Ein steifer Wind weht über der Uckermark. Johanna Häger lässt ihren Blick über die umliegenden Felder schweifen. Wo Großstädter befreit von der Enge der Häuserfluchten Weite atmen, sieht Johanna Häger die Herausforderung.
Die vergangenen sieben Jahre hat sie damit verbracht, die Winde zu bändigen, dass sie ihr nicht mehr den fruchtbaren Boden davontragen. Monatelang hat sie die Landschaft beobachtet; hat dann Modelle aus Lehm gebaut, um herauszufinden, wie das Regenwasser über das Gelände läuft; dann ließ sie Radlader kommen, grub damit die Erde um, pflügte breite Pfade hinein, schob die Schollen zu Hügeln auf, riss eine Wunde in die Landschaft.

Wenige Wochen später begann diese Wunde zu blühen, aus den Wällen schossen Kornblumen, wilde Margeriten und Mohn. Ihre Samen hatten in der Erde geschlummert. Wenn man so will, hat Johanna Häger sie nur geweckt. Danach pflanzte sie Gehölze, die schnell wachsen: Birken, Weiden, Pappeln, dann Obst- und Walnussbäume, Linden, Rosen, Felsenbirnen, Schlehen, Holunder, Hasel.

Viele Puzzleteile

„Mit der Natur arbeiten, statt gegen sie“, sagt Johanna Häger, wenn sie erklären soll, was sie hier eigentlich macht, auf diesem Hof mit seinen 2,5 Hektar Land in Gerswalde, ein Dorf mit 1600 Einwohnern gut eineinhalb Autostunden von Berlin entfernt. Sie lebt hier mit Christoph Steinberg, ihrem Mann, und ihren zwei Kindern, außerdem zwei Helfern vom Bundesfreiwilligendienst. Und dann sind da noch die Hühner, Pferde, Schweine und Katzen.

Die Sorge um die Natur ist einer von drei Grundsätzen, an die sie sich halten. Sie sind Teil eines Konzepts, das sich Permakultur nennt. Es soll den Menschen gut gehen, ist noch so ein Grundsatz, damit ist zum Beispiel soziale Gerechtigkeit gemeint und der Gedanke, dass noch die Enkel auf dieser Welt leben können sollen; der dritte heißt: Konsum und Wachstum begrenzen.

Es sind Prinzipien, die in den Siebzigern von zwei Australiern erdacht wurden. Wenn man sich aber mit Johanna Häger unterhält, merkt man schnell: Sie sind aktuell wie nie.

Globale Probleme lokal lösen ist zum Beispiel so ein Slogan der Permakulturbewegung, den wohl viele unterschreiben könnten, die in den Städten in den Biomärkten Frisches aus der Region kaufen, die Ökostrom nutzen und fair gehandelten Kaffee trinken. Und sich in zahlreichen Gemeinschaftsgärten tummeln, weil sie nicht nur das Bedürfnis haben, selbst die Hände in die Erde zu stecken, sondern auch, ihr eigenes Gemüse zu ernten. All das sind Puzzleteile. Menschen wie Johanna Häger und ihre Familie versuchen, sie zusammenzusetzen.

Im Hausflur hängt ein Bild, das zeigt, wie es einmal ausgesehen hat auf dem Grundstück, bevor es Johanna Häger und ihre Familie vor sieben Jahren bezogen. Es ist eine dieser Luftaufnahmen, wie es sie aus den Siebzigern von vielen Höfen gibt: ein schmuckloses Bauernhaus, daneben eine Scheune und sonst nur karges Ackerland, wo jetzt Bäume und Sträucher erste Knospen zeigen und die Pferde über die Koppel traben. Es ist, als hätte sie eine Wüste zum Blühen gebracht.

Johanna Häger hat Landschaftsarchitektur studiert, als sie Permakultur entdeckte. Sie ließ sich darin auf einer Farm in Spanien ausbilden und schrieb ihre Diplomarbeit über den eigenen Hof.

Die Bedeutung der Ringelnatter

Es waren keine einfachen Jahre. Sie haben sie im ständigen Provisorium verbracht. Die Wohnküche, der ehemalige Stall, in den nur durch Luken Tageslicht fiel, ist gerade erst fertig geworden. Sie haben große Fenster in die Wände gesetzt, die ihr Mann, ein gelernter Zimmerer, aus einem Abrisshaus in Mitte geholt hat. Im Zentrum des Raumes steht jetzt ein Kachelofen, auf dem Boden vor dem Klavier sprießen aus Töpfen Keimlinge. Johanna Häger zieht sie unter einer Wärmelampe vor, ehe sie sie in ihren Küchengarten setzt. Der ist ihr neuestes Projekt.

Auch das gehört zur Permakultur: Zonen schaffen, um energieeffizient zu sein und sich vom Groben ins Feine vorarbeiten. Erst alles erledigen, was Zeit braucht, Bäume pflanzen, Kinder bekommen, ein Haus bauen; dann die Feinarbeit. Dahinter steckt das Prinzip Optimierung: Wie kann ich mit wenig Aufwand so vielfältigen Ertrag wie möglich aus einer kleinen Fläche holen. Deshalb sind Bäume so wichtig, diese Alleskönner, die mit ihren Wurzeln den Boden festhalten, die CO2 binden, Sauerstoff produzieren, mit ihrem Laub die Erde düngen und Holz geben.

Es geht darum, sich selbst erhaltende Kreisläufe zu schaffen. Im Komposthaufen, der Humus liefert, nistet eine Ringelnatter, die wiederum Feldmäuse frisst. Ihre Beete lässt Johanna Häger von den Schweinen umgraben. Gerade lernt sie, wie man Pferde zum Ackerbau einsetzt.

In den vergangenen Jahren, sagt Johanna Häger, sind in der Uckermark viele solche Projekte entstanden. Sie sind gut vernetzt, pressen zum Beispiel zusammen Most. Meistens reicht es noch nicht, um Geld zu verdienen. So ist es auch nicht unbedingt gedacht. Johanna Häger gibt Permakulturseminare, gestaltet Gärten und leitet die Schlossgärtnerei im Ort; Christoph Steinberg hat eine kleine Zimmerei. Dazu kommen die Feriengäste. Und ein Stück ihres Ertrages geben sie bereits zurück an die Stadt, aus der sie aufgebrochen sind, zurück nach Kreuzberg: Sie liefern Gemüse an das Restaurant Zum Mond.