Berlin - In Charlottenburg gibt es die erste Föhnbar Deutschlands. Ein Selbstversuch führt zu Cocktails im Haar und Promi-Allüren.

Neukölln, 9.45 Uhr, Schneefall: Das Haar sitzt. Okay, vielleicht nicht ganz so perfekt wie jenes des Models, das diesen Satz in den 90er-Jahren im „Drei Wetter Taft“-Werbespot berühmt machte. Statt so einer Haarspray-Mähne trage ich wie jeden Morgen meinen Bequemlichkeits-Dutt. Haare nach hinten, Zopfgummi drumgewickelt, kein Kämmen, kein Scheitel, kein Pony – fertig. Meine Freunde spotten manchmal, ob ich diese Frisur auch nachts tragen würde, oder ob ich in dem Haarknäuel Dinge verstecken könnte. (Die wahrheitsgemäße Antwort müsste „ja“ lauten.) Doch gleich wird alles anders: Ich habe einen Termin in der Drybar, dem ersten Föhnsalon des Landes. Hier werden Haare nur gewaschen und geföhnt, Scheren oder Farbpinsel kommen nicht zum Einsatz.

Unweit des Kurfürstendamms eröffneten Sascha Stolic, 41, und seine Frau Kim, 34, die Drybar im vergangenen August. Und die Kundinnen sitzen tatsächlich an einer Art Tresen, der sich lang durch den Raum erstreckt. In den Regalen hinter dem Tresen, wo in einer Bar Spirituosen stehen, sind Haarpflegemittel verteilt. Auf einem Flatscreen läuft „Fashion TV“ – Modenschauen in Dauerschleife.

„Wir haben die Idee aus dem Urlaub in Los Angeles mitgebracht. Dort gibt es an jeder Ecke eine ,Blow Dry Bar’“, erzählt Kim Stolic. „Wohlfühlen für zwischendurch“ lautet das Konzept ihres Familienunternehmens. „Schöne Frisuren sind nicht nur was für Bälle oder Hochzeiten.“ Manche Kunden kämen zweimal pro Woche – einfach, um sich etwa wippende Locken zu gönnen. „Beim Friseur ist es schwer, kurzfristig einen Termin zu bekommen. Besonders, wenn man die Haare nicht schneiden, sondern nur stylen will. Hier kann man jederzeit reinschneien.“ Gesagt, getan.

Glatter „Cuba Libre“, geschmeidiger „Mojito“

Charlottenburg, Drybar, 10.30 Uhr, Zimmertemperatur, das Haar klettet und filzt. Als Friseurmeisterin Jennifer Totzl (28), eine von fünf Stylistinnen, meine mittlerweile offenen Haare inspiziert, wünscht sie sich wahrscheinlich kurz, sie hätte einen anderen Beruf ergriffen. Denn ungekämmt und zuletzt mit der Küchenschere geschnitten, gleicht meine Frisur einem Besen – nicht leicht, daraus seidige Föhn-Wellen zu machen.

Ich solle mir aus dem Stylebook einen „Cocktail“ aussuchen und könne dann in der Shampoo-Lounge Platz nehmen, werde ich angewiesen. Bevor ich vor lauter Anglizismen die Flucht ergreifen kann, wird mir eine Getränkekarte für Haare gereicht. „Cuba Libre“ steht für glatt und geschmeidig, „Mojito“ für leichte Locken und so weiter. Jede Frisur kostet 35 Euro. Ich entscheide mich für den „Cosmopolitan“ – große und viele Locken.

Während mir Jennifer Totzl die Haare wäscht, erzählt sie von der Kundschaft im Laden: „Das Publikum ist total gemischt, es kommen 14- bis 80-Jährige. Ungefähr 15 bis 20 Kundinnen haben wir am Tag. Bei Veranstaltungen, zum Beispiel während der Fashion Week, rennen uns die Damen die Bude ein.“ Mittlerweile seien aber auch rund zehn Prozent der Kundschaft männlich, fährt Kim Stolic fort. Sie kämen, um sich für 5 Euro eine Kopfmassage zu gönnen. Die Stolics wollen in diesem Jahr eine weitere Drybar in Berlin eröffnen, auch Filialen in Hamburg und München sind geplant. „Manchmal finden Promis den Weg zu uns, aber eine elitäre Tussibude sind wir nicht“, sagt Kim Stolic.

Der Einsatz des „Paddlebrush“

Wie zum Beweis betreten zwei Frauen den Laden, im Parka und mit Wollmütze. Bequemlichkeits-Dutt-Trägerinnen. Ich danke einer höheren Macht für diese Fügung und fühle mich gleich wohler. Die nassen Haare mit einer Lockencreme versehen, habe ich wieder an der Bar Platz genommen – und bin zunehmend begeistert, was Jennifer Totzl aus meiner Besen-Frisur zaubert. Nachdem sie alles mit einer breiten Bürste, die „Paddlebrush“ heißt, glatt geföhnt hat, zwirbelt sie mit einem Glätteisen, dem „Styler“, Strähne für Strähne zu Locken auf.

Mitte, 13 Uhr, Winternebel, das Haar verzückt. Beschwingt spaziere ich ins Büro, nicht ohne mich dabei geschätzte hundertmal im Schaufenster zu begutachten. Am Hinterkopf fallen Korkenzieher-Locken auf meine Schultern, vorne hält eine Föhnwelle sie mir aus dem Gesicht. Ich fühle mich wie eine Schauspielerin. Oder wie eine amerikanische Präsidenten-Gattin. Irgendwie prominent jedenfalls. „Mit einer schönen Frisur kann man unterhalb des Kopfes einen Müllsack tragen, da guckt niemand mehr hin“, hatte Kim Stolic vorhin gescherzt. Tatsächlich starren die Kollegen mich an, als hätte ich einen neuen Irokesen-Schnitt. „Wunderschön“ oder „elegant“, sagen die Frauen. „Wie in der Serie ,Dallas‘“ oder „Fußballer-Frau“ kommentieren die Männer.

An mir prallt das alles jedoch völlig ab. Denn ich bin heute prominent.
Drybar, Walter-Benjamin-Platz 3. Di-Fr 10-19 Uhr, Sa 10-17 Uhr. Tel.: 45 08 67 26