Der Jazz-Pianist und frühere BigBand-Leader Paul Kuhn über Swing-Talent, das Touren mit 85 und warum er den Jazz als abgeschlossene Geschichte betrachtet.

Herr Kuhn, Sie sind 85 Jahre alt und gehen noch immer auf Tour. Ist das anstrengend?

Eigentlich nicht. Ich glaube, wenn die Leute sagen, dass eine Tournee anstrengend ist, liegt es daran, dass sie nicht frühzeitig ins Bett gehen. Ich gehe auch nicht direkt nach dem Konzert ins Bett, aber man muss auf Tour schon ein bisschen haushalten mit den Kräften. Anstrengend ist das Drumherum, die langen Autofahrten.

Und auf die Bühne gehen Sie nach wie vor mit Leichtigkeit?

Das ist ein bisschen Formsache. Im Prinzip spiele ich sehr gerne Klavier, doch es gibt auch mal Tage, wo ich sage: „Ach, Kinder, heute habe ich keine Lust.“

Halten Sie die Finger täglich fit?

Ja, ich übe halt, nicht stundenlang, aber ich spiele jeden Tag.

Einer der bekanntesten Sätze im Jazz lautet „It don't mean a thing, if it ain't got that swing“. Wie übersetzen Sie das?

Mit anderen Worten, Sie wollen eine Erklärung für Swing haben? – Tja, die gibt es nicht. Es ist ein bestimmtes musikalisches Gefühl, wie man die Rhythmik auffasst, von Stücken, die damals geschrieben worden sind. Es ist eine Sache des Timings. Man spielt etwas „lazy“, faul, nicht gehetzt, sauber „in time“, aber eben auch nicht so exakt, dass man sagt: Das ist perfekt. So eine Mischung aus legerem und genauem Spiel.

Wer hat Ihnen denn beigebracht zu swingen?

Swing ist eine Sache, die man entweder hat, oder man hat sie nicht. Ich habe diese Musik immer geliebt, schon zu einer Zeit, als ich noch halbwüchsig war und Swing-Musik in Deutschland als „Negergedudel“ bezeichnet wurde.

Und Swingen ist ein Talent?

Ja, das kann man nicht lernen. Es gibt bestimmt sehr viele Mütter, die sagen „mein Sohn, oh, der spielt so schön und improvisiert“ – aber das ist nicht dasselbe.

Sie haben gerade eine CD mit klassischem Jazz-Trio aufgenommen. Wie schwierig ist es, das Genre Jazz weiterzuentwickeln?

Ich glaube, dass der Jazz in gewisser Weise fertig ist. Er ist entstanden in den Jahren bis zu den 60ern – und alles, was jetzt noch kommt, ist nichts Neues. Nach Charlie Parker kam nichts Neues. Bei dem haben die Leute noch alle gedacht: „Was ist denn das? Unglaublich, was der macht!“ Ich behaupte, dass der Jazz fertig ist, eine Kunst wie die Klassik, wie Bach, Beethoven und Mozart, eine abgeschlossene Geschichte, die sich auch nicht ändert.

Das heißt, heute geht es vor allem um das Interpretieren von Jazz?

Könnte man fast so sagen. Sicher gibt es immer mal Musiker, die hier und da den Kopf rausstrecken, wo man mal eine tolle Aufnahme hört, sich fragt: Was spielen die da für eine Rhythmik? Interessant war zum Beispiel das Stück „Take 5“. Da dachte man beim ersten Hören auch: „Oh, was ist das?“ Selbst heute noch, wenn wir das live spielen, geht ein „Aaaaah“ durch den Raum. Die einfachen Leute begreifen, dass da irgendwas Neues drin war, dass es eben nicht vier Viertel sind, sondern fünf.

Welches Jazz-Konzert hat Ihnen in letzter Zeit gefallen?

Da gab es lange nichts. Wir haben Till Brönner in St. Moritz gehört, der war dort mit vier, fünf internationalen Leuten, das war gut, Modern Swing, aber schön gespielt.

Haben Sie schon mal etwas von Electroswing gehört?

Ja. Das muss furchtbar sein.

Warum?

Weil das eine maschinelle Geschichte ist, auf die man keinen Einfluss mehr hat. Man stellt bestimmte Dinge ein, dann macht es toktoktok, dazu eine Figur takatak. Dann haben wir eine eckige Musik, ein Viereck, ein „Square“, ein „Zickendraht“, wie wir damals gesagt haben. Also kurz vorm Marsch.

Manch einer lernt durch Electroswing aber auch wieder die alten Sänger kennen, zum Beispiel Peggy Lee, deren Stimme in einem Electroswing-Hit verwendet wurde.

Das ist aber kein Grund, das so zu spielen, das ist doch albern. Peggy Lee habe ich nicht kennengelernt wegen diesem „bischbischbisch“ – sondern weil sie gut gesungen hat.

Gibt es eine Persönlichkeit, die Sie in all den Jahren besonders beeindruckt hat?

Ja, Quincy Jones. Wir haben uns immer so mit Handschlag begrüßt, das knallte richtig. Der hat sich auch nicht verrückt machen lassen von der sogenannten Jazz-Polizei, er hat so viel kommerzielle Musik gemacht und sich einen Teufel darum geschert, ob das der Jazz-Polizei gefallen hat oder nicht.

Waren Sie mal von sich beeindruckt?

Nein, um Gottes Willen, warum das denn?

Sie haben Musik geschrieben, arrangiert, Bands geleitet, unzählige Platten veröffentlicht …

Aber das ist mein Beruf. Musiker. Ich schreibe sehr gerne, nur jetzt nicht mehr, da ich nicht mehr gut sehen kann. Aber ich habe mich in der Musik immer sehr wohlgefühlt.

Haben Sie eigentlich schon mal ans Aufhören gedacht?

Nein, überhaupt nicht. Ich werde immer weiter spielen, weil es mir Spaß macht. Und vielleicht findet man doch mal etwas Neues.

Interview: Jakob Buhre

Aktuelle CD: Paul Kuhn – The L. A. Session, ab 12. März.

Paul Kuhn mit den Streichern des Filmorchesters Babelsberg und Roberta Gambarini (Gesang): 15. 3. und 16. 3., 20 Uhr Großer Sendesaal des RBB, Masurenallee 8-14, Tickets unter 61 10 13 13