Michael, mein guter Freund und Nachbar, schlug vor, an einem Freitagabend zur „Sober Sensation“ zu gehen. Eine Freundin von uns war schwanger und sie vermisst es so sehr, auszugehen und zu feiern. Sie sagte, sie habe versucht, nüchtern durch die Clubs und Bars zu ziehen, aber besoffene Menschen gehen ihr nach kürzester Zeit auf die Nerven. „Sie fangen an zu schwafeln und zu lallen“, sagt sie, „und außerdem beneide ich sie um den Rausch.“ Wir wollten sie mit dem Besuch einer Party ganz ohne Alkohol und Drogen unterstützen.

Ich war von Anfang an skeptisch. Da ich häufig feiern gehe, bleibe ich an manchen Abenden auch mal bei ein bis zwei Bier oder auch ganz nüchtern. Manchmal kann ich nach einer mehrstündigen Eingewöhnungsphase beim Tanzen völlig loslassen und mit den Betrunkenen scherzen. Manchmal klappt es nicht so gut und ich gehe früher als sonst.

Steffen Mengel hat die „Sober Sensation“ seit 2017 gemeinsam mit dem Gründer Gideon Bellin organisiert. Das Ziel der Veranstaltung beschreibt er so: „Wir wollen den Leuten die Illusion nehmen, dass man Drogen oder Alkohol braucht, um Spaß zu haben.“ Und vielleicht so viel vorweg: Mein Freund Michael hat tatsächlich herausgefunden, dass er auch nüchtern tanzen und Spaß haben kann. Doch vorher ist einiges schiefgelaufen.

„Wir ziehen das jetzt durch“

17.30 Uhr: Vor der Veranstaltungslocation in Tempelhof öffnen wir einen alkoholfreien Sekt. Abgelaufen, warm und mit wenig Kohlensäure, ein Sonderangebot aus dem Späti. Aber hey, Vorglühen muss sein, es ist gesellig und vielleicht profitieren wir vom Placebo-Effekt. „Kirche neu erleben“, steht auf großen Bannern am Eingang. Wir stehen vor der IFC Berlin, einer Freikirche. Und sind kurz irritiert. Ob das wohl eine christliche Party ist?

Auf einer Bank sitzen Max und Julian, die auch zur Sober Sensation wollen. Max ist während der Pandemie volljährig geworden, da war nicht viel los. „Das wird mein erstes Mal im Club“, sagt er. Warum er denn nicht in einen richtigen Club geht, frage ich. Bevor Max antworten kann, argumentiert Michael, dass man ja langsam starten könne. Er möchte ihm wohl ein gutes Gefühl geben. Ich bereue meine Frage ein bisschen, schließlich will ich niemanden drängen, zu trinken.

Julian war dagegen schon öfter bei der Sober Sensation. Er trinkt sowieso keinen Alkohol und fand die Partys gut. Das macht Hoffnung, also gehen wir rein. Vor der Tür drückt uns jemand einen Flyer in die Hand, der Hilfe bei Sucht verspricht.

18 Uhr: Am Einlass sind wir erst mal überrascht über die Höhe des Preises: Sie bieten eine Kakao-Zeremonie an, die soll „zur Einstimmung“ sein und kostet 8 Euro, die eigentliche Party kostet nochmal 15 Euro. Das kommt schon fast an den Eintritt im Club Sisyphos ran. Maike, die schwangere Freundin, äußert Zweifel. „Wir ziehen das jetzt durch“, sagt Michael und legt die Scheine auf den Tisch. Gemeinsam können wir ihn überzeugen, dass wir vorerst nur die 8 Euro zahlen. Sobald wir den ersten Raum betreten, kehrt sich die allgemeine Haltung zur Party um.

Während ich draußen noch mit ironischen Kommentaren um mich warf, fangen nun Michael und Maike an, sich über die Deko, die Getränke und die Organisation lustig zu machen. „Sieht aus wie im Kindergarten“, kommentiert Maike den Kronleuchter, die bunten Lichteffekte und weißen Vorhänge. Und außerdem sei es viel zu hell. Ich versuche sie zu beschwichtigen, schließlich ist es noch früh.

Maria Häußler
Meine Freundin bezeichnet die erste Tanzfläche als „Kindergarten“. Sie wirkt auch etwas ... nun ja ... nüchtern.

Kakao statt Bier

Da kommt Michael von der Bar zurück. Auf der alkoholfreien Party gibt es tatsächlich kein alkoholfreies Bier, in der Hand hält er zwei warme alkoholfreie Radler. Und Wechselgeld gibt es auch keins. „Muss man die Party so scheiße machen, nur weil sie ohne Alkohol ist?“, fragt er.

18.30 Uhr: Für die Kakaozeremonie setzen wir uns im Kreis in einen zweiten, dunkleren Raum. Eine Frau führt mit ihrer Stimme eine Meditation mit dem Thema Selbstliebe. Das bringt uns runter. Dann trinken wir dickflüssigen Kakao, der eine anregende Wirkung hat. Ich fühle mich nicht high, aber vielleicht aktiver und glücklicher. Wir lassen uns von brasilianischer Musik durch den Raum treiben. In einer Ecke steht ein großes Holzkreuz, doch die Zeremonie hat keinen christlichen Touch.

Geschätzt hundert Menschen sind gekommen, die Tanzfläche im Empfangsraum bleibt leer. Die Leute sitzen in ihren Gruppen und unterhalten sich. Das Publikum ist gemischt, überwiegend jung, um die zwanzig, aber auch Mittfünfziger sind gekommen. Ein paar Frauen sehen nach der Goa- oder Yogafraktion aus, ein Mann macht beim Tanzen hohe Sprünge und rennt hin und her. Die meisten Menschen hier sind aber eher unauffällig gestylt und benehmen sich auch so.

19.30 Uhr: Der Floor, in dem die Zeremonie stattgefunden hat, ist nun eröffnet. Aus der Anlage scheppert EDM. Häufig werden Hits angespielt, die dann in einen elektronischen Sound übergehen. Nicht mein Fall, aber in dem dunklen Raum mit Lichteffekten tanzbar.

Tanzen geht auch nüchtern

Michael handelt den Eintritt beim Personal für uns auf 5 Euro runter. Also bleiben wir. Er ist positiv überrascht, von der guten Laune, die uns beim Tanzen überkommt. Ich kenne das schon. Aber ich verstehe auch, warum es leichter ist, wenn alle mitmachen.

20.30 Uhr: Nach ein paar alkoholfreien Cocktails, die es inzwischen zu kaufen gibt, sprechen wir den Veranstalter an. Er entschuldigt sich, dass auf beiden Floors elektronische Musik läuft, eigentlich seien außerdem Charts und 90er-Jahre-Hits geplant gewesen. Charts ohne Alkohol? Ein gewagtes Konzept, denke ich. Aber die Veranstalter wissen sicher besser, was ihre Zielgruppe gerne hört.

Michael ist gar nicht mehr zu stoppen dabei, den Veranstalter zu beraten, was man alles besser machen könnte. Und das, obwohl er nicht auf Speed, sondern nur auf Kakao ist: Upcycling-Deko und Kunst, eine Einstimmung bei der Begrüßung, ein fließender Übergang zwischen Kakao-Zeremonie und Party – das waren nur wenige Beispiele aus dem Sammelsurium seiner Vorschläge.

Steffen Mengel stellt sich interessiert der Kritik. Vieles sei schwer zu finanzieren, sagt er, denn Nüchterne geben weniger Geld aus. Für Clubs lohnen sich die Einnahmen an der Bar bei einer solchen Veranstaltungsreihe nicht.

„Männer können auf Sober Partys dem Druck ausweichen, trinken zu müssen“, sagt Steffen Mengel, „und Frauen weichen der Belästigung durch betrunkene Männer aus.“ Er und Gründer Gideon Bellin seien früher in der Freikirche gewesen, so seien sie auf die Räume gekommen. Im Publikum seien zwar einige Christen, aber nicht überwiegend. Er spreche nicht mit allen Gästen, aber auch dass Menschen hier einen Ausweg aus der Sucht suchen, sei nicht die Regel. Viele konsumieren ohnehin wenig oder keinen Alkohol oder wollen es einfach mal ausprobieren, so wie wir.

Der Gründer Gideon habe früher illegale Raves veranstaltet, erzählt Mengel. Die Raver seien herumgelaufen wie Zombies, er wollte nicht, dass sie sich kaputt machen. Und den Leuten sagen, dass sie weniger konsumieren sollen? Das funktioniere nicht.

Den Gedanken finde ich nachvollziehbar. Und wenn man einmal erfahren hat, dass man auch nüchtern tanzen und Spaß haben kann, geht es das nächste Mal vielleicht auch mit weniger Alkohol. Das ist zumindest meine Erfahrung. Ich bevorzuge es allerdings, nüchtern unter dichten Leuten zu sein.

Und ich glaube eben auch, dass Partys von jener Hemmungslosigkeit leben, die erst durch Alkohol und Drogen entsteht. Teilweise führe ich die liebevollen Interaktionen zwischen Fremden, die Kreativität der Veranstalter und Musiker und die Energie im Raum auf die eine oder andere Substanz zurück. Vielleicht täusche ich mich aber auch, und das alles geht genauso gut ohne, das wäre schön.

Um 22 Uhr verlassen wir die Party, die ungefähr bis zwölf gehen soll. Und nein, wir gehen keinen trinken –obwohl der Gedanke zwischendurch mal aufkam.