Berlin - Vom Prunk der Touristenmeile zeugt an dieser Stelle nichts. Dort, wo edle Boutiquen und gläserne Fassaden aus Mitte den Kreuzberger Sozialwohnungen weichen, hat die mazedonische Künstlerin Nada Prlja eine Barrikade errichten lassen: zwölf Meter breit, fünf Meter hoch, aus Wellblechen und Spanplatten. Die Künstlerin will damit auf die soziale Spaltung in der Stadt aufmerksam machen, denn gerade die Friedrichstraße teile in zwei soziale Hälften. Und diese eigentlich unsichtbare Stelle sozialer Trennung soll mit der Mauer optisch begreifbar werden.

Die südliche Friedrichstadt, das Viertel um den Mehringplatz, gilt als Kiez mit hoher Arbeitslosenquote und vielen Familien mit ausländischen Wurzeln. Etwa 70 Prozent der Kinder leben dort in Hartz IV-Haushalten, berlinweit sind es 37 Prozent. So begreift Prlja ihr Kunstwerk auch als gewollte Provokation und politisches Statement. „Unsere Gesellschaft funktioniert auf faszinierende Weise“, sagt sie, „nichts fürchten wir mehr, als die Störung unserer Annehmlichkeiten“.

„Geschmacklos!“

Prljas Mauer ist Teil der siebenten Berliner Biennale, bis Anfang Juli blockiert sie die Friedrichstraße auf Höhe des Besselparks, zwischen Puttkamer- und Hedemannstraße. Und genau das ärgert einige Anwohner – und viele Ladenbesitzer. Die Kunst stört. „Das Gesabber von diesen Leuten ist einfach unerträglich, die Mauer bedeutet für mich eine existenzielle Bedrohung“, sagt Hendrikje Ehlers. Die Schuhmacherin betreibt ihren Laden an der Ecke zur Hedemannstraße, seit die Mauer steht, sei ihr Umsatz eingebrochen und sie habe ein Drittel ihrer Kunden verloren, sagt sie.

Am liebsten würde sie die Mauer sofort niederreißen. „Jetzt haben wir hier die richtige Ghettoisierung mit einer Mauer, die alles versperrt“, sagt Ehlers. „Das Ding ist einfach nur hässlich.“ Sollte die Mauer stehenbleiben, will sie juristisch dagegen vorgehen: „Morgen bin ich beim Anwalt und da wird eine Einstweilige Verfügung erwirkt“, sagt sie.

Nada Prlja, die Künstlerin, meint dazu auf Anfrage: „Ja, Leute sagen: Das ist kein Kunstwerk, das ist eine Mauer! Aber so etwas passiert eben, wenn Kunst die sichere Umgebung von Galerien verlässt.“ Und sie sagt auch, dass sie sich dessen von Beginn an bewusst gewesen sei: „Meine Kunstwerke sollen auch politisches und soziales Bewusstsein für etwas anstoßen.“ Zdravka Bajović vom Biennale-Kuratorium, das das Projekt realisiert hat und schließlich auch die Erlaubnis bekam, die Mauer zu errichten, erklärt nach einer Diskussionsrunde vor der Mauer: „Die Künstlerin setzt erst einmal ein Symbol. Sie entdeckt eine Wunde, macht ihre Arbeit und setzt damit einen Prozess in Gang.“

Das Ergebnis dieses künstlerischen Prozesses ist zumindest bei den Anwohnern umstritten. „Geschmacklos!“, zischt eine Frau. Ein Mann fragt Zdravka Bajović vom Kuratoren-Team nach dem Sinn der Mauer, als diese eigentlich gerade über das positive Feedback der Leute sprechen will. „Wann geht das weg?“, will er wissen. „In zwei Monaten“, antwortet Bajović. „Gefällt mir nicht“, sagt der Anwohner, „muss mit dem Auto immer eine Runde fahren. Nicht gut!“ Als der Mann geht, schüttelt er den Kopf. „Erstmal trennt diese Mauer natürlich, aber es hat dann genau den Punkt getroffen“, sagt Bajović. Frieden stiftet diese Mauer bislang nicht, sie teilt vielmehr: in Freunde und Gegner eines Kunstprojekts.