Paul Spies zum Museum der Zukunft: „Weniger Mainstream, mehr Stadtgesellschaft“

Das Märkische Museum schließt zum Jahresende für eine Großsanierung. Bis dahin: Eintritt frei! Die Museumsmacher denken bereits über 2028 nach. Ein Gespräch.

Paul Spies, Direktor des Stadtmuseums Berlin, und sein Lieblingsobjekt. Der Pferdekopf ist als einziges Teil der Schadow’schen Original-Quadriga vom Brandenburger Tor erhalten und erzählt deutsch-niederländisch-französische Geschichte.
Paul Spies, Direktor des Stadtmuseums Berlin, und sein Lieblingsobjekt. Der Pferdekopf ist als einziges Teil der Schadow’schen Original-Quadriga vom Brandenburger Tor erhalten und erzählt deutsch-niederländisch-französische Geschichte.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Seit fast sieben Jahren arbeitet Paul Spies als Direktor der Stiftung Stadtmuseum Berlin an der inhaltlichen Modernisierung des Märkischen Museums. Das Gebäude komponierte Stadtbaumeister Ludwig Hoffmann aus Elementen mehrerer Architekturepochen: das erste speziell als Stadtmuseum konzipierte Gebäude der Welt. 115 Jahre nach der Eröffnung steht eine umfassende Sanierung bevor. Deshalb schließt das Haus für mehrere Jahre. Bis zum 30. Dezember ist das Publikum auf einen letzten Besuch eingeladen. Eintritt frei! Zum Gespräch mit Paul Spies über die Pläne und das Museum der Zukunft trafen wir uns an seinem Lieblingsobjekt: dem Kopf eines Pferdes von der Quadriga. 

Herr Spies, was verbindet Sie ausgerechnet mit diesem Berliner Ross?

Ich bin Holländer, und der Kopf ist Teil der deutsch-französisch-niederländischen Geschichte. Ursprünglich war das Brandenburger Tor kein Triumph-Tor, das einen Sieg über Frankreich feiert, was viele Leute bis heute glauben, sondern ein preußisch-niederländisches Friedenssymbol. 1787 hatte eine Gruppe bürgerlicher Patrioten in den Niederlanden mit Frankreichs Hilfe versucht, das Erbstatthaltertum zu stürzen. Ein Bürgerkrieg drohte. Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. griff ein, als die Patrioten seine Schwester Wilhelmine von Oranien, neben ihrem Mann Mitregentin der Provinz Holland, gefangen genommen hatten. Er schickte ein Heer gegen die mit den Franzosen verbündeten Patrioten. Die unterlagen, die alte Ordnung wurde wieder hergestellt. Im April 1788 schlossen Preußen, die Niederlande und Großbritannien einen Bündnisvertrag. Ein Krieg war verhindert, der Preußenkönig sonnte sich im Glanz eines durch Diplomatie errungenen Sieges.

Der König wünscht ein Siegestor

Genau in der Woche danach erdachte er den Plan für das neue Stadttor – zur Feier des neuen Bündnisses gegen Frankreich. Wahrscheinlich hat er sich von den Holländern dafür bezahlen lassen – also gut möglich, dass das Brandenburger Tor, auch der sehr schöne, kraftvolle Pferdekopf als Teil der Original-Quadriga vom großen Meister Schadow, mit niederländischen Florinen oder Gulden bezahlt wurde. Diese Frage wird gerade noch genau erforscht.

Wofür steht der Pferdekopf?

In Berlin werde ich oft mit holländischer Geschichte konfrontiert, weil sich der hiesige Hof ständig mit dem Hause Oranien verheiratete. Wir haben Orte wie den Oranien- und den Moritzplatz, damit werden wir uns als Museum zu beschäftigen haben. Der Pferdekopf zeigt auch, wie schön es ist, mithilfe eines einzigen kraftvollen Objektes historisch in die Tiefe zu gehen, indem man über Menschen erzählt und nicht über politische, abstrakt bleibende Ereignisse.

Zur Person
Amsterdam: Paul Spies, 1960 geboren, in Amsterdam aufgewachsen, ist ein niederländischer Kunsthistoriker und Archäologe. 2009 wurde er Direktor der Amsterdam Museum Foundation, zu der die Sammlung der Stadt Amsterdam, drei Museen, zwei historische Kanalhäuser sowie eine Dauerausstellung gehören.

Berlin: Seit 2016 ist Paul Spies als Museumsdirektor der Stiftung Stadtmuseum Berlin tätig.

Gehört solche Vertiefung auch zu den Ideen für die Neugestaltung des künftigen Museums?

Schon in der bisherigen Dauerausstellung „BerlinZeit“ zeigen wir nicht riesige Massen von Objekten, denn die Besucher sollen ja innerhalb einer bestimmten Zeit einen Überblick über die Geschichte und die Objektbestände gewinnen können. Da gilt: Weniger ist mehr. Wir haben im Stadtmuseum viereinhalb Millionen Objekte und sind dabei, die Sammlung zu erschließen, sie zu digitalisieren und online allen Interessierten nutzbar zu machen. Dazu gehört, die Geschichte der Objekte zu erzählen, wie die des Pferdekopfes. Und der erzählt eben auch internationale Geschichte, wie so manches in Berlin, einem Hub der Welt, gewachsen durch Verbindungen in die Welt.

Das Märkische Museum in Mitte, Stammmuseum der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Der Giebel ist nach dem Vorbild der St.-Katharinenkirche in Brandenburg an der Havel gestaltet. 1908 wurde das fertig eingerichtete Gebäude übergeben. Es war das erste Gebäude der Welt, das speziell als Stadtmuseum konzipiert war. 
Das Märkische Museum in Mitte, Stammmuseum der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Der Giebel ist nach dem Vorbild der St.-Katharinenkirche in Brandenburg an der Havel gestaltet. 1908 wurde das fertig eingerichtete Gebäude übergeben. Es war das erste Gebäude der Welt, das speziell als Stadtmuseum konzipiert war. dpa-Zentralbild

Was passiert nach der Schließung des Märkischen Museums zum Jahresende?

Wenn auch der Bund, nach dem Land Berlin, seinen finanziellen Anteil freigibt, dann wird ausgeräumt. Das ist viel Arbeit, denn wir haben auch viele große Objekte, manche sind fest eingebaut, als Teil der Erstausstattung. Diese Objekte müssen wir auch schützen. Zum Beispiel die große Glocke oder das mittelalterlich-gotische Portal des Hohen Hauses, der ersten Fürstenresidenz. Das Museumsgebäude wird teilweise hinter einem Gerüst verschwinden und über Jahre innen wie außen eine Baustelle sein, voraussichtlich bis 2028.

Was geschieht im Marinehaus auf der anderen Straßenseite?

Das in vielen Teilen unter Denkmalschutz stehende ehemalige Ballhaus der Marine wird derzeit ertüchtigt und voraussichtlich 2026 als interaktiver, partizipativer, spartenübergreifender Aktivitätenort mit Theater, Gastronomie, Musik etc. eröffnet.

Was geschieht bis 2028 mit den Museumsbeständen?

Natürlich verschwindet nicht alles im Depot. Unsere besten Gemälde, zum Beispiel das Edvard-Munch-Porträt von Walther Rathenau oder das Stadtgesicht von Ernst Ludwig Kirchner, hängen als Gäste in der Berlinischen Galerie. Unsere wunderbare Sammlung von Automatophonen wandert ins Bezirksmuseum Pankow in Prenzlauer Berg, dorthin, wo viele dieser Musikmaschinen gebaut wurden, vor allem von italienischen Familien. Die Instrumente werden voraussichtlich auch bespielt, zweimal die Woche als Vorführungskonzert.

Wird es weiter eine Ausstellung zur eigentlichen Stadtgeschichte geben?

Ja, „BerlinZeit“ zieht ins Ephraim-Palais und wird als chronologische Übersicht für die vielen Schulklassen, Berlin-Touristen, Neuberliner und alle anderen bereitstehen. In der Nikolaikirche um die Ecke erzählen wir die Geschichte des Mittelalters. Für beides wird es voraussichtlich Kombi-Tickets geben. Und schließlich gibt es in der Nachbarschaft das wunderschöne Knoblauchhaus von 1830 inklusive einer Ausstellung über die Berliner Salons, also die Anfänge der akademischen Geschichte.

„Berlin ist keine leichte Stadt“

Sie werden bei Neueröffnung 2028 im Ruhestand sein, aber sicherlich haben Sie Vorstellungen vom Märkischen Museum der Zukunft?

Ja und nein. Eine Idee ist, den bisher nicht besuchbaren Turm zum Teil der Erzählung zu machen: Von oben blickt man auf die Gegenwart, dann geht es per Treppe oder Lift Richtung Ausgang, und ringsum werden Künstler in den großen hohen Räumlichkeiten große Projektionen zeigen – zum Beispiel Visionen von der Zukunft Berlins. Im neuen Erdgeschoss soll es einen freien und barrierefreien Eintrittsbereich geben. Dort wollen wir mit der Stadtgesellschaft verhandeln über zehn Gründe, die Stadt zu lieben, und zehn Gründe, sie zu hassen. Im zweiten Geschoss bieten wir die chronologische Erzählung, für die dritte Ebene sehen wir Sonderausstellungen vor.

Ist Berlin-Geschichte schwer darzustellen?

Berlin ist keine leichte Stadt. Auch der Einstieg ist nicht immer leicht. Und im Museum machen wir keine City-Promotion; wir erzählen Geschichten.

Wie stellen Sie sich die Museumswelt 2028 vor?

Womöglich wird sie sich total verändern. Aber wir wollen das Haus wirklich partizipativ mit der Stadtgesellschaft gestalten: Menschen abholen, ihre Geschichte erzählen und atmosphärische Räumlichkeiten schaffen, die zu diesen Geschichten passen. Die Stadtgesellschaft wird eingeladen, das mit uns zu machen.

Wer ist die „Stadtgesellschaft“?

Das sind sehr unterschiedliche Gruppen: Freunde der Geschichte, Leute, die internationale Perspektiven mitbringen – Migranten wie sogenannte Internationals. Wir interessieren uns für die Vielschichtigkeit der Stadtgesellschaft. Alles, was wir machen, muss so flexibel sein, dass man wieder auswechseln kann. Wir erproben das in „Berlin Global“, der Ausstellung im Humboldt-Forum. Dort erzählen Repräsentanten verschiedener Gruppen ihre Geschichte, wir machen daraus eine professionelle Ausstellung. Das wird im Märkischen auch passieren. Vielleicht wird das Marinehaus die Werkstatt dafür sein.

Jedenfalls wollen wir nicht länger als Top-down-Akademiker agieren. Aus den Geschichtsbüchern kennen wir den Mainstream, das, was immer wiederholt wird – also politische Momente, die von einer Mehrheitsgesellschaft erfahren wurden und weitererzählt werden. Das werden wir nicht abschaffen, aber andere Sichtweisen dazunehmen, damit sich jeder in der Geschichte finden kann: Ich bin zwar nicht Mainstream, aber Teil der Stadt. Ein Aufruf zur gemeinsamen Geschichtsschreibung.

„Wir relativieren uns selbst“

Das ändert die Arbeit der Museumsmacher …

Ich bin Kunsthistoriker und Archäologe – was ich weiß, haben andere vor mir aufgeschrieben. Doch was weiß ich von dem, das nicht aufgeschrieben wurde, aber in der Praxis auch ganz wichtig war? Es geht also auch um eine kritische Betrachtung unseres Berufs. Wir relativieren uns selbst. Wir möchten nicht länger als Einzige die museale Hoheit haben, zu bestimmen, was wie erzählt wird. Wir leben in einer partizipativen Gesellschaft. Die Jugendlichen nehmen nicht alles kritikfrei hin, suchen selbst, möchten mitmachen. Wir arbeiten am Museum der Zukunft.

Und wer arbeitet mit?

Erfahrungsexperten, also von der Geschichte Betroffene. Wenn zum Beispiel England über die Geschichte seines Reichtums spricht, müssen Inder zu Wort kommen. Sie werden Reichtum anders interpretieren. Oder Holland: 15 Prozent der schönen Grachtenhäuser sind mit Geld aus Sklavenhandel finanziert. Fragt man Surinamer, erzählen die ihre eigene Geschichte von großen Handelshäusern, zum Beispiel, dass der holländische Gouverneur von Surinam 20.000 Sklaven herangeschafft hat. Diese Menschen sind erst seit zwei Generationen frei, spüren die Vergangenheit; ihre Leistung wird nicht gewürdigt.

Sind solche Berichte nicht sehr stark von Gefühlen geleitet?

Es gibt Wissen, das wir nicht wissen, und wir sind erstmals an diesem Wissen interessiert. Diese Menschen haben ihre Familiengeschichten; es gibt unerschlossene Archive. Geschichte wird nicht auf einmal bloßes Gefühl und Emotion, aber Geschichte ist menschlich, vielschichtig und multispektral – und dann wird sie emotional. Wenn solche Menschen erzählen, denke ich oft: Oje, bin ich schuldig? Aber das finde ich gut, man soll Geschichte nicht mechanisch-technisch angehen. Was wir bisher über das koloniale Zeitalter erzählen, reicht einfach nicht aus. Deshalb werden wir uns auch mit der kolonialen Vergangenheit Berlins beschäftigen.

Was wäre in Berlin der zentrale Punkt?

Berlin war der Ort der Entscheidungen, der Politik, des Kaiserhauses. Es gab die Handelshäuser und einige Gebäude, die an Palmöl und Tropenholz erinnern. In unserer Sammlung haben wir ausreichend Objekte, die mit Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung zu tun haben. Wir können dadurch auch unsere eigene Institutionsgeschichte neu betrachten. Wir tun das ganz selbstverständlich im Falle von geraubtem jüdischem Besitz – wieso können wir das nicht mit Blick auf andere Teile der Welt machen? Wenn sich etwas als geraubt erweist, soll man es zurückgeben. Der Besitzer soll dann selber entscheiden, ob er es verkauft, aufhängt oder versteckt. Selbst wenn ein Museum ein Objekt 100 Jahre lang beschützt und restauriert hat und der andere damit nur Geld macht, dann muss das Museum trotzdem über die Hürde springen. Das ist eine Frage der Ethik.

Die Ausstellung „Berlin Global“ im Humboldt-Forum versucht, Geschichte mit mehr Show zu vermitteln. Ist das gelungen?

Es kommen zwar weniger Leute als erhofft, auch weil wir als Einzige im Humboldt-Forum Eintritt verlangen. Aber die Jugendlichen kommen – in größerer Anzahl als ins Märkische Museum. Die Ausstellung wird auch von mehr Jugendlichen besucht als die anderen Orte im Humboldt-Forum. Die Millennials sind begeistert, finden es cool, kommen vielleicht wieder, haben womöglich verstanden, dass Museum nicht langweilig ist.

Was erwartet Besucher noch im Märkischen Museum bis zur Schließung?

Freier Eintritt! Man kann in unseren Werkräumen mit uns gemeinsam über die Zukunft nachdenken. Unsere neue Website zeigt ein schier unendliches Angebot. Als Highlight für Weihnachten empfehle ich das Knoblauchhaus (das nicht schließt!) – man betritt dort ein Original-Weihnachtsland, geht hinein und wird ganz fröhlich. In der Nikolaikirche gibt es Konzerte. Und vom Turm des Märkischen herab gibt es sonntags Musik, die zum Museumsbesuch einlädt.