People Berlin : Wenn Straßenkinder Mode machen

Leicht zu finden ist er nicht, der kleine Mode-Laden im siebten Hof der Hackeschen Höfe in Mitte. Seit April teilt sich dort der People Berlin Shop einen Verkaufsraum mit einer Fair-Trade-Kosmetik-Marke. Die Einrichtung ist schlicht, nur wenige Kleiderständer gibt es. Eigentlich passt der Laden so gar nicht zu diesem touristischen Ort.

In Hof sieben werden Klamotten, Accessoires und Kunstobjekte verkauft, die Drogenabhängige und suchtgefährdete Kinder und Jugendliche geschaffen haben, die auf der Straße leben. Es gibt Kleidungsstücke in verschiedenen Größen zu Preisen von 30 bis 160 Euro. Ein langer dunkelblauer Faltenrock, eine kurze weiße Kunstfell-Weste, eine sportliche Jacke mit der Aufschrift „Anti you“ und eine elegante Bluse hängen da.

Auf jedem Etikett stehen der Name und das Alter des Jugendlichen, der an der Herstellung oder mit einer Idee beteiligt war. Auf manchen Etiketten stehen kleine Erklärungen. „Stoffe werden so weich wie Tierfell, sind es aber nicht“, kommentiert beispielsweise eine 15-jährige Emma ihre Stoffweste. Auf dem Etikett einer weiten schwarzen Hose ist zu lesen: „Zwei unterschiedliche Beine – manchmal ist Perfection beider zu haben – Kathi, 18 Jahre“.

Designerinnen im sozialen Kontext

„Den Laden in Mitte zu eröffnen, war eine bedachte Entscheidung, um die verschiedenen Lebenswelten – Elite und Straßenkinder – zusammenbringen zu können“, sagt Designerin Eva Sichelstiel. Die 31-Jährige leitet das Modelabel People Berlin gemeinsam mit ihren zwei ehemaligen Studienkolleginnen Cornelia Zoller (32) und Ayleen Meissner (33).

Sie verstehen sich als „Designerinnen im sozialen Kontext“ und wollen Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen durch Mode einen Zugang zu Kultur bieten, sie fördern und ihnen eine Stimme geben. „Wenn Mode etwas ist, was wir uns jeden Tag anziehen, dann kann sicherlich jeder das kreative Potenzial haben, sich damit zu beschäftigen“, sagt Sichelstiel.

So entstand 2014 die Idee des Mode-Labels People Berlin. Das „People“ steht für die Menschen, die die Mode machen. Entworfen und produziert wird in einem kleinen Keller-Atelier nahe des Nöldnerplatzes in der Münsterlandstraße in Lichtenberg von Kindern und Jugendlichen, die zwischen 13 und 27 Jahre alt sind. Sie sollen, wenn es gut läuft, zurückfinden in ein Leben gesellschaftlicher Teilhabe, einen Alltag mit Tagesstruktur.

Die vierte Edition von People Berlin

„Früher habe ich auch schon ein bisschen genäht“, erzählt Mia (Name geändert), eine zierliche junge Frau mit blond-blauem Haar und tätowierten Armen. „Zum Beispiel Kochschürzen in der Oberschule oder ein Tabak-Täschchen für meine Freundin.“ Die 21-Jährige steht an einem großen Tisch und schneidet Papier. An der Wand hinter ihr hängen Mode-Bilder, Papier-Schnitte und Zettel mit Sprüchen wie „Dinge anders sehen“.

Der kleine Raum ist proppenvoll mit Regalen voller Stoffe. Nebenan gibt es Plätze mit Nähmaschinen und Bügeleisen. Hier entsteht derzeit die vierte Edition von People Berlin. Zwei Jugendliche arbeiten unter der Betreuung zweier Designerinnen. „Hier unten im Atelier bin ich eigentlich nicht so oft. Ich bin mehr der Mensch, der beim Ideensammeln hilft, nicht schneidet“, sagt Mia und rückt ihr Handy zurecht, das sie unter den Träger ihres Tanktops gesteckt hatte.

Wie eine große Werkstatt

Das Mode-Projekt wird seit 2015 vom Berliner Jugendhilfeverein Karuna e.V. getragen und ist Teil des Drugstops in der Münsterlandstraße. Der Drugstop ist ein offener Tagestreff für teils drogenabhängige und suchtgefährdete Straßenkinder sowie Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen, die beispielsweise in betreuten Wohneinrichtungen leben.

Die 21-jährige Mia spricht von „familiären Problemen“, weshalb sie in einer Berliner Einrichtung für betreutes Einzelwohnen lebe. Sie kommt seit zwei Jahren regelmäßig in den Drugstop. Kennengelernt hat sie die Einrichtung über eine Freundin.

Der Tagestreff wirkt wie eine große Werkstatt. Es gibt dort einen Esstisch mit fünfzehn Sitzplätzen, eine Küche, einen Arbeitsbereich mit vielen Materialien für handwerkliche Workshops wie etwa zum Siebdrucken oder Malen. Es gibt sogar einen eigenen Keramik-Brennofen.

Im Schutzraum

Das Keller-Atelier von People Berlin kann von einem kleinen Garten aus erreicht werden. Auf der kleinen Terrasse mit Sitzgelegenheiten stehen drei drei rauchende Jugendliche zusammen. Zwei andere junge Männer schnitzen an einem Holzbalken, der im Garten aufgestellt wurde, im Hintergrund läuft Musik.

Der Drugstop versteht sich als Schutzraum für die Kinder und Jugendlichen. Hier können sie neben diversen handwerklichen Workshops auch ab und zu Ausflüge mitmachen. Clean zu sein ist keine Voraussetzung, um den Drugstop besuchen zu dürfen. Drogen dürfen aber dort nicht konsumiert werden. Jeder kann kommen und gehen, wann er möchte, auf die Anonymität der Jugendlichen wird viel Wert gelegt. Wer will, kann Beratungsangebote von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen annehmen. Es ist auch möglich, dort einfach nur mit anderen Jugendlichen zu frühstücken oder die Wäsche zu waschen und mal zu duschen. 

„Am Anfang hatte ich damit zu kämpfen“

Es sind Angebote, die besonders von obdachlosen Kindern und Jugendlichen gerne angenommen werden. Die Gründe, weshalb sie auf der Straße landeten oder drogenabhängig wurden, sind sehr unterschiedlich. Manche von ihnen kommen wie Mia aus zerrütteten Familienverhältnissen, haben Erfahrungen mit Gewalt gemacht, sind von zu Hause weggelaufen oder haben die Schule abgebrochen.

Zora (Name geändert) ist 28 Jahre alt und kennt den Jugendhilfeverein bereits ihr halbes Leben lang. Seit 14 Jahren besucht sie den Drugstop und macht bei den Workshops mit. Zora hat Dreadlocks in ihre Haare geflochten, trägt viel Schmuck, schwarze Fingernägel, viele Piercings und Nieten. Dieses Jahr arbeitet sie an der People Berlin Edition mit. Das Zeichnen und Anfertigen von Modeschnitten macht ihr Spaß. Es ist das erste Mal, dass sie sich mit Mode-Design und Produktion beschäftigt. „Am Anfang hatte ich damit zu kämpfen“, sagt Zora, „wenn man sich aber mal reingefriemelt hat, bekommt man ein Gefühl dafür, und dann fallen einem auch viele kreative Sachen ein.“

Finanziell gefördert

„Sozialpädagogen kennen manche der Jugendlichen, die zu uns kommen, teilweise schon ihr Leben lang“, sagt Designerin Sichelstiel. „Bei uns haben die Jugendlichen den Raum, sich nicht mit ihren Problemen auseinandersetzen zu müssen, sondern in die Zukunft zu sehen.“

Nach einer Schätzung des Deutschen Jugendinstituts (DJI) vom März 2017 haben bundesweit rund 37.000 junge Menschen bis 26 Jahre keinen festen Wohnsitz. Mehr als 7000 von ihnen sind nach dieser Statistik minderjährig. Die Stiftung Alternaid für Menschen in Not, die auch den Berliner Verein Straßenkinder e.V. fördert, geht je nach Jahreszeit von 2000 bis 3000 obdachlosen Jugendlichen in Berlin aus.

Ein oft wechselndes Team

Die neue Edition soll die Jugendlichen „sichtbar machen“, Menschen, denen als „Junkies“ ansonsten wenig zugetraut wird. Ihr Mode soll zeigen, dass auch sie Stärken haben, und wie sie die Welt wahrnehmen. Ein Jahr lang arbeiten die Designerinnen mit den Jugendlichen wie in einem normalen Designer-Team zusammen, mit Konzeptionsphase und Produktion. Allerdings mit dem großen Unterschied, dass das Team oft wechselt. Manchmal arbeiten nur zwei Jugendliche mit, an anderen Tagen fünf. Manche nähen nur, andere beteiligten sich mehr am Brainstorming.

Die Jugendlichen können jederzeit einsteigen, keiner muss bis zum Ende bleiben. Die Designerinnen achten als Projektleiterinnen darauf, dass die Kleidungsstücke, Accessoires und Kunstobjekte zur Veröffentlichung der Edition fertig werden.

Einnahmen fließen in das Projekt zurück

Durch die finanzielle Förderung des Kinderhilfswerkes terres de hommes und die VW-Belegschaftsstiftung muss das Modelabel nicht wirtschaftlich arbeiten. Wird ein Kleidungsstück oder ein Kunstobjekt verkauft, fließen die Einnahmen an das Projekt zurück. Damit werden Stoffe und andere Materialen beschafft.

Mia hat mittlerweile fertig ausgeschnitten und will auch eine Zigarette rauchen gehen. Sie war in ihrem ganzen Leben nur einmal in den Hackeschen Höfen und zwar bei der Eröffnung des People Berlin Stores. Dort hat die 21-Jährige gecatert. Professionell einmal in die Mode-Branche zu gehen, kommt für sie nicht infrage. Sie sagt, „Mode oder nähen kann ich mir für meine Zukunft nicht vorstellen.“