Roland Kaiser macht gerade auf der Bühne einen Soundcheck, Hunderte von Menschen stehen vor den Gittern um den abgesperrten Bereich vor dem Brandenburger Tor. Niemand kommt mehr durch die Einlasskontrolle hinein, die Bierbänke sind bis auf den letzten Platz besetzt. Zwei Tische wurden freigehalten. Sie sind für die SPD-Spitze reserviert, die sich laut Ablaufplan am Sonntag um 10.30 Uhr, dem zweiten Tag des Deutschlandfestes der Partei, zum „gemeinsamen Frühstück mit den BürgerInnen“ angekündigt hat. Daraus wird nichts. Stattdessen erscheint eine halbe Stunde später SPD-Chef Sigmar Gabriel im Schlepptau mit Frank-Walter Steinmeier, Andrea Nahles und Schatzmeisterin Barbara Hendricks auf der Bühne.

„Peer Steinbrück liest gerade aus einem Kinderbuch vor“, erklärt Gabriel die Abwesenheit des Kanzlerkandidaten. „Das ist einfach eine geile Party“, meint er dann und dass am Vortag 300 000 Menschen an dieser Stelle waren, um die Rede von Steinbrück zu hören. Zum Schluss seiner kurzen Ansprache verspricht Gabriel: „Wir singen nicht“.

Roland Kaiser lockt

Das ist Renate Pflugmacher nur recht. „Ich warte auf Roland Kaiser“, sagt die 60-Jährige aus Göttingen. Sie sei in erster Linie wegen des Schlagersängers hier – aber auch, um mit der SPD deren 150. Jubiläum vor Deutschlands wohl bekanntester Kulisse zu feiern. Wie berichtet, sehr zum Missfallen des Bezirks Mitte, der dafür die Straße des 17. Juni sperren musste.

Gegenüber von Renate Pflugmacher sitzt Gudrun Schwarze. Sie ist SPD-Mitglied, „seit sie denken kann“. Gemeinsam mit 500 Genossen ist sie mit Bussen aus Goslar – Gabriels Wahlkreis – nach Berlin gefahren. „Ich kenne den Sigmar schon, seit er 15 Jahre alt war. Damals war er noch bei den Jusos“, sagt sie.

Wohl die meisten Besucher, die an Würstchenbuden und SPD-Ständen vorbei über die Straße des 17. Juni schlendern, gehören der Partei an, viele sind aus dem Bundesgebiet angereist. „Ich habe hier einige Leute getroffen, die ich von Parteitagen kenne“, sagt Heide Knaffel aus Schleswig-Holstein. 160 Euro hat sie für den Berlin-Trip gezahlt, inklusive zwei Übernachtungen in einem Hotel an der Landsberger Allee. Ihre Schwester Dörte von Wolffradt begleitet sie. „Ich wähle zwar die Grünen, aber damit unterstütze ich die SPD ja auch“, sagt sie.

"Hätte, hätte, Fahrradkette"

Ein junges Paar tanzt zu den Klängen von „Midnight Lady“, die von der Bühne herüberwehen, eine Frau hält einen Stoffbeutel mit dem berühmt gewordenen Steinbrück-Slogan „Hätte, hätte, Fahrradkette“ in der Hand, am Großen Stern dreht sich ein Riesenrad.

An einem Stand mit Infomaterialien über Migration stehen Rosi und Peter, ihren Nachnamen verraten sie nicht. Die tiefengebräunten Rentner sind gewissermaßen auch Migranten. Sie haben zwar eine Wohnung in Plänterwald, leben dort aber nur im Sommer. Den Rest des Jahres verbringen sie in Andalusien, schon seit 22 Jahren. „Aber deutsche Politik verfolgen wir mit großem Interesse“, sagt Peter. Wem sie bei der Bundestagswahl ihre Stimme geben, haben sie noch nicht entschieden. „Vielleicht der SPD“, sagt Peter.