Großflächige Plakate in den Fernbahnhöfen von Frankfurt am Main, Hannover, Dortmund und Würzburg sollen ab nächster Woche junge Leute nach Berlin locken – um dort Lehrer oder Erzieher zu werden. „Du hast unseren Kindern gerade noch gefehlt!“, wird auf den Plakaten in großen, roten Buchstaben geschrieben stehen. Der Spruch passe zu Berlin, heißt es in der Bildungsverwaltung. Hart, aber herzlich eben(d). Gerne hätte man noch in weiteren Zentralbahnhöfen geworben, doch dort waren die Werbeflächen wegen des heraufziehenden Weihnachtsgeschäftes schon ausgebucht. Stattdessen verteilt man nun zahlreiche Postkarten überall in Deutschland in Kinos und Cafés, schaltet Anzeigen – und an diesem Donnerstag verschenken Promotion-Teams an den Unis in Dortmund und Düsseldorf Pfannkuchen mit der Aufschrift „Probier mal Berliner.“ Ein kleines Wortspiel, weil die Pfannkuchen woanders Berliner genannt werden.

Die Personalnot ist groß. Mit der bisher beispiellosen deutschlandweiten Werbekampagne will der Senat auch im kommenden Jahr genug Menschen finden, die die freien Lehrerstellen besetzen. Von ausgebildeten Pädagogen spricht man schon nicht mehr. Fast die Hälfte der zuletzt eingestellten Lehrer waren nicht pädagogisch ausgebildete Quereinsteiger, besonders viele davon an Grundschulen.

„Eine Bestenauslese kann meist nicht mehr stattfinden“, sagt eine Schulleiterin. Sie und viele Kollegen seien froh, wenn sie überhaupt jemanden finden. Natürlich können dadurch die Unterrichtsqualität leiden. Zumal die Quereinsteiger ja zusätzliche Betreuung durch andere Kollegen benötigten, um die Abschlussprüfung zu bestehen. Andererseits könne es auch hilfreich sein, dass Seiteneinsteiger über viel Lebens- und Berufserfahrung verfügten und oft besonders dankbar für die Aussicht auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag seien.

14.000 neue Lehrer in den nächsten sieben Jahren

Besonders dringend gesucht sind Grundschullehrer und auch Sonderpädagogen für die Inklusion. Für die Oberschulen sind vor allem Fachlehrer für Mathe, Chemie, Physik und Informatik kaum noch zu finden. Nach neuesten Berechnungen müssen bis zum Schuljahr 2024/25 knapp 14.000 Lehrer allein in Berlin neu eingestellt werden. Da viele Lehrer in Teilzeit arbeiten, werden tatsächlich noch mehr benötigt. Die meisten diese Lehrer sollen Pädagogen ersetzen, die in den Ruhestand gehen. Doch über 4500 Lehrer müssen in den nächsten Jahren auch wegen der steigenden Schülerzahlen eingestellt werden. Leider suchen auch die anderen Bundesländer in den nächsten Jahren zusätzliche Lehrer. Man will sich somit gegenseitig die Bewerber abjagen. Mecklenburg-Vorpommern hatte jüngst mit einen Etat von etwa einer Million Euro Anzeigen geschaltet. Da sind die 150.000 Euro, die Berlin für seine diesjährige Kampagne zahlt, fast noch wenig.

Berlin hat da schon einiges versucht: Zunächst warb man vor einigen Jahren gezielt in Bayern, weil dort zeitweise nur noch die Absolventen mit dem allerbesten Abschlussnoten eingestellt wurden. Viele in Bayern ausgebildete Junglehrer gingen tatsächlich nach Berlin, vernetzen sich in der Facebook-Gruppe „Bayrische Lehrer erobern Berlin“. Doch einige wollten zunächst nicht unbefristet beschäftigt werden, weil sie noch hofften, wieder nach Bayern zu wechseln. Dort werden wie in den meisten Bundesländern Lehrer verbeamtet. In Berlin werden Lehrer nur angestellt.

Im vergangenen Jahr lockte Berlin verstärkt Lehrer aus Österreich und auch aus den Niederlanden nach Berlin, schaltete dort Anzeigen. So warb man im Alpenland unter dem Motto „Keine Berge. Aber tolle Aussicht“ für die weltoffene Metropole Berlin. Ganz so viele Interessenten kamen dann offenbar nicht. Genaue Zahlen liegen der Bildungsverwaltung angeblich nicht vor. Zu Jahresbeginn warb Berlin dann mit Sprüchen wie „Na mach ma hinne. Bewirb Dich schnell“, doch vom Berliner Dialekt kam die Verwaltung schnell wieder ab.

Künftig will Berlin noch genauer erfassen, wo die interessierten Pädagogen herkommen. Zuletzt war nur klar, dass die meisten aus Brandenburg, Bayern und Baden-Württemberg kamen. Am 14. Oktober findet im IHK-Haus am Bahnhof Zoo erneut ein Berlin-Tag statt. Gut 120 Schulen und freie Träger wollen dort passende Bewerber finden. Wer einen Vertrag unterschreibt, bekommt die Reisekosten erstattet.