Über der Tür hängen SPD-Wimpel. Ein Genosse stellt sein leeres Bierglas auf die Theke, schüttelt seinen Kopf, ein paar Hände, dann geht er. Drei andere gucken sich ratlos an und folgen ihm. Drinnen fließen Tränen. Den Wahlabend in einem Restaurant in der Köpenicker Altstadt hatten sich die Genossen anders vorgestellt. Drei der sechs Direktmandate in Treptow-Köpenick gehen an diesem Septemberabend verloren, die Fraktion im Bezirksparlament schrumpft deutlich.

Rick Nagelschmidt harrt dennoch aus. Die obersten Knöpfe seines Hemdes geöffnet und die Ärmel hochgekrempelt, steht der 28-Jährige am Beamer und ruft die aktuellen Ergebnisse aus den Wahlkreisen auf. Bart, volle schwarze Haare, Brille mit dickem Rand – der passt in eine Friedrichshainer Bar. Dort ist er jetzt öfter, seit er sein Engagement in der SPD eingestellt hat. Alle Ämter niedergelegt, kein Sprung ins Abgeordnetenhaus, auch mit dem Bezirksparlament ist Schluss – ein radikaler Ausstieg eines Jungpolitikers. Doch nicht die Wähler haben ihn aus der Politik gejagt. Nein, das hat die Politik schon ganz alleine getan.

Einen Monat später sitzt Nagelschmidt im Grimm-Zentrum an der Friedrichstraße, der Bibliothek der Humboldt-Universität. Kein Dienst an der Partei, sondern Masterarbeit schreiben. Er untersucht, wie Bundesminister während ihrer Amtszeit ihre Ministerien umbauen. Drei andere Hausarbeiten hat er kurz zuvor abgegeben. Die blieben ewig liegen, weil Nagelschmidt seine Zeit lieber in Ausschusssitzungen als in der Bibliothek verbracht hat. Zehn Jahre betrieb er Kommunalpolitik, war Chef des Ortsvereins, Vize-Chef seiner Fraktion im Bezirksparlament, Delegierter auf dem SPD-Landesparteitag – die Tür weit geöffnet für das Berliner Abgeordnetenhaus. „Irgendwann hab ich mich gefragt, wie ich so mein Studium abschließen, einen interessanten Job finden und eine Familie gründen soll“, erzählt Rick Nagelschmidt in einer kurzen Schreibpause.

Von der Uni in den Ausschuss

Vor ein paar Jahren – Nagelschmidt stürmt mal wieder aus einem Vorlesungssaal zur S-Bahn – merkt er, dass irgendwas nicht stimmt. „Der Nagelschmidt ist schon wieder on tour“, tönten seine Kommilitonen. Von der Universität Potsdam geht es in den Südosten Berlins, die nächste Ausschusssitzung beginnt um 18 Uhr. „Erst dachte ich, die finden das cool, dass ich mich so aufreibe. Aber dann habe ich kapiert: Das ist nicht cool, das ist nicht gesund, was ich da mache.“

Dann also der radikale Schnitt: Am 26. August 2015 schreibt Rick Nagelschmidt an den Vorstand der SPD Treptow-Köpenick sowie an seine Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) eine E-Mail. Er teilt mit, „dass ich nicht wieder für die BVV bei den Wahlen 2016 kandidieren werde und auch für kein anderes Mandat. [...] Ich habe mir schlicht grundsätzliche Fragen gestellt, wie mein Leben in Zukunft aussehen soll.“

Im März 2016 geht er zu seiner letzten Sitzung der BVV. Zwischen zwei Tagesordnungspunkten zur Stadtentwicklung darf er ein persönliches Wort an seine Kollegen richten. Wie so oft hat Nagelschmidt ein Hemd an, Sakko drüber, ganz schön schick, aber immer noch lässig. Drei Minuten spricht er, dann wird zehn Sekunden applaudiert. Der Vorsteher der BVV, Peter Groos von den Grünen, sagt zum Abschied: „Danke für deine hochengagierte Arbeit, immer an der Sache orientiert. Du warst ein großartiges Exempel dafür, wie man ehrenamtliche Kommunalpolitik macht.“ Und dann ist es vorbei.

Obwohl die Parteien um fitten Nachwuchs buhlen, schmeißt der über Parteigrenzen hinweg geschätzte Nagelschmidt noch vor Ende der Legislaturperiode hin. Schon mit 21 Jahren ist er Mitglied der BVV geworden, er übernimmt den Vorsitz seines Ortsvereins, steigt in der BVV-Fraktion auf und führt Haushaltsverhandlungen. Als er auf einem SPD-Landesparteitag die Parteiführung kritisiert, landet sein Redebeitrag in den Abendnachrichten. Seine Fähigkeit, Komplexes zu verstehen und dann einfach auszudrücken, kommt gut an. Warum geht ausgerechnet dieses Politiktalent, dem alle Wege offen standen?

„Irgendwann hab ich mich gefragt, wie ich so mein Studium abschließen, einen interessanten Job finden und eine Familie gründen soll.“
(Rick Nagelschmidt über seine Zeit in der  Kommunalpolitik)

Wer sich in seiner Freizeit für die Politik aufreibt, muss anderes vernachlässigen. Die Hälfte der ehrenamtlichen Kommunalpolitiker in Deutschland bringt mehr als zehn Stunden pro Woche für ihr Mandat auf, ergab eine Befragung von Mandatsträgern, die 2011 von der Bundesregierung in Auftrag gegeben worden war. Wer Verantwortung im Fraktionsvorstand übernimmt, landet eher bei 20 bis 30 Stunden. Neben der ehrenamtlichen Politik noch Familie und ein Vollzeitjob, das bekommt fast niemand hin.

Und genau da liegt das Problem: Die Jungen sind zwar politisch interessiert und wollen gestalten. Doch viel wichtiger als Karriereorientierung ist ihnen die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben, wie die Shell-Jugendstudie 2015 festgestellt hat. Wer sich für fünf Jahre in ein kommunales Mandat wählen lässt oder in der Partei Verantwortung übernehmen will, der muss an anderen Stellen kürzertreten. Weil sich darauf immer wenige junge Menschen einlassen wollen, blutet die Kommunalpolitik aus.

Das Problem mit der Zeit schaffen sich die Parteien teilweise selbst, zum Beispiel in Rick Nagelschmidts SPD in Treptow-Köpenick. Obwohl dort lediglich 600 Mitglieder eingetragen sind – die riesige Mehrheit nicht aktiv, Karteileichen – sind etwa 150 Vorstandsposten und Parlamentsmandate zu besetzen. Theoretisch müsste jedes vierte Mitglied ein aktives Amt ausüben. In der Praxis heißt es dagegen: viel Verantwortung auf den Schultern weniger. Vor allem die großen Volksparteien betreiben mit ihren zahlreichen Ortsgruppen und Arbeitskreisen Selbstbeschäftigung. Was der Präsenz in der Fläche und der inhaltlichen Stärkung dienen soll, verschleißt letztlich die Mitglieder. Die rennen von Sitzung zu Sitzung – und wissen manchmal gar nicht mehr, wofür eigentlich. Viele verdienen mit dieser Arbeit keinen Cent.

Doch das mit der Zeit ist nicht das einzige Problem. Jeden Tag geht Nagelschmidt derzeit in die Bibliothek und arbeitet. Es ist nicht die Faulheit, die ihn aus der Politik gezogen hat. Er investiert gerne Zeit in Dinge, die ihn motivieren, die ihm Spaß machen. Doch da muss auch mal etwas zurückkommen. „Man muss sich ständig beschimpfen lassen. Am Infostand geht kaum jemand respektvoll mit einem um“, schildert Nagelschmidt seine Erfahrungen mit den Leuten auf der Straße. Mal ein nettes Wort von den Konkurrenten aus anderen Parteien, das komme selten vor. Und sogar aus der eigenen Partei dürfe man nicht viel Wertschätzung erwarten.

Auf der unteren Ebene ist man zwar froh über jeden Engagierten, der die Strukturen irgendwie aufrechterhält. Doch sobald es um Mandate in den Parlamenten geht, um Macht, wird es ernst. „Politik ist konkurrenzbehaftet. Du musst als Mensch diese ständige Auseinandersetzung schon wollen, sonst machst du das nicht lange mit“, sagt er. „Die Mehrzahl der Leute, die ins Abgeordnetenhaus kommen, sind diejenigen, die sich in diesem Spiel durchsetzen.“ Wer seine Ellenbogen nicht so gerne einsetzt, der bleibt außen vor. „Das Recht des Stärkeren ist keine gute Auslese“, meint Nagelschmidt. „Politik braucht Vielfalt, verschiedene Typen, verschiedene Charaktere.“

Mit 25 Jahren begibt sich Nagelschmidt selbst in eine Konkurrenzsituation. Der SPD-Fraktionsvorsitzende in der BVV zieht in den Bundestag ein, ein Nachfolger wird gesucht. Nagelschmidt kandidiert gegen eine ältere Genossin – und scheitert knapp. „Ich habe mich immer an Inhalten orientiert, bekam aber den Stempel der jungen Garde aufgedrückt. Nach dem Motto: Der ist so schnell aufgestiegen und jetzt will er gleich auch noch Fraktionschef werden – dem zeigen wir es mal.“ Niederlagen gehören dazu, das weiß Nagelschmidt. Doch es fühlt sich falsch an, wenn einige nicht mit offenen Karten spielen.

Pokerface und Tränen

Im Nachhinein ist Rick Nagelschmidt froh, dass er verloren hat. Mit dieser Verantwortung wäre sein Rückzug aus der Politik kaum möglich gewesen, es hätte ihm seine freie Entscheidung verbaut. „Ich denke, dass bei Niederlagen auch Tränen, Enttäuschung, manchmal Wut dazu gehören müssen. Aber das geht nicht in der Politik, man setzt schnell sein Pokerface auf und macht gute Miene.“ Wen haben Politiker, um Enttäuschungen zu verarbeiten? Parteikollegen wohl kaum. Und außerhalb kann keiner so richtig nachvollziehen, was einen da in der Partei so umtreibt.

Auf den höheren Ebenen der Politik muss es noch weitaus belastender sein, meint Nagelschmidt: „Es gibt Gerüchte, die man über Berufspolitiker in der eigenen Partei hört: hohe Scheidungsrate, Alkoholkrankheit, Depressionen. Da scheitern so einige. Ich bewundere diejenigen, die das hinbekommen. Das übersteigt die politische Leistung.“

Er will mit seinem Abgang auch zum Nachdenken anregen: „Man muss überlegen, ob man Ehrenamtliche so bei der Stange halten kann. Dieses Land funktioniert nur deswegen, weil da Leute sind, die sich in ihrer Freizeit für Politisches engagieren. Wenn man denen gegenüber keine Wertschätzung zeigt, dann fallen viele raus, die irgendwann genervt sind.“

Nach Nagelschmidts letzter Parlamentssitzung kamen Leute aus allen Fraktionen zu seinem Tisch, um für die Arbeit zu danken. Das hat ihm gefallen: „Politik ist nicht nur Hauen und Stechen. Die Wertschätzung am Ende hat mein Bild von Politik komplettiert.“ Auch am Wahlabend ist Nagelschmidt nie allein. Seine Meinung zum schwachen Abschneiden der SPD wird gesucht. Um Mitternacht fährt er ein paar Genossen nach Hause. So war es oft, erzählen Parteifreunde. Nach vielen Sitzungen und Terminen war es Nagelschmidt, der mit seinem Auto Leute mitgenommen und zu Hause abgesetzt hat. Das Auto hatte er sich angeschafft, um die vielen Termine im großen Köpenick besser bewältigen zu können. Aber vielleicht hätte man auch ihn mal öfter mitnehmen können.

Nico Schmolke, 25, studiert Politikwissenschaft an der FU Berlin und war bis Ende 2015 ehrenamtlich in der SPD Berlin aktiv. Er kennt Rick Nagelschmidt seit sieben Jahren.