aber weder die Miete noch den Umzug könne sie sich leisten. Anette Mischler, Sprecherin der Groth Gruppe dagegen betont, alle Firmen seien angeschrieben worden. Einige hätten sich nicht zurückgemeldet, für die meisten habe es aber Lösungen gegeben. „Wir haben alles getan, was wir konnten“, sagt sie.

Lange hatten sich alle Parteien im Bezirk gegen eine intensive Bebauung ausgesprochen. Bürgermeister Norbert Kopp (CDU) warnte vor einer zweiten Thermometersiedlung, CDU-Fraktionschef Torsten Hippe sprach gar von „reaktionärer SPD-Baupolitik“, weil die sozialdemokratisch geführte Stadtentwicklungsverwaltung sich für bis zu 3 000 Wohnungen stark gemacht hatte. Dann kam der Sinneswandel. Im Frühjahr 2013 war bekanntgeworden, dass sich der Bezirk und die Groth Gruppe in einer Absichtserklärung auf 39 Hektar Baufläche und bis zu 2 700 Wohnungen geeinigt hatten.