Berlin - Paul van Dyk kommt mit einem Becher Kaffee in der Hand in die Redaktion der Berliner Zeitung und wird begleitet vom Geschäftsführer seiner Kommunikationsagentur, die auch für die Deutsche Alzheimerstiftung und Amnesty International arbeitet. Der DJ ist gerade erst wieder in Berlin gelandet. Er befinde sich noch in einer anderen Zeitzone, sagt er.

Wir haben so lange auf das Interview mit Ihnen gewartet. Wo waren Sie die ganze Zeit?

Nach Weihnachten ging es nach Dubai, dann nach Kolumbien, Cartagena, dann nach Argentinien, Chile, in die USA.

Berlin ist Ihr Zuhause. Haben Sie je überlegt wegzuziehen?

Nö. Ich schätze an Berlin, dass hier viel passiert, das einen inspiriert. Aber es ist nicht so extrem, dass man dem nicht entkommen kann. Es gibt auch Ruhepole.

Sie sind eine Woche vor dem Mauerfall mit Ihrer Mutter aus Ost-Berlin ausgereist. Wie kam es dazu?

Meine Mutter hat gesehen, dass ich viele Fragen stelle, die zu Problemen führten. In meiner Schule wurde erzählt, dass man als Staatsbürger Verantwortung hat, und ich mich doch mehrere Jahre bei der Armee verpflichten soll. Da hat meine Mutter schnell begriffen, dass es in diesem Staat für mich als hinterfragenden Menschen, zu dem sie mich erzogen hat, Probleme geben kann.

#html0

Was haben Sie denn für Fragen gestellt?

Einmal wurden in der Schule die Lebensverhältnisse in der DDR in den Himmel gelobt, im Verhältnis zu denen der Arbeiter in der Bundesrepublik Deutschland. Ich hab dann einfach mal eine Rechnung aufgestellt und das durchschnittliche Einkommen eines DDR-Bürgers den Kosten für Brot und Butter gegenübergestellt. Dasselbe habe ich mit den Zahlen aus der Bundesrepublik gemacht, die habe ich von meinem Onkel bekommen. Und das wollten die an der Tafel nicht unbedingt geschrieben sehen.

Hat es für Sie eine Bedeutung, dass Sie in der DDR groß geworden sind?

Vor allem in Bezug darauf, wie ich Musik konsumiere. Ich konnte Musik nur durchs Radio hören. Ich wusste nie, wie mein Super-Duper-Star aussah, oder was er zu erzählen hatte. Es war nur die Musik. Diesen puren Kontakt zur Musik hab ich mir bewahrt.

Was hat Ihnen gefallen an der elektronischen Musik?

Die Energie. Und dass da keiner war, der dir vorgesungen hat, dass du traurig sein musst. Die Musik selber hat Emotionen erzeugt.

Wie sind Sie zur Musik gekommen?

Der SFB war da ziemlich fortgeschritten. Monika Dietl zum Beispiel hat in ihrer Sendung immer Sachen gespielt, die weit vor ihrer Zeit waren. Ich hab damals an der Warschauer Brücke gewohnt. Auf der anderen Seite, in der Köpenicker Straße, war das Ufo. Und das war natürlich dann schon so – grrrrh… Da wär ich doch schon auch gern hingegangen. Nach dem Mauerfall bin ich dann in die ganzen Clubs.

Sie waren damals in Hamburg. Sind Sie sofort zurück nach Berlin?

Nee, erst im März. Es war so ein Durcheinander damals. Erstmal haben sich alle besucht. Ich hab dann angefangen, Bewerbungen zu schreiben. In der DDR hatte ich eine Ausbildung als Facharbeiter für Nachrichtentechnik angefangen. Die Technik war so veraltet, dass die Telekom und die anderen Firmen sagten, es würde mindestens fünf Jahre dauern, mich auf den neusten Stand zu bringen, aber ich könnte erstmal Hilfsarbeiter werden. Ich hatte mir nicht vorgestellt, fünf Jahre auf die Wartebank zu müssen. Ich war dann viel in Berlin, und meine Mutter sagte, ich müsste dort was machen. Da hab ich bei einer Tischlerei angefangen.

Und das Nachtleben?

Ich hab beides parallel gemacht. Aber das mit der Musik wurde immer intensiver. Ich konnte nicht bis nachts um vier unterwegs sein und morgens um sieben so fit, dass ich mir nicht die Finger absäge. Ich hatte einen Meister, der mir erzählt hat, dass er auch mal in so einem Zwiespalt war. Er war ein fantastischer Skifahrer und hat zwischenzeitlich überlegt, Skilehrer zu werden. Er hat sich dann am Ende für das Bodenständige entschieden. Aber er konnte sich eben vorstellen, dass man sich anders verwirklichen will. Er hat mir moralisch Rückenwind gegeben. Und dann war nur noch Musik.

Diese frühe Technozeit in Berlin, ist die heute noch wichtig für Sie?

Aus künstlerischer Sicht auf jeden Fall. Damals ging es nicht darum, Millionen Platten zu verkaufen, sondern sich künstlerisch zu verwirklichen. Das war ein beinahe revolutionärer Ansatz. Auch wenn ich jetzt mit jemandem zusammen arbeite, geht es mir nicht darum, dass er ein Popstar ist, sondern er sollte musikalisch dieselbe Passion teilen. Es muss Sinn machen, dass man zusammen arbeitet. Und der kann nicht im Bankkonto liegen.

Dass Sie aus den Kellern, aus den Gewölben Berlin kommen, diesen mythischen Orten – hat das einen Einfluss gehabt auf Ihren Ruf?

Eigentlich spielt das heute mehr eine Rolle. Denn damals gab es den Berlin-Hype noch nicht. Sicher war innerhalb der elektronischen Gemeinde klar, dass es um New York, Detroit, Berlin und Liverpool geht. Aber so wie heute, dass man sagt, man kommt aus Berlin, und alle sagen boah – das gab es damals nicht.

#html1

Warum sagen die Leute boah?

Berlin ist einfach eine verdammt coole Stadt. Wenn man hierher kommt, kann man ganz viele Sachen erleben, die es woanders so nicht gibt. Diese katakombenartigen Clubgewölbe zum Beispiel. Daraus speist sich der Hype. Und drum herum haben sich viele kreative Kreise gebildet, im Bereich von Design und Fashion. Die schaffen auch wieder eine bestimmte Atmosphäre.

Sie sind der einzige aus dieser frühen Berliner Technoszene, von diesen ganzen tollen DJs, der international Karriere gemacht.

Ich glaube, das liegt zum Teil daran, dass für mich immer die Musik das Wichtigste war. Ich hatte aber auch verdammt viel Glück, zum Beispiel, wenn man sich meinen Start in den USA anguckt. Ein Zigarettenhersteller hat 1992 oder 1993 eine German Night in New York veranstaltet, und DJ Dag aus Frankfurt konnte nicht. Ich war der Ersatzspieler. Und ich habe an diesem Abend meine Chance genutzt. Jemand von einer der größten Booking-Agenturen, Happy Colors, sagte dann zu mir: Ach komm doch mal vorbei in unserem office. Und so ging das los.

Sie engagieren sich für soziale Projekte. Wie kam’s?

Wenn man viel reist, bekommt man mit, dass vieles nicht stimmt. Wenn ich das sehe, muss ich selber anpacken. Das ist meine Grundhaltung. Als ich das erste Mal in Indien war, habe ich eine Form von Armut gesehen, die mich so schockiert hat, dass ich gleich übers deutsche Konsulat Kontakt aufgenommen habe. Und in Berlin gibt es einen gravierenden Anstieg von Kinderarmut, Familien, die sich nicht mehr über Wasser halten können. Ich kann da nicht warten auf eine Institution, die Kirche oder den Staat.

Zurück zum Berlin-Hype. Anfang der 90er Jahre hätte es den doch eigentlich geben müssen.

Die Tatsache, dass New Yorker wissen, dass Berlin cool ist, hat damit zu tun, dass dort Werbung für Berlin gemacht worden ist. Deshalb ist der Hype jetzt da und nicht Anfang der 90er. Damals gab es mit den Autoritäten nur Ärger. Ob beim Tresor oder beim E-Werk – die haben nur Probleme gemacht, anstatt wahrzunehmen, dass sich da etwas weltweit Wichtiges aufbaut. Das hat erst die Nachfolgeregierung begriffen. Es wird immer vom Partybürgermeister gesprochen. Dabei ist es doch so: Wäre er Bürgermeister in einer Autostadt, dann wäre er ständig bei Autohauseröffnungen. Da es in Berlin aber ums Ausgehen geht, und um eine vitale Clubkultur, sieht man ihn eben dort. Es ist ein großer Verdienst, erkannt zu haben, dass man das politisch begleiten und unterstützen muss.

Hat sich es nicht auch einfach herumgesprochen, was in Berlin los ist?

Beides. Aber dass wir so etwas haben wie die Club Commission, bei der sich Clubbesitzer, Veranstalter und die politische Seite treffen – das ist einmalig.

Der Tresor konnte trotzdem nicht dort bleiben, wo er ursprünglich war. Und dass die Club Commission gegründet wurde, ist auch Ausdruck dafür, dass es Probleme gibt.

Keine Frage. Nur das hätte man mal damals bei Diepgen versuchen sollen. Da wär man nirgendwo hingekommen. Und man sollte wirtschaftliche Gründe nicht immer politisieren und sagen, da hätte jetzt aber der Bürgermeister eingreifen sollen. Manchmal werden Clubs auch geschlossen, weil sie sich nicht mehr rentieren.

Oder weil ein Investor kommt.

Wenn es nicht die Freiräume gäbe, etwas Neues zu machen, wäre ich auch extrem kritisch. Aber ich weiß gar nicht, ob es so interessant wäre, wenn der Tresor immer noch am alten Platz wäre, oder ob es nicht viel cooler war, den Ort zu wechseln. In New York ist auch nichts mehr so, wie es war. Das Limlelight ist heute ein Klamottenladen, das Palladium ist ein YMCA. Es gibt eben neue Clubs. Und hier ist es nicht mehr das E-Werk oder das Casino, sondern das Berghain. Und in fünf Jahren wird es nicht mehr das Berghain sein, sondern irgendwas anderes. Man darf ein Kulturbiotop nicht platt machen, man muss Alternativen bieten. Ein Investor hat da auch Verantwortung. Aber die Stadt muss sich verändern, sonst kommt in fünf Jahren keiner mehr nach Berlin.

Das Interview führte Susanne Lenz.