Berlin - Die staatliche Betriebe dieser Stadt können sich gut vermarkten. Die Mülleimer-Beschriftungen der BSR - „Alle 5 Min verliebt sich Abfall in diesem Eimer“ ist für mich der Allzeitklassiker - und die #weilwirdichlieben-Kampagne der BVG beweisen das. Beide Organisationen präsentieren sich mit Humor, Ironie, Leichtigkeit und kommen bei den Berlinern und Besuchern gut an. Warum sind da die Marketing-Kampagnen ausgerechnet von Visit Berlin, der Organisation, die Berlin an die Welt verkaufen soll, so mittelmäßig? 

Neuste Beispiel: ein kurzes Video in den sozialen Netzwerken gekennzeichnet mit „#berlinreopens“ („Berlin macht wieder auf“). Das Video soll zeigen, dass Berlins tolle Außengastronomie wieder Gäste empfangen darf. In dem Spot genießt eine sehr junge Frau im retro-Neunziger Look verschiedene alkoholische Getränke an verschiedenen Terrassen in Mitte: Hotel de Rome und Clärchens Ballhaus sind erkennbar. Irgendwelche edle Restaurants sind auch dabei. Als Zwanzigjährige in einem Luxushotel alleine so chillen. Warum nicht?

Es wird im Spot ganz schön viel getrunken. Zumindest hält sich die junge Frau an die Regel „Wein auf Bier, das rat ich dir!“ Zum Schluss macht die Solo-Trinkerin das Herzchen-Symbol vor der Kamera und lächelt.  Hätte ich so den ganzen Tag gebechert, wäre auch ich mit meinen 100 Kilo zu diesem Zeitpunkt ziemlich blau. Nicht, dass ich was gegen trinken habe. Aber muss man sowas unbedingt mit Staatsgeld finanzieren? 

Das Video ist auch  in anderer Hinsicht grottenschlecht. Wie eine Twitter-Bekannte kommentierte, hat es  den „Women laughing alone with salad“ Look, also Frauen, die in Werbespots alleine mit einer Schüssel Salat einfach so vor der Kamera lachen, weil sie so glücklich sind. In anderen Worten: artifiziell, klischeehaft. Wie Maggi-Werbung aus den Neunzigern etwa. Berlin, willst du dich wirklich so vor der Welt präsentieren?

Nicht nur dieses Video, sondern vieles was Visit Berlin unternimmt, strahlt eine gewisse Ahnungslosigkeit aus. Das neue Slogan „Finally again. Berlin.“ ist eine schlechte Übersetzung von „Endlich wieder. Berlin.“ und es funktioniert im Englischen einfach nicht. Gibt es keine Native-Speaker im Visit Berlin Büro, bei dem man sowas kurz prüfen kann? 

Der Stadtentwicklungs-Experte Ares Kalendides erzählte mir neuerdings: „Ganz ehrlich, die Touristen werden von alleine kommen, ohne Visit Berlin.“ Die Vermarktungs-Agentur verfügt über ein Etat von 20 Millionen Euro, 77 Prozent fließt vom Land Berlin. Ist es sinnvoll öffentliche Gelder für solche Werbekampagnen auszugeben? Vor der Pandemie war von Overtourism die rede - also zuviele Touristen. Kalendides meint es soll ehe darum gehen, die Touristenströme zu managen statt sie anzulocken.

Er hat Recht. Influencer und die ausländische Presse tun die nötige Arbeit von alleine. Als die Berliner wieder in den Straßencafés sitzen dürften, hat die reichweitenstarke britische Zeitung „The Guardian“ schon über die „unfassbare Szenen“ von glücklichen Menschen in der Kreuzberger Oranienstraße berrichtet. 

Übrigens, der effektivste Berliner Werbespruch aller Zeiten, vor allem im Ausland, war Klaus Wowereits „arm aber sexy“ in 2003. Auch peinlich aber mindestens zum Nulltarif.