Berlin - Das war mal wieder so eine Schlagzeile. „Böser Bruder Boateng“ titelte die Boulevardzeitung BZ vorige Woche und berichtete von einem Strafbefehl wegen Beleidigung, Nötigung und versuchter Körperverletzung. Gemeint war George Boateng, älterer Bruder der millionenschweren Fußballer Kevin Prince und Jérôme Boateng. George soll in einer Schule in Steglitz ausgerastet sein. Dafür hat ihn das Amtsgericht Tiergarten zu 19 200 Euro Strafe verurteilt.

Es sind solche Nachrichten, die Nicole Oder beweisen, dass sie richtig liegt. Richtig mit ihrem Thema. Den drei Brüdern. Am Sonntag feiert das Theaterstück „Peng! Peng! Boateng“ Premiere im Heimathafen Neukölln, Nicole Oder führt Regie.

Die Geschichte von George und Kevin Prince aus dem Wedding sowie Jérôme aus Wilmersdorf ist Legende: Es geht um den gemeinsamen, aber meist abwesenden Vater, die Anfänge im Fußballkäfig. Der Weg von Kevin Prince und Jérôme hinaus aus Berlin, wo die Leute sie mit ihren Erwartungen erdrücken, in die Welt. Kevin Prince’ Image als Rabauke und Enfant terrible. Seine Entscheidung, für Ghana zu spielen, das Land des Vaters. Sein berühmtes Foul an Michael Ballack. Dann das große Duell bei der WM 2010 in Südafrika. Guter Bruder, böser Bruder.

Buch und Stück enden mit dem Duell am anderen Ende der Welt, die Geschichte der Brüder geht weiter: Nachdem er bei einem Spiel aus Protest gegen rassistische Pöbeleien den Platz verlässt, hält Kevin Prince im Herbst 2013 eine Rede vor der Uno. Ein Jahr später wird Jérôme Weltmeister. Im Frühsommer 2016 sagt AfD-Schlachtross Alexander Gauland, „die Menschen“ würden Jérôme vielleicht als Fußballer mögen, aber sie wollten ihn nicht als Nachbarn. Weil er schwarz ist! Im September erhält Jérôme in Berlin den Moses-Mendelssohn-Preis für Toleranz. Kevin Prince spielt mittlerweile in der besten Liga der Welt, in Spanien. Währenddessen landet George wegen Körperverletzung in Untersuchungshaft, pflegt auch danach sein Image des harten Mannes und macht Karriere als Gangster-Rapper. Als BTNG erzählt er in „Gewachsen auf Beton“ so manche „Weddinger Heldengeschichte“ und stellt fest: „Diamanten entstehen unter Druck“. Ende offen.

Nicole Oder interessiert sich für die Anfangsjahre. Um den ältesten Bruder, der nicht genug Disziplin für den Profifußball hat. Über den mittleren Bruder, der überall das Alpha-Tier gibt. Über den kleinen Bruder, den geschmeidigsten von allen. Über den gemeinsamen Spaß an der Musik, die der Vater den Söhnen mitgegeben hat: George rappt, Kevin Prince tanzt auf einer Meisterfeier des AC Mailand den Moonwalk, Jérôme legt bei einer Feier des FC Bayern eine Beatbox-Einlage hin. Über Rassismus.

Und dennoch soll es kein Dokumentarstück werden. „Uns hat interessiert, wie man wird, was man ist“, erzählt die Regisseurin. Es sei eher eine Familienaufstellung. Eine starke Szene beschäftigt sich damit, wie die beiden großen den kleinen Bruder kennenlernen, Jérôme kickt erstmals mit im Käfig, spürt die Härte der Straße, kopiert die Tricks der Großen, lernt, wie man sich in rauer Umgebung behauptet. Wedding und Wilmersdorf, so will es das Stück, sind zwei Welten. Von der Panke aus gesehen ist der Kudamm schier unerreichbar.

„Wir sind stets auf der Suche nach Themen aus Berlin, die nach draußen wirken“, sagt Nicole Oder. Seit der fulminanten Premiere von Güner Balcis „Arabboy“ 2009 hat sie sich einen Namen für solche Stoffe gemacht. Für ihr neues Stück braucht sie nicht einmal einen Ball auf der Bühne. Die Entscheidung dagegen fiel ihr umso leichter, als sie feststellte: „Sport und Theater sind zwar analoge Live-Erlebnisse. Aber meine Schauspieler sind schlechte Fußballer.“ Also konzentrieren sich Tamar Arslan (Kevin Prince), Nyamandi Mushayavanhu (Jérôme) und Daniel Mandolini (George) auf das, was sie können: Spiel, Musik, Tanz, die Darstellung dreier Persönlichkeiten. Bleibt die Frage nach der Premiere. Kommen die Boatengs? Man habe versucht sie einzuladen, heißt es vom Heimathafen.

Peng! Peng! Boateng! Ab 18. Dezember, 19.30 Uhr. Heimathafen Neukölln, Probebühne Pier 9, Hasenheide 9.