Die Piraten wählen häufiger als andere Fraktionen im Abgeordnetenhaus einen neuen Vorstand, jedes Jahr nämlich. Trotzdem war in der Fraktionssitzung am Dienstag eine gewisse Anspannung spürbar. Ob der Tagesordnungspunkt nicht vorgezogen werden könnte, fragte ein Fraktionsmitglied. Aber das wies Geschäftsführer Heiko Herberg freundlich zurück. Schließlich sei am Donnerstag Plenum, und das müsse erstmal vorbereitet werden.

Eineinviertel Stunden lang arbeiteten die fünfzehn Abgeordneten also ihr Pflichtpensum ab, diskutierten Anträge und verteilten Redezeiten. Erst dann entschieden sie über ihre Fraktionsspitze. Das Ergebnis fiel für Piraten überraschend aus, nämlich so wie erwartet: Martin Delius wird neuer Fraktionsvorsitzender. Er bekam zehn Stimmen, also eine klare Mehrheit. Dass ein Favorit gewählt wird, ist bei den Piraten keineswegs selbstverständlich.

Und auch die weiteren Wahlen verliefen wie prognostiziert: Alexander Spies bleibt Co-Fraktionsvorsitzender, Heiko Herberg führt weiterhin die Geschäfte der Fraktion.

Mit Delius wird einer der prominentesten Piraten-Politiker das neue Gesicht der Fraktion. Seit der 30-Jährige im Oktober 2012 den Vorsitz im BER-Untersuchungsausschuss übernommen hat, ist er zu einem der gefragtesten Experten für das Flughafendesaster und für gescheiterte Großprojekte im Allgemeinen geworden.

Diese Prominenz möchte der 30-jährige Physiker und Softwareentwickler nun in den Dienst der Fraktion stellen. Die Piraten leisteten gute Arbeit im Parlament, sie müsse aber besser kommuniziert werden, sagte er. Dann seien auch die Ziele erreichbar, die er vorgegeben hat: „15+x Prozent“ bei den nächsten Abgeordnetenhauswahlen und eine Regierungsbeteiligung. Derzeit kommen die Piraten in Umfragen auf vier Prozent, aber das ficht Delius nicht an. „Wir sind die Alternative zu diesem weitestgehend gelähmten Senat und der im Grundsatz untätigen Koalition“, sagte er. Und in der Beliebtheitsskala der Berliner Landespolitiker, wo die Piraten-Fraktionsvorsitzenden stets den letzten Platz belegen, will er auf jeden Fall vor Klaus Wowereit landen. „Alles andere wäre ein Abstiegsplatz“, sagte Delius.

Mit den guten Ergebnissen für Alexander Spies und Heiko Herberg honorierten die Piraten deren zuverlässige Arbeit im Hintergrund. Zusammen mit dem bisherigen Fraktionsvorsitzenden Oliver Höfinghoff – der nicht wieder antrat – ist es ihnen gelungen, die Stimmung in der Fraktion zu beruhigen und die Arbeit zu professionalisieren. Noch im vorigen Jahr gerieten die Vorstandswahlen zum Fiasko, erst nach Stunden waren mit Höfinghoff und Spies zwei mehrheitsfähige Kandidaten für den Vorsitz gefunden. Bis heute prägen diese internen Konflikte das Bild der Fraktion, obwohl sie durchaus solide Oppositionsarbeit macht und die parlamentarischen Instrumente sogar eifriger nutzt als Grüne und Linke.

Nach der Wahl stand die nächste wichtige Entscheidung an: Die Fraktion verteilte ihre Sitzplätze im Plenarsaal neu. Auch diese Abstimmung verlief geordnet ab, die meisten Fraktionsmitglieder schienen zufrieden mit den Ergebnissen. In der zweiten Hälfte der Legislatur können sich die Piraten also ganz auf die inhaltliche Arbeit konzentrieren.