Berlin - Brigitte Schenk sitzt auf einer Liege, zwei Nadeln im Arm, im Hintergrund läuft ein Fernseher. Auf einem Monitor steht 3.47. „Drei Stunden und 47 Minuten habe ich noch vor mir“, sagt die Dialyse-Patientin, während ihr Blut zum Entgiften abgepumpt wird. Seit vielen Jahren ist sie Patientin in der Praxis in Treptow. Ihre Nieren funktionieren nicht mehr, sie kommt mehrmals pro Woche. „Wenn ich hier nicht an der Dialyse wäre, hätte ich meinen 70. nicht erreicht“, sagt Brigitte Schenk, die kürzlich diesen runden Geburtstag feiern konnte. „Das Personal ist fürsorglich, wir bekommen Kaffee und Mittagessen.“

Essen ist kein spezieller Service in der Praxis, sondern gewissermaßen eine unumgängliche medizinische Leistung. Denn durch den Nährstoffentzug während der mehrstündigen Dialyse müssen die Patienten täglich 3000 Kalorien zu sich nehmen. Doch Praxisinhaberin Erika Eger wird Mühe haben, dieses umfangreiche Angebot aufrecht erhalten zu können. Ab Juli sollen die Honorare nach einem Beschluss von Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und Krankenkassen für die wöchentliche Behandlung eines Dialyse-Patienten von derzeit 520 Euro auf 485 Euro sinken. Wer besonders viele Nierenkranke versorgt, soll nur noch 398 Euro erhalten. Von Einsparungen ausgenommen ist die Dialyse bei Kindern. Die letzte Kürzung gab es 2002 – von 580 auf 520 Euro.

70.000 Unterschriften gesammelt

100 Millionen Euro sollen so bundesweit eingespart werden. Damit sollen die Pauschalen „an die tatsächlich entstehenden Kosten angepasst werden“, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung von KBV und Kassen. Im Gegenzug würden die Betreuungsleistungen, also die Sprechstunde, höher vergütet. 2015 sollen die Pauschalen um weitere 80 Millionen Euro gekürzt werden. KBV-Chef Andreas Köhler sagt, diese Zahlen seien in einem „verantwortungsbewussten Kompromiss“ mit den Krankenkassen gefunden worden.

Ärzte und Patienten protestieren vehement gegen die Entscheidung, 70.000 Unterschriften wurden für eine Bundestags-Petition gesammelt. Auch die 49 niedergelassenen Berliner Nierenärzte warnen vor einer dramatischen Verschlechterung der Versorgung und „Discountmedizin“. „Schon jetzt mache ich mit der Dialyse jährlich 35.800 Euro minus“, sagt Erika Eger. „Ich weiß nicht, wie ich künftig noch meine Patienten ordentlich behandeln soll.“ Die Pauschale sei für drei jeweils fünfstündige Dialysen pro Woche vorgesehen. „Aber viele Patienten sind schwer krank und brauchen vier Dialysen oder Nachtdialysen, die acht Stunden dauern.“ Dies verursache höhere Kosten, die sie bislang mit besser bezahlten medizinischen Leistungen ausgeglichen habe. Das sei möglich, da sie eine große Praxis mit fünf Ärzten, 30 Schwestern und rund 1400 Patienten im Quartal habe. Ihre Schwerpunktpraxis für Nieren- und Hochdruckerkrankungen verteilt sich auf drei Häuser mit 33 Dialyseplätzen.

„Dialyse verlängert Lebenszeit“

Schon bei der letzten Honorarkürzung musste die Ärztin sparen. „Früher hat eine Schwester vier Patienten betreut, heute sind es sieben.“ Nun müsse sie weiter abbauen. Zudem könne sie ihre hoch qualifizierten Mitarbeiterinnen, die eine Zusatzausbildung absolviert haben, nicht leistungsgerecht bezahlen. „Sie verdienen bis zu 1 000 Euro weniger als im Krankenhaus“, sagt die Nierenärztin. „Ich bekomme brutto 1800 Euro, das sind rund 1200 Euro netto“, berichtet Krankenschwester Friederike Ambos. „Ich arbeite gerne hier, weil die Atmosphäre besser ist als im Krankenhaus. Aber mit dem Geld ist das so eine Sache“, sagt die 23-Jährige.

„Bei diesem Lohn ist es schwierig, die Schwestern zu halten“, sagt Pflegedienstleiterin Ulrike Brandenburg. Ihr Gehalt beträgt 2500 Euro brutto, netto 1700 Euro. Auch Praxisinhaberin Eger muss mit 25.000 Euro jährlich auskommen. Allein ihre Stromkosten würden 5000 Euro monatlich betragen. Zudem müsse sie einen Kredit von 5,8 Millionen Euro abbezahlen, den die 59-Jährige zur Eröffnung ihrer Praxis 1994 aufgenommen hat.

Eger sagt, sie sei von einem Kollegen gewarnt worden. Sie solle vorsichtig sein, weil sie eine sehr gute Behandlung anbiete. Aber den Patienten stünden gesetzlich nur eine wirtschaftlich sinnvolle und ausreichende Versorgung zu. „Dialyse verlängert Lebenszeit“, sagt Erika Eger. „Und jetzt soll das, was ich meinen Patienten seit 20, 30 Jahren sage, nicht mehr stimmen.“