Noch ist es hell am Bootsverleih in Lichtenberg. Der Hafenmeister erklärt uns, wie das bis 23 Uhr gemietete Boot, das man ohne Führerschein ausleihen darf, funktioniert: Hier ist das Lenkrad, hier gibt man Gas und holt es wieder raus, hier ist das Licht, hier das Radio. Dann erläutert er, wie und wo man auf der Spree fahren darf, sagt abschließend: „Ist ein bisschen so wie Auto fahren. Viel Spaß!“

Motor an, Radio an, ablegen Richtung Oberbaumbrücke. Vorbei an der Rummelsburger Bucht, an der Liebesinsel und am Kratzbruch. Vorbei an Kajakfahrern, an kleineren und an größeren Reederei-Booten, an Mini-Yachten, an zusammengezimmerten Flößen mit Motor, an Schwänen, Enten und anderen Vögeln. Vorbei an der Insel der Jugend, hier wimmelt es von Tretbooten, und Menschen die auf Surfbrettern stehend sich mit dem Paddel fortbewegen. Alle Fahrer sind fröhlich und winken uns zu, sie grinsen vor Glück und haben eine gute Zeit. Im Gegensatz zum Straßenverkehr wirken die Menschen auf ihren Booten, von denen es hier viele gibt, sehr entspannt.

Alle winken sich zu

Vorbei an der Halbinsel Stralau. Im Park feiern junge Leute eine Party, bum bum, unza unza. Als sie uns erblicken, schreien sie „Ehhhyy-ööööö“ und winken herüber. Alle winken sich hier gegenseitig zu: Bootsmensch zu Bootsmensch, Ufermensch zu Bootsmensch und umgekehrt. Nur die Kapitäne der großen Reedereiboote winken nicht. Manchmal aber hupen sie, um kleinere Boote, Flöße oder Tretbootfahrer zu warnen, man kann auch sagen zu verscheuchen. Für sie ist das hier alles Arbeit, keine Freizeit.

Uns kommt ein zweistöckiges Partyboot entgegen, aus den Lautsprechern hört man Schlagermusik: „Segel hoch, volle Fahrt, Santiano“. Sie fahren weiter, nach wenigen Sekunden hört man nichts mehr von Santiano.

Einige Bewohner der Halbinsel Stralau haben 2012 eine Initiative gegen den Lärm gegründet. Stefan Glücklich und Rüdiger Lange haben hierfür die Web-Seite Stralau-gegen-Laerm.de eingerichtet. Hier sind „Verursacher von Lärm“ aufgelistet, darunter Strandbars und Clubs, ein Kinderfest, Baulärm allgemein und Bootsverleihe. „Es geht bei der Liste nicht um Anprangerung, nur darum, dass man sich ein Bild über die Gesamtbelastung machen kann“, begründet Glücklich.

In der vorigen Woche berichtete eine Zeitung, dass die Initiative Partyboote verbieten will. „Das stimmt nicht, wir fordern kein Verbot, wir sind keine Party-Verhinderer. Aber in den letzten Jahren hat der Lärm vom Wasser deutlich zugenommen, wir fordern mehr Rücksichtnahme.“ Manchmal würden Boote noch um 1.30 Uhr vorbeischippern, mit lauter Techno- oder Schlager-Musik, die einem den Schlaf raube, Subwoover-Bässe würde man selbst dann noch hören, wenn die Fenster geschlossen seien. Und wenn man einmal wach ist, ist man wach. Glücklich rennt ab und an dann runter, mit der Kamera, macht Fotos, Beweismittel für die Anzeige.

An diesem Freitagabend aber ist alles ruhig. Wir fahren weiter, vorbei an neu gebauten Häusern, an Firmen und Hotels, unter der Elsenbrücke hindurch, an zwei Strandbars entlang. Nicht zu nahe sollte man bei Anglern vorbei fahren, die fuchteln sonst nervös mit den Armen herum, schreien einen an und werden ganz rot im Gesicht.

Vermehrt Anzeigen wegen Lärmbelästigung

Dann kommt die Wasserschutzpolizei auf uns zugefahren. Licht anmachen, bald wird es dunkel! Das Licht aber geht nicht an, die Sicherung ist durch. Sofort zurück zum Bootsverleih, heißt es, ohne Umwege, sonst wird eine Strafe fällig. Wie denn das überhaupt sein könne, dass der Bootsverleih Boote aushändigt, die nicht fahrtüchtig sind, werden wir gefragt. Gute Frage, geben wir zu. Gibt es denn Probleme mit lauten Booten in diesem Bereich rund um Stralau herum? fragen wir zurück.

„Heute ist es ruhig“, sagt eine Polizistin. Das sei an manchen Abenden nicht so. Wenn der DJ die eingemessenen Boxen, die sich aufgrund der Bestimmungen auf vielen Booten ab 22 Uhr selbstständig herunter pegeln, einfach austrickst, die Lautstärke dann wieder hoch fährt. „Anzeigen von Anwohnern haben in letzter Zeit zugenommen“, sagt die Polizistin noch, bevor sie mit ihren zwei Kollegen auf dieser Bundeswasserstraße weiterfährt, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Wir fahren zurück und wechseln das Boot, es ist noch größer. Und schneller.

Mittlerweile ist es ganz dunkel, die Spree ist wie schwarzes Öl, der Wind weht einen Teil der Plastikplane hin und her. Das ist das einzige Geräusch, das man neben dem leise vor sich hin surrenden Motor wahrnimmt. Dann nähert sich ein Boot; mehr als 20 Menschen sind darauf zu erkennen. Der Motor ist laut. Oder ist das etwa Musik? Man hört einen heftiges, immer gleiches dumpfes Schlagen, wie bei einem Technorhythmus, nur doppelt so schnell. Entweder sind diese Leute verrückt, dass sie mit so einem geräuschstarken Bootsmotor fahren, oder aber es ist eine Art neue Musik, die so schnell ist, wie wir es noch nie zuvor gehört haben.

Verständnisvolle Anwohner

Nachdem wir das Boot abgegeben haben, fahren wir nach Stralau. Die Party der jungen Leute, die uns vorhin mit Ehy-öö-Rufen grüßten, wurde soeben von der Polizei beendet. Die Boxen sind zusammengepackt, nur noch Gemurmel ist zu hören. Ein Anwohner im einzigen Restaurant findet es überhaupt nicht schlimm mit dem Lärm. „Das ist normal. Das gehört zur Stadt dazu, wer hier nicht leben will, soll in den Spreewald ziehen“, sagt er.

Am Sonnabend treffe ich Marie. Sie wohnt hier schon seit zehn Jahren. „Ich höre manchmal Bässe, aber schlimm ist das nicht“, erzählt sie . Genauso sehen es auch Hanna und Ulrich, die ihr kleines Kind spazieren fahren. Seit anderthalb Jahren wohnen sie auf der Insel: „Da wo wir früher wohnten, in Prenzlauer Berg, war es deutlich lauter.“ Ein anderer sagt: „Lärm ist immer so eine subjektive Geschichte. Für mich ist es nicht laut, ich bin jung.“ Zwischen 17 bis 21 Uhr ist am Sonnabend gerade mal ein lautes Boot vorbeigefahren. Nach 30 Sekunden war es nicht mehr zu hören.