Die einen reagieren genervt, die anderen fahren gar nicht erst los. SEV – diese drei Buchstaben können bei Bahnreisenden Unmut auslösen. Denn SEV bedeutet: Schienenersatzverkehr. Wo bislang Bahnen rollten, müssen die Reisenden in Busse umsteigen. Auf der Schienenstrecke zwischen Berlin und der polnischen Hafenstadt Szczecin (Stettin) musste eine solche Regelung jetzt um nicht weniger als ein Jahr verlängert werden. Aus fast drei Monaten werden rund 15 Monate. Warum?

Bislang konnten Planer und Ingenieure der Deutschen Bahn (DB) in ihrem Internettagebuch manch Positives zur Sanierung der Stettiner Bahn verkünden. Dass die grenzüberschreitende Verbindung zwischen Deutschland und Polen auf dem Teilstück zwischen Angermünde, Passow und Szczecin für fast eine halbe Milliarde Euro fit gemacht wird, ist generell eine gute Neuigkeit. Jahrelang hatte sich vor allem das Land Berlin dafür eingesetzt, dass die inzwischen recht marode Trasse in die nächstgrößere Großstadt saniert, für Tempo 160 ausgebaut und durchgehend elektrifiziert wird. Dadurch soll die Fahrzeit zwischen Berlin und Stettin auf 90 Minuten sinken.

Fahrzeit zwischen Berlin und Stettin hat sich deutlich verlängert

„Jetzt aber, liebe Leser:innen, müssen wir leider eine schlechte Nachricht verkünden“, hieß es jüngst im Projekttagebuch der Bahn. Der Schienenersatzverkehr zwischen Angermünde und Passow, der am 7. März begonnen hat und und nach knapp drei Monaten am 29. Mai 2022 enden sollte, „muss nun voraussichtlich bis Mai 2023 verlängert werden“, teilten die Autoren des Tagebuchs bedauernd mit. „Nur so kann die Inbetriebnahme der Gesamtstrecke in 2025 noch geschafft werden.“

Folge für die Fahrgäste: Weiterhin müssen die meisten Verbindungen auf dem genannten Abschnitt in der Uckermark durch Busse ersetzt werden, was die Fahrzeit zwischen Berlin und Szczecin um 20 bis 30 Minuten verlängert. War es vorher möglich, diese Strecke in 102 Minuten zurückzulegen, muss nun bis zu eine halbe Stunde mehr Zeit eingeplant werden. Nur mittags und spätabends gibt es weiterhin Zugverkehr auf dem Teilstück. Täglich können zwei Züge pro Richtung fahren. Schließlich müssen die auf der Regionalbahnlinie RB66 eingesetzten Dieseltriebwagen zur Tankstelle nach Angermünde gelangen.

Aber warum müssen die Reisenden nun noch bis 2023 zu den meisten Tageszeiten auf Busse umsteigen? „Wir wollen gar nicht lange um den heißen Brei herumreden: Wir haben es leider nicht hinbekommen, die Überleitstelle Schönermark trotz aller Bemühungen plangemäß bis Ende Mai 2022 fertigzustellen“, lautet die Erklärung.

Überleitstellen ermöglichen es Zügen auf mehrgleisigen Strecken, von einem Schienenstrang zum anderen zu wechseln. Bei Schönermark, einem Dorf in der Uckermark, sollte das zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich schon möglich sein. Dafür sind vier Weichen zu verlegen, zudem Haupt- und Vorsignale zu installieren. „Wir wollten so die Kapazität während der baubedingten Einschränkung erhöhen und Schienenersatzverkehr so weit wie möglich vermeiden“, heißt es bei der Bahn.

Güterverkehr der PCK-Raffinerie in Schwedt hat Vorrang

Doch der Zeitplan habe sich leider nicht halten lassen, so die DB. Manchmal verlaufe eben „nicht alles nach Plan“, steht im Projekttagebuch. „Eine Pandemie und ein Krieg in Europa sind nicht vorhersehbar, die Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von Projektbeteiligten und Mitarbeiter:innen sowie auf die Dauer von Lieferketten bei Baumaterialen aber im Projektverlauf deutlich spürbar. Und so haben wir es allen Anstrengungen zum Trotz nicht geschafft, den für Sie so unbequemen und zeitraubenden Schienenersatzverkehr wie geplant Ende Mai zu beenden.“

Zwischen Angermünde und Passow ist also trotz zwei Gleisen faktisch weiterhin nur eingleisiger Verkehr möglich. Das verringert die Leistungsfähigkeit der Strecke, auf der viele Güterzüge unterwegs sind. Die Stettiner Bahn ist der einzige Zubringer zur PCK-Raffinerie in Schwedt. Bei Passow zweigt die rund sechs Kilometer lange Anschlussstrecke, die dem Ölverarbeitungsunternehmen gehört, von der Hauptbahn ab.

Der Güterverkehr der Raffinerie hat für die Bahn eine hohe Priorität, der Reisezugverkehr auf der Stettiner Bahn nicht so sehr. Das bekamen die Fahrgäste bereits zu Beginn des Ukraine-Kriegs zu spüren.

Auf der Regionalbahnlinie RB66 zwischen Angermünde und Szczecin werden Dieseltriebwagen der Baureihe 646 eingesetzt, die sowohl für Deutschland als auch für Polen zugelassen sind. Von solchen Fahrzeugen gibt es nicht allzu viele. Als nach Beginn des Krieges die Zahl der Flüchtlinge rasch stieg, wurden die roten Triebwagen von der Stettiner Bahn abgezogen und als Sonderzüge eingesetzt – unter anderem, um Ukrainer von der Grenzstadt Przemyśl nach Deutschland zu befördern.

Zweimal umsteigen: Eine Belastung auch für Flüchtlinge aus der Ukraine

Auch zwischen Szczecin und Angermünde sind ukrainische Geflüchtete unterwegs, berichtet Jürgen Murach von der Arbeitsgemeinschaft Polen der SPD Berlin. Der Wechsel zwischen Zug und SEV-Bus sei „für die ukrainischen Flüchtlinge mit schwerem Gepäck und Kinderwagen ein großer Stress“, stellt der Sozialdemokrat aus Charlottenburg-Wilmersdorf fest. Er war am 18. Mai selbst auf der Strecke unterwegs. „Bei meiner Fahrt habe ich aber große Hilfsbereitschaft der deutschen Reisenden beim Gepäcktransport zum Bus beobachtet. Im überfüllten Bus des Schienenersatzverkehrs wurden den ukrainischen Frauen und Kindern sofort Sitzplätze angeboten“, berichtet Murach.

Vom Bahnverkehr zwischen Deutschland und Polen können aber auch Verbesserungen gemeldet werden. So gibt es zwischen Guben in Brandenburg und der polnischen Groß- und Weinstadt Zielona Góra, einst als Grünberg in Schlesien bekannt, seit diesem Sonntag wieder Personenverkehr – zumindest an Wochenenden. Auf der neu eingerichteten Regionalbahnlinie RB92 starten sonnabends drei Fahrten in Guben (9.25, 15.09 und 18.30 Uhr), am Sonntag sind es zwei (9.18 und 18.23 Uhr). Von Zielona Góra geht es sonnabends um 7.45, 13.23 und 16.50 Uhr los, sonntags um 7.45 und 16.50 Uhr.

Neue Zugverbindung in die polnische Weinstadt Zielona Góra

Zwischen Guben und Gubin gilt ein Nulltarif, so der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB). Auf dem Abschnitt über die Neiße kann der Zug also kostenfrei genutzt werden. Zwischen dem polnischen Gubin und Zielona Góra ist eine Fahrkarte für 18,60 Zloty (rund vier Euro) erforderlich. Das Ticket ist im Zug und in den Bahnhöfen in Polen erhältlich.

Die neue Verbindung scheint sich zu bewähren: Schon am ersten Tag wurde sie von vielen Fahrgästen genutzt, wird berichtet.