Berlin - Abends halb zehn in Deutschland. Es ist der erste Tag der bundesweiten Notbremse, in 30 Minuten beginnt die Ausgangssperre, nun auch für Berlin. Am Görlitzer Park in Kreuzberg parkt ein leerer Polizeiwagen, drei junge Leute stehen daneben und rufen: „Hoch die Hände, Wochenende!“ Der Satz galt mal an Samstag-Abenden in der Party-Hauptstadt, aber kann er heute noch gelten?

Aus dem Park, vor dem Dealer warten, dringen Bässe. Etwa 100 Menschen stehen und sitzen in kleinen Gruppen, tanzen, trinken. „Alle zufällig hier, ein Haushalt“, scherzt eine Gruppe vor einem Bulli. Dann erklären sie, es sei eine Kundgebung: „Rettet die Techno Club Kultur“, sie sei angemeldet und laufe seit 16 Uhr. „Ich muss Schluss machen, die Cops“, entschuldigt sich einer der Veranstalter und springt in den Bulli. „Es sind ja unfassbar viele Leute hier“, sagt einer der drei freundlichen Polizisten. „Sie müssten dann zusammenpacken.“ Es gehe ja gleich los. Flaschen klirren, Menschen stehen auf, „Vamos!“, ruft eine spanische Gruppe, „the curfew“, die Ausgangssperre.

Den Ausdruck „Änderung des Infektionsschutzgesetzes“ benutzt keiner. Es ist meist von Notbremse die Rede, wenn man die neuen Regelungen meint, die nun in jedem Landkreis und jeder Stadt gelten, ab drei Tagen mit Inzidenz über 100. Besonders die Wirksamkeit der Ausgangssperre von 22 bis 5 Uhr ist umstritten, Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD) war dagegen, nun muss er sie mit durchsetzen.

Aber wie etwas durchsetzen, von dem nur noch wenige Menschen überzeugt scheinen? Auf der Wiener Straße am Görlitzer Park stehen auch um kurz nach zehn Uhr Gruppen vor Restaurants und Spätkaufs. Drei junge Frauen stapfen diskutierend über die Straße. Sie seien zwar weit weg von zu Hause, „aber wenn die Polizei fragt, sind wir auf dem Heimweg“. Sie wären außerdem Schwestern, ein Haushalt. Nur auf die Corona-Maßnahmen sollte man sie nicht ansprechen. „Alles ohne Sinn!“, ereifert sich eine von ihnen und spricht so lange von Herdenimmunität, bis man sich lieber entfernen möchte.

Stefanie Loos
Alleine oder im Haushalt? Nicht immer ist klar, was noch erlaubt ist. Darf man etwa zwischen 22 Uhr und Mitternacht noch zum Dom?

Die Regelung ist auch verwirrend. Spaziergänge oder Joggen bis Mitternacht sind erlaubt, allerdings nur alleine. Mit dem Hund hingegen darf man die ganze Nacht raus. Und zur Arbeit oder zum Arzt. Die Polizei ist angehalten zu kontrollieren, in Berlin drohen Ordnungsgelder zwischen 50 und 500 Euro. Ich bin als Reporter beruflich unterwegs, mit Maske und Fotografin, habe aber Angst, heimgeschickt zu werden. Nur ist fast nirgendwo ein Polizeiwagen zu sehen und wenn, dann fahren sie an Gruppen vorbei.

Ich habe vorab mit einer Person aus Polizeikreisen darüber gesprochen. „Die Corona-Verordnung wurde immer wieder verändert und die Polizei nie gefragt“, klagte sie mir. Man könne sich schon fragen, ob das der Schlüssel sei, um die Pandemie kontrollieren zu können. „Das Ziel der Maßnahmen ist wohl vor allem, illegale Partys in den Griff zu kriegen.“ Die habe man aber auch bisher unterbinden dürfen. „Bürger und Bürgerinnen müssen nun damit rechnen, nachts kontrolliert zu werden, aber wir werden nicht einen Kollegen mehr kriegen.“ Die polizeiliche Arbeit ändere sich wenig, man habe auch so genug zu tun. Mehr als Schwerpunktkontrollen gehen wohl nicht.

Wie soll man Obdachlose nach Hause schicken?

Dabei ist es heute nicht einmal eine laue Nacht. Tagsüber waren es zehn Grad, abends sind es nur noch vier Grad. Normalerweise ist die Kälte in Berlin die beste Ausgangssperre. Das ist auch bald vorbei. Am Kottbusser Tor herrscht um halb elf großes Gedränge. Der Verein Obdachlosenhilfe e.V. verteilt Lebensmittel an Bedürftige unter der U-Bahnbrücke. Der ganze Zynismus der neuen Regeln zeigt sich an der Frage: Wie soll man Obdachlose nach Hause schicken? Also ignoriert man sie, wie immer.

Ein Mann mit vielen Tüten humpelt die U-Bahn-Treppe hoch. Ob er Hilfe brauche? „Haben Sie Schmerztablette?“ Leider nein. Alles okay? „Ich habe Zelt und Schlafsack, komme klar“, sagt er.

Stefanie Loss
Auf zum Dönerladen. Am Kottbusser Tor sind noch Teenager und Nachtschwärmer unterwegs, aber auch viele Obdachlose.

Eine Gruppe Teenager läuft die Treppe fröhlich herab, auf der Suche nach einem Dönerladen. Sieben glorreiche Hallodris rauschen auf Elektrorollern vorbei, jagen sich gegenseitig durch die Stadt. „Ey, ihr Schweine!“ Langeweile ist auch eine Krankheit. Überall stehen Gruppen herum, hören Handymusik.

Ich hatte mich eigentlich aufs Alleinsein gefreut. Wollte durch menschenleere Straßen schlendern, hatte extra noch  mal den „Steppenwolf“ gelesen von Hermann Hesse, um mit klugen Sätzen zu glänzen, wie diesem hier: „Einsamkeit ist Unabhängigkeit“, heißt es dort, aus der Sicht der menschenfeindlichen Hauptfigur. „Sie war kalt, o ja, sie war aber auch still, wunderbar still und groß wie der kalte stille Raum, in dem die Sterne sich drehen.“ Stattdessen dreht Berlin langsam durch, trotz oder wegen Ausgangssperren.

Nur 7,4 Prozent der Menschen bewegen sich nachts

Seltsamerweise ist am Kotti weniger Polizei zu sehen als sonst. Nur ein Einsatzwagen, zwei Beamte, der eine schaut aufs Handy, der andere telefoniert. Was sollen sie auch machen, alle festnehmen? Eine Frau um die 50 steht an der Bushaltestelle. Sie habe noch ihre Mutter gepflegt, sagt sie entschuldigend. Kein Vorwurf an der Stelle. Aber sie fühlt sich wohl, als müsse sie ihr Rausgehen rechtfertigen.

Mir ist dennoch nach Alleinsein. Also auf zum Alexanderplatz. Dort sollte doch Leere zu finden sein. Immerhin sind am Samstagabend kaum Autos auf den Straßen. Lässt sich die Mobilität also doch noch einschränken? Laut einigen Studien lag sie zuletzt fast wieder bei 80 Prozent des Vor-Corona-Niveaus. Doch laut Robert-Koch-Institut entfielen im März nur 7,4 Prozent der deutschlandweiten Mobilität auf die Zeit zwischen 22 und 5 Uhr. Warum Menschen dann nachts einsperren? Ausgerechnet drinnen, wo die Aerosole flirren?

Stefanie Loos
Ein Lagerfeuer am Roten Rathaus. Das Protest-Camp „No More Morias“ weist auf Missstände in Flüchtlingslagern an EU-Grenzen hin.

Am Roten Rathaus steigt Rauch auf. Brennt es in der Corona-Politik? Nein, hier wird an der U-Bahn gebaut, auch nachts wird an vielen Orten noch gearbeitet. Hier stehen um elf Uhr mehrere Polizeiwagen, am Hermannplatz stand vorhin keiner.

Ein Pärchen geht spazieren. Jack und Lorna, zwei Briten in Berlin. „Es ist schon ruhiger als sonst“, sagen sie. Aber in einem Monat ziehen sie zurück nach Großbritannien, das Land, wo die Pubs wieder auf haben. Nehmt mich mit, möchte ich hinterherrufen. Ein Fuchs huscht ins Gebüsch. Er darf auch noch raus.

Demonstrieren darf man noch

Am Neptunbrunnen brennt eine Tonne, darum stehen junge Menschen und Zelte. Auch Obdachlose? Demonstrierende, sagen sie. „No More Morias“, seit neun Nächten campieren sie hier jeden Samstag für Geflüchtete in Lagern an EU-Außengrenzen. Vergisst man oft. Die können auch nirgendwo hin. Demonstrieren gehe noch in Berlin, sagt ein Organisator, er habe es angemeldet, sogar das Lagerfeuer.

Trotzdem kommt noch einmal die Polizei und prüft die Anmeldung. Sehr freundlich, muss man ihnen lassen. Bitte auf Abstände achten. „Wir sind ja auch nur Menschen, wir versuchen es erst mal mit Reden“, wurde mir vorab gesagt. 

Stefanie Loss
Ein Spaziergang noch, dann zurück. Jack und Lorna spazieren heute noch in Berlin, ziehen aber bald wieder nach Großbritannien.

Selbst in Überzahl. Am Fernsehturm stehen sieben Beamte und ein Mann mit Rotweinflasche. „Sie schmeißen am Besten die Flasche gleich weg, gehen ins Hotel und schlafen Ihren Rausch aus“, sagt ihm ein Beamter. Aber welches Hotel hat jetzt noch offen? Es hat doch fast alles zu, selbst am Alex.

Nur ein paar Verhuschte ziehen über den windigen Platz. Wieder fragt keiner nach meinem Ausweis. Die Polizisten stehen vor dem kleinen Revier und rauchen. Ich bin fast ein bisschen enttäuscht. Ich wollte auch etwas gegen die Ausgangssperre rebellieren, aber anscheinend interessiert sich in Berlin keiner dafür.

Endlich still, wunderbar still

Also steige ich in die S-Bahn Richtung Flughafen BER, die ich nun fast für mich alleine habe. Es ist jetzt Mitternacht, die Straßen sind endlich leer. Auf die Brücke an der Warschauer Straße scheint fast ein Vollmond. Endlich still, wunderbar still und groß wie der kalte Raum, in dem sich die Sterne drehen.

So könnten sie aussehen, unsere neuen Nächte im Lockdown. Dann kommen mir zwei Mädchen entgegen, mit Alkopops und Musikbox. Ihr Blick fragt: Willst du mit durch die Nacht ziehen? Nein, ich gehe nach Hause und halte mich an Regeln, die keiner mehr versteht.