Berlin - Wenn ich ein Wort wählen müsste, das diese Zeit charakterisiert wie kein anderes, dann wäre es: „Atem“. Denn das Coronavirus hielt uns das ganze Jahr lang in Atem. Nicht nur das: Es verbreitet sich vor allem über den Atem, Stichwort: Aerosole. Und wohl jeder kennt inzwischen Menschen, die schwer an Covid-19 erkrankten, einem Leiden, das vielen buchstäblich den Atem nimmt. Und obwohl das alles bekannt ist, gibt es noch immer Leute, die jammern, weil sie ab und zu durch eine Maske atmen müssen.

Um den Atem geht es also überall. Mit ihm kann man auch viele Metaphern bilden. „Überall steigen die Corona-Zahlen und wir brauchen einen langen Atem“, schrieb Markus Söder auf Instagram, und viele taten es ihm gleich. Überall las man vom „langen Atem“, den man brauche, um diese Zeit zu überstehen. Bildhaft einsetzen lässt sich das Wort in verschiedenen Formen: kurzatmig – atemlos – stockender Atem – den Atem anhalten – Atempause.

Täglich bewegt der Mensch zwölf Kubikmeter Luft mit etwa 20.000 Atemzügen. Doch der Atem – übrigens ein uraltes Wort aus dem Mittelhochdeutschen – steht für viel mehr. Und zwar für Hauch, Geist und Seele, ja für das Leben selbst. In der Bibel heißt es: „Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“

Allerdings brauchte ich als Kind lange, um zu wissen, dass es „Atem“ oder – dichterisch überhöht – „Odem“ heißt. Denn wir Kinder sagten einst immer nur „Atn“. „Wetten, det ick ne halbe Minute ’n Atn anhalten kann!“, rief irgendeine Angeber-Bratze. Und wenn einen ein kräftiger Junge in den Schwitzkasten nahm, flehte man: „Hör uff, ick kann nich mehr atnen.“

Es lag wohl vor allem an der kindlichen Begriffs-Unkenntnis. Man spielte ja auch mit der „Munter-Monika“ und fuhr mit der „Lockemotive“. Der „Atn“ ist aber zugleich auch eine typische Berliner Wendung, wie 1965 der Sprachkenner Walther Kiaulehn erklärte. Das heißt: Auch Erwachsene sprachen oft so. Helene Fischer hätte als alte Berlinerin wohl „Atnlos durch die Nacht“ gesungen. Und statt „einatmen“ hieß es „inatnen“. Eine Berliner Drohung lautete: „Dir atn ick in!“ Wie das aussehen sollte, wusste man zwar nicht. Es bestand jedoch die Gefahr, dass man hinterher jemandem „quer vor de Neese“ hing – oder „quer vorm Maaren“ (also Magen). Und wer zu viel quasselte oder sich aufregte, der hörte den Spruch: „Mensch, halt mal’n Atn an!“ Also: Sei still!

Dies hätte man gern öfter gesagt im vergangenen Jahr, als so manche irre Corona-These durch die sozialen Medien rauschte: Pseudo-Wissenschaft, Realitätsverweigerung, Verschwörungstheorien. Dabei hörte man manchmal so atemberaubenden Unsinn, dass einem der Atem stockte. Angesichts all der Debatten sagte mein alter Schulkumpel irgendwann: „Mensch, dieser janze Corona-Wahnsinn könnte janz schnell ’n Ende ham. Alle bräuchten nur mal ’ne halbe Stunde den Atem anzuhalten. Dann wäre Ruhe.“ Ja, das wäre auch eine Möglichkeit.