Personalnot: DDR-Lehrer dürfen in Berlin wieder unterrichten

Berlin - Auf diesen Moment hat Catrin Brümmer 26 Jahre lang gewartet. Ab Montag darf sie wieder als Lehrerin unterrichten. „Ich habe mir das immer gewünscht, aber zuletzt nicht mehr dran geglaubt“, sagt Brümmer, eine lebhafte Frau mit Kurzhaarschnitt. Sie ist eine von 158 DDR-Lehrern für die unteren Klassen, die nach der Wende nur als Erzieherinnen arbeiten durften und nun aus Personalnot wieder als Lehrer eingestellt worden sind.

Pech mit dem Stichtag

Catrin Brümmer hat als Erzieherin über Jahrzehnte weniger Geld verdient als viele Kolleginnen, mit denen sie einst am Institut für Lehrerbildung in Köpenick vier Jahre lang das Fach „Lehrer für die unteren Klassen“ studiert hatte. Es gab nämlich einen entscheidenden Unterschied: Wer zu einem bestimmten Stichtag im Jahr 1990 als Erzieher und nicht als Grundschullehrer gearbeitet hat, musste Erzieher bleiben. Die Grundschullehrer hingegen wurden verbeamtet. Sie mussten zuvor eine 60-stündige Weiterbildung absolvieren, die sogenannten Sternchenkurse. Abschließend mussten sie sich noch vor Schulräten aus dem Westteil der Stadt im Unterricht beweisen, das nannte sich Bewährungsfeststellung. Dann waren sie reguläre Lehrer.

„Bei mir stand das Wort Erzieher im Arbeitsvertrag, das machte den Unterschied“, erinnert sich Catrin Brümmer. Dabei hatte sie nach ihrem Studium als Grundschullehrerin gearbeitet, von 1987 bis 1989 am Senefelder Platz in Prenzlauer Berg. Weil sie damals aber schon im Bezirk Hohenschönhausen wohnte, das erste Kind geboren war und ihr Mann im Schichtdienst arbeitete, suchte sie sich dort eine Schule – und fing erst einmal als Erzieherin an. „Immer mit der Absicht, wieder als Lehrerin zu arbeiten“, wie sie sagt. Doch dann wurde sie zum zweiten Mal schwanger, es kam die Wende, und als sie einige Zeit nach der Geburt ihres zweiten Kindes im Frühjahr 1991 wieder anfing zu arbeiten, musste sie Erzieherin bleiben. „Ich fühlte mich degradiert.“

So ging es damals vielen Lehrern für die unteren Klassen. Dabei war es meist Zufall, ob jemand zu besagtem Stichtag als Erzieher oder Lehrer für die unteren Klassen arbeitete. „Oft wurde das einfach so eingeteilt, wie es gerade passte“, sagt Brümmer. Jetzt sitzt sie im ersten Geschoss der Grundschule auf dem lichten Berg und bereitet sich darauf vor, nach all den Jahren wieder als Lehrerin zu arbeiten. Etwas ehrfürchtig schaut sie das Smartboard an, das die Kreidetafel ersetzt hat. Gerade hat sie erfahren, dass sie gleich am ersten Schultag eine Klasse übernehmen muss. Als Vertretung, die Klassenlehrerin hat sich kurzfristig krankgemeldet. Doch heute ist sie in die Schule gekommen, um ihre neue Kollegin auf die Klassen vorzubereiten. „Sie werden alle Geld mitbringen für die Klassenkasse, da musst Du Dir schnell aufschreiben, wer schon bezahlt hat“, sagt die krankgeschriebene Klassenlehrerin und weist noch darauf hin, dass das Hausaufgabenheft neuerdings Lerntagebuch heißt.

„Es ist schon eine Umstellung“, sagt Brümmer. An ihrer neuen Schule in Lichtenberg unterrichtet sie nun eine altersgemischte Klasse, die Erst-, Zweit- und Drittklässler haben wird. Auch das ist neu für sie. „Da muss ich mir genau überlegen, wem ich welches Arbeitsmaterial gebe“, sagt die 52-Jährige. Aber genau das habe sie ja all die Jahre gewollt. „Den Ablauf des Unterrichts selbstständig vorzubereiten und dafür zu sorgen, dass die Kinder gut mitkommen.“

Kurzer Ausflug in die Vorschule

Nach der Wende hat sie sogar eine Fortbildung zur Vorschullehrerin gemacht und später an ihrer alten Schule in Hohenschönhausen eine Vorklasse geleitet. Doch die wurden 2005 abgeschafft. „Da fühlte ich mich zum zweiten Mal degradiert.“ Seither arbeitete sie wieder als Horterzieherin. Als es vor zwei Jahren das erste Mal Gerüchte gab, dass die DDR-Lehrer für die unteren Klasse wieder als Lehrer arbeiten könnte, bot sie sich sofort an. Erst passierte nichts, dann kam das Angebot. Allerdings verdient sie weniger als reguläre Grundschullehrer.

Ursprünglich wollte sie an ihrer Schule in Hohenschönhausen bleiben. Dort entschied man, dass es gegenüber den anderen Erzieherinnen nicht gut sei, wenn ihre ehemalige Kollegin ihnen plötzlich als Lehrerin gegenübertreten würde. Deshalb wechselte sie. Vielen anderen DDR-Lehrern für die unteren Klassen, die nach der Wende als Erzieher arbeiteten, bot sich diese Chance nicht mehr. Sie sind in Rente oder kurz davor.